Zwölf Stunden

Bilder der Großstadt

Die Fotogalerie C/O Berlin ist beliebt bei Kulturkennern, Hipstern und Touristen. 870.000 Menschen haben seit 2001 die Ausstellungen internationaler Künstler gesehen. Ein Haus-Besuch

09:05 Exakt fünf Tage liegen zwischen dem Ende der jüngsten Ausstellung und der Eröffnung der nächsten. „Wir starten und beenden immer zwei oder drei Ausstellungen gleichzeitig“, sagt Mirko Nowak, der Pressesprecher von C/O Berlin. „In den Tagen dazwischen geht es hier zur Sache.“ Eine Retrospektive des schwedischen Fotografen Christer Strömholm und eine Schau des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidel warten an der Oranienburger Straße auf die ersten Besucher. Die Bilder hängen bereits, doch die meisten Beschriftungen fehlen noch. Umherstehende Leitern und Werkzeugkisten lenken das Auge von den Bildern ab. „Gearbeitet wird immer bis kurz vor Schluss“, sagt Nowak.

09:55 An „guten Tagen“, meist sonnabends oder sonntags, verkauft Eva Gjaltema mehr als 1000 Eintrittskarten. Heute wird es keine einzige sein. Am Tag vor der offiziellen Eröffnung der Ausstellungen gibt es einen Rundgang für die Presse und abends eine Vernissage, bei der niemand zahlen muss. Eva Gjaltema sortiert mehrere Strömholm-Bildbände in die Regale unter ihrem Tresen. Sie ist gelernte Fotografin, wie die meisten der 53 Mitarbeiter.

10:50 Laura Kahle begrüßt die ersten Journalisten, die zum Presserundgang erscheinen und reicht ihnen Mappen und Informationsmaterial. „Das hier ist nicht mein üblicher Arbeitsplatz, eigentlich bin ich immer im Büro“, sagt die Kunsthistorikerin, die als Team- und Projektassistentin arbeitet und mit der Organisation der Ausstellungen betraut ist.

11:10 Die Ausstellung von Christer Strömholm wurde aus Stockholm übernommen. Die schwedische Kuratorin und Joakim Strömholm, ein Sohn des 2002 verstorbenen Fotografen, sind nach Berlin gereist. „Rauh und grobkörnig sind die Bilder von Christer Strömholm – genau wie der Charme des Postfuhramtes“, beginnt die Begrüßungsrede des Galerie-Direktors und -Gründungsmitglieds Stefan Erfurt. Joakim Strömholm erzählt von seinem Vater, der nie im Auftrag einer Zeitung oder eines Magazins gearbeitet hat und sich von seiner Neugier durch die Welt treiben ließ. Das Lieblingsbild des Fotografen zeigt einen Jungen in Frankreich, der vor einer Bühne steht und fasziniert auf die Beine einer Sängerin starrt.

12:15 Die melancholischen Schwarz-Weiß-Fotos von Strömholm machen es dem Betrachter leicht, sie zu mögen. Die Filmfotos des Österreichers Ulrich Seidl, die im ersten Stock in der Turnhalle zu sehen sind, machen dagegen beklommen. Sie zeigen Menschen, die keinem gängigen Schönheitsideal entsprechen, in tristem Ambiente. Die Fotos sind vulgär und böse, aber perfekt komponiert. Seidls aktueller Film heißt „Paradies: Liebe“ und handelt von einer alternden österreichischen Sex-Touristin, die in Kenia Liebe und Aufmerksamkeit sucht. „Ulrich Seidl ist einer der Regisseure, die visuell immer wieder an die Grenze gehen“, sagt Kurator Felix Hoffmann den Teilnehmern eines weiteren Rundgangs durch die Ausstellung. „Nicht nur visuell“, gibt Seidl zurück und lacht.

13:30 Nana deutet auf ein großformatiges Foto, auf dem sie vor gut 50 Jahren zusammen mit zwei Freundinnen zu sehen ist. „Les amies de Place Blanche“ heißt der bekannteste Bilderzyklus Strömholms. Er zeigt Nachtschwärmer, Transvestiten und Künstler. Die beiden Transsexuellen Nana und Jacky waren zu Beginn der 60er-Jahre seine Musen. Jetzt sind sie nach Berlin gereist und erzählen von längst vergangenen Zeiten, was ihnen sichtlich viel Spaß macht.

14:40 Eine Lichtskulptur des britischen Künstlers Robert Montgomery soll auf dem Dach des ehemaligen Postfuhramtes über der Oranienburger Straße zu sehen sein. Die Installation trägt den Schriftzug „All palaces are temporary palaces”, ein passendes Motto für eine Kunstinstitution, die bald einen neuen Standort hat. Die Veranstaltungstechniker Michiel Hujben, Timo Schierholz und Teunis van Panhuis balancieren mehrere Meter lange Holzlatten durch das Treppenhaus. Immer wieder entfährt ihnen ein Stöhnen oder ein „Mannomann!“

15:30 In den vergangenen Tagen hat Marcus Gründel Dutzende von Bildern verpackt und ausgepackt, abgehängt und aufgehängt. Jetzt widmet er sich einer Schautafel, auf der Besucher die Filmographie Ulrich Seidls nachlesen können. Auf speziellen Folien sind Rubbelbuchstaben, die Marcus Gründel auf einen grauen Untergrund schabt. Es ist ein lautes, penetrantes Geräusch, das empfindliche Zeitgenossen in die Flucht schlagen dürfte. „Die Beschriftungen sind immer das letzte, was man macht, wenn die Presse weg ist und die Besucher noch nicht da sind“, sagt der Fotograf, der seit einigen Jahren immer wieder beim Aufbau der neuen Ausstellungen hilft.

16:25 Kuratorin Ann-Christin Betrand sieht sich in der Stömholm-Schau um. „Da wir die Ausstellung aus Stockholm übernommen haben, mussten wir sehen, wie wir sie an unsere Räumlichkeiten anpassen“, sagt sie. „Es ist wichtig, dass die Bilderzyklen nicht auseinandergerissen werden.“ Die Arbeit von Strömholm bewundert sie. „Er ist ein Godfather der Fotografie.“

17:15 Der Sektstand ist aufgebaut. Leitern, Folien Werkzeuge sind fort. Die Gäste können kommen.

18:05 Das Pre-Opening hat begonnen. Das Catering-Team schenkt Sekt aus. Rund 100 Ehrengäste laufen durch die Ausstellungshallen. Stefan Erfurt betont in einer kurzen Rede noch einmal, dass diese beiden Ausstellungen die letzten im Postfuhramt sein werden. Wehmütig ist er trotzdem nicht. „Aber nicht doch. Wir sind froh, dass wir einen neuen Standort gefunden haben und dass es weiter geht“, sagt er. „Das hier war wirklich nicht immer das Paradies. Das Haus muss einfach von Grund auf saniert werden.“ Der abblätternde Putz gab dem Gebäude den von den Besuchern geliebten spröden Charme, die Mitarbeiter dagegen mussten auch immer wieder mit verstopften Wasserleitungen und anderen Altbau-Ärgernissen kämpfen.

19:10 Hunderte von Besuchern drängen in die Räume. Stefan Erfurt steht am Eingang, schüttelt Hände und redet mit bekannten Gästen. Etwa 2500 Besucher werden erwartet.

20:30 Maria hilf, die Band des Schauspielers Lars Rudoph, beginnt zwischen den Bildern Ulrich Seidls zu spielen. Hunderte von Besuchern schwirren durch die Räume. Mindestens bis Mitternacht werden die letzten Gäste noch bleiben. „Das ist immer so eine Mischung aus Vernissage und Party“, sagt Pressesprecher Mirko Nowak.