Berliner Kaffeehäuser - die große Serie Teil 8

Alles Praline

Die Konditorei Fester verschickt ihre Leckereien von Spandau bis in die USA

Der Anruf kam genau zwei Stunden vor dem Festakt. Am Apparat der Spandauer Wirtschaftsstadtrat mit der verblüffenden Nachricht, die feierliche Neueröffnung der Konditorei Fester am Markt in Spandau sei nicht genehmigungsfähig. Dem Firmenchef fehle ein Nachweis der Industrie- und Handelskammer über die Eignung zum Führen einer Konditorei. Klaus-Jürgen Rödiger, Konditormeister seit 1955, fast zehn Jahre Geschäftsführer des Spandauer Traditionsunternehmens und Schwiegersohn von Konditoreigründer Hellmuth Fester, durfte demnach den renommierten Familienbetrieb gar nicht leiten.

Mehr als 35 Jahre sind seit dieser Anekdote vergangen, von der Gäste und Kunden der Konditorei durch den Einsatz eines Motorradboten zum eiligen Überbringen des fehlenden Dokuments am wenigstens mitbekamen. Die feierten an diesem Junitag 1976 mit Prominenz und Geschäftsleuten, darunter der Geschäftsführer des berühmten Café Kranzler am Kudamm, wie geplant den Umzug der Spandauer Institution aus der Breiten Straße wenige hundert Meter weiter auf den zentralen Platz. Inzwischen existiert die 1936 gegründete Feinbäckerei samt Kaffeehaus am neuen Standort fast ebenso lange wie zuvor am alten. Bereits als Kind sei sie bei Fester gewesen, erinnert sich Ruth Smeilus. „Meine Mutter kaufte dort Kuchen oder ging einen Kaffee trinken“, erzählt die 78-jährige Spandauerin. Nicht nur wegen ihres guten Bohnenaufgusses, für den die Spandauer Cafébetreiber mit der Manufaktur Heimbs eine der ältesten deutschen Kaffeeröstereien zur Lieferung aus Hamburg in die Hauptstadt bewegt hatte, galt Fester von jeher als beste Adresse. Einen Namen machten sich der inzwischen verstorbene Firmengründer und seine Nachfolger vor allem durch ihre Konditorkunst. Und die fand auch fernab des Berliner Innenstadt-Trubels schon immer ihre Fans: Als Artur Brauner in Haselhorst noch die CCC-Filmstudios betrieb, gehörten Schauspielgrößen wie Hans Albers, Curd Jürgens oder Brigitte Mira nicht selten zu den Gästen. Später kamen Eberhard Diepgen und Gregor Gysi, Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl.

Heute ist es etwas ruhiger geworden auf den gut 140 Plätzen unter mehrflammigen Leuchtern und profilverzierten Wandpaneelen, wo die Zeit ebenfalls ein wenig stehen geblieben zu sein scheint. Touristen allerdings finden jüngst eher häufiger wieder den Weg in Spandaus gediegenes Altstadtcafé. Wie oft sie in letzter Zeit Kunden auf Englisch bedienen musste, kann Verkäuferin Heike Szkuat gar nicht sagen.

Auch die Spandauerin Ruth Smeilus sitzt regelmäßig mit Freundinnen um einen der Bistrotische und frühstückt. Die Brötchen seien hervorragend, findet Marlies Hentzsch. Christel Krüger schwärmt für den Eiskaffee im Sommer, auf der Terrasse mit Blick auf die Marktstände. Die Torten zu erwähnen, vergessen die drei zunächst ganz, so selbstverständlich ist ihnen da Festers Ruf. Jeder Stammkunde habe sein Lieblingsgebäck, weiß Heike Szkuat: „Die kommen rein und fragen gleich, ob ihre Torte da ist.“ Sicher ist das nicht, bei mehr als 50 verschiedenen Kreationen. Einige davon hat Klaus-Jürgen Rödiger selbst entwickelt, wie die „Fester Spezial“, ein Kunstwerk aus Vanille-, Nougat- und Weinbrandcreme, eingefasst von einem Kranz aus Löffelbiskuit, das Eingang in die im Oetker-Verlag erschienene Sammlung der „schönsten Original-Rezepte berühmter Konditoreien“ fand. Nach überliefertem, aber lange verschollenem und von Klaus-Jürgen Rödiger wiederentdecktem Rezept werden die „Spandower Zimtprezeln“ gebacken.

Um sechs Uhr in der Backstube

Heute hat der Senior die Leitung der Konditorei Fester längst an Tochter Heike Rödiger abgegeben. Trotzdem kommt er noch jeden Tag pünktlich um sechs Uhr früh in die Backstube im ersten Stock, wo ein zweiter Gastraum auch einen schönen Blick auf den Marktplatz bietet. Pralinen sind weiterhin seine Domäne: „Alles mit Schokolade mache ich selbst“, sagt der 82-Jährige. Bis in die USA fänden die hübsch verzierten Leckereien mit Marzipan-, Trüffel- oder Nougat-Füllung ihren Weg, regelmäßig geschickt von einer Spandauerin, die dort Verwandtschaft habe, sagt Heike Szkuat. Solche Stammkunden werden bei Fester mit Namen begrüßt, zum Geburtstag wird ein Petit Four mit Kerze extra serviert. Und mancher wird von einem aus dem insgesamt 20-köpfigen Fester-Team noch auf seinem letzten Weg begleitet. Von der Beerdigung einer Über-90-Jährigen am Tag zuvor, die jahrelang jeden Vormittag auf einen Cappuccino vorbeigeschaut hatte, habe sie leider zu spät erfahren, bedauert Gaby Zion. Seit acht Jahren arbeitet die 42-Jährige als Servicekraft in der Konditorei. Es ist ihr dritter Gastronomiebetrieb in der Altstadt. „Aber von Anfang an wollte ich zu Fester. Das ist einfach eine Institution.“

Konditorei Fester, Marktstraße 4, 13597 Berlin, Öffnungszeiten Café Mo. bis Fr. 8 bis 18.30, Sa. 8 bis 18, So. 11 bis 18 Uhr, Tel. 333 58 72