Kreativwirtschaft

Die Universität der Künste als Jobmaschine

Die Hochschule hat seit ihrer Gründung mehrere 100.000 Arbeitsplätze in Berlin geschaffen. Sie gilt als Motor der Kreativszene

Die Studentin hat keine Beschwerden. Die Ausstattung sei super, sagt die blonde Frau und drückt die Presse fest auf den Stein. Es riecht nach Farbe, Lösungsmitteln und altem Holz. Victoria Schmidt druckt eine Lithografie, Formen in Gelb und Grün. Der Werkstattleiter gibt ein paar Tipps. „Das ist hier einfach eine gute Kunsthochschule“, sagt die Studentin der Visuellen Kommunikation an der Universität der Künste (UdK).

Verglichen mit der Massenuniversität sind die Zustände in den Werkstätten und Ateliers im Hauptgebäude an der Hardenbergstraße paradiesisch. Viel Platz, helle Räume, ausreichend Betreuer. An der UdK gibt es Studiengänge mit 15 Studierenden. Viele Dozenten sind internationale Spitzenklasse in ihrer Disziplin. Das lockt die Besten nach Berlin. Ein Drittel der knapp 4000 Studenten kommt aus dem Ausland. „In meinem Studiengang sind 30 Leute, nur vier kommen wie ich aus Berlin“, sagt Victoria Schmidt.

Die UdK, 1975 aus der Fusion mehrerer Vorgänger-Institutionen mit einem Stammbaum bis 1696 entstanden, ist ein oft unterschätztes Pfund für die Berliner Stadtentwicklung.

„Wir sind keine Orchidee“, betont der Präsident Martin Rennert, von Hause aus Konzert-Gitarrist, „sondern eine der vier Universitäten des Landes Berlin.“ Aus seiner Sicht ist die UdK einer der Motoren für die boomende Kreativ- und zunehmend auch Internet-Wirtschaft der Stadt. Seit 37 Jahren bringt die UdK, jedes Jahr fast 1000 Absolventen hervor. „Unsere Alumni-Forschung zeigt, dass 60 bis 70 Prozent der Leute in Berlin geblieben sind“, sagt Rennert. Die Kreativwirtschaft Berlins bis hin zu den großen Werbeagenturen oder Designunternehmen wie Scholz & Friends, Publicis, MetaDesign, komme aus der UdK, ohne im engeren Sinne Ausgründungen zu sein. „Insofern hat die UdK in Berlin mehrere 100.000 Arbeitsplätze geschaffen“, rechnet der Präsident vor.

Die Wirtschaft enger anbinden

„Wir müssen der Wirtschaft die Bedeutung der UdK stärker vermitteln“, sagt Wolfgang Hünnekens. Die Berliner Kreativbranche sei auch wegen der UdK gewachsen, sagt der langjährige Vorsitzende des Arbeitskreises Kreativwirtschaft in der IHK. Der Werbeunternehmer ist Mitgründer des Institute of Electronic Business, eines An-Instituts der UdK, mit Sitz direkt gegenüber dem Hauptgebäude an der Hardenbergstraße. Hier bilden sie die Fachleute aus, die direkt von der stark wachsenden Internet-Ökonomie aufgesaugt werden. Eigentlich war es Zufall, dass sein Institut nicht an der TU oder HU andockte, sagt Hünnekens. Die hätten seinerzeit einfach nicht so positiv auf seine Vorschläge reagiert wie die UdK. Aus heutiger Sicht wären sie falsch an einer anderen Universität, sagt Hünnekens, der einst eine Werbeagentur mitgründete und sein Geld inzwischen in diverse junge Unternehmen investiert. „Für das Internet sind Kunst und Künstler überaus wichtig.“ Jede Internet-Seite, jedes neue Produkt funktioniere nur über den Gestaltungsprozess. Künstler müssten dafür sorgen, dass das digitale Erlebnis funktioniere. „Erfolgreich ist etwas im Internet, wenn ein Mensch es annimmt, wenn es ihm hilft und ihm gefällt“, sagt Hünnekens. Dem müsse die Technik Rechnung tragen.

Ein Haus neben Hünnekens Institut hat die Fraunhofer-Gesellschaft in der fünften Etage eines Neubaus Raum für Forschungslabors und Projekte angemietet. Dort empfängt UdK-Vizepräsidentin Kora Kimpel in futuristisch gestalteten, aber noch ziemlich leeren Räumen. Die Professorin mit dem schwarzen Pagenschnitt lehrt Gestalten mit digitalen Medien und arbeitet seit 2009 mit Deutschlands größter Organisation für angewandte Forschung zusammen. „Discover Markets“ heißt das Programm, für das die Techniker den Kontakt zu Designern wie Kimpel suchen, um die Absatzchancen der Zukunft aufzuspüren. Und auch die UdK sucht auf dem „Campus Charlottenburg“ rund um den Ernst-Reuter-Platz die Zusammenarbeit zur benachbarten Technischen Universität. Da geht es auch darum, wie man künftig Bilder erzeugt und Sachverhalte visualisiert. Der Trend geht zu einer Visualisierung im Raum über Gesten, weg von den herkömmlichen Bildschirmen.

Die Kontakte zwischen Kreativen und Ingenieuren seien am Anfang nicht selbstverständlich, berichtet die Professorin von den Erfahrungen aus den diversen Projekten, von denen eines „Rethinking Prototyping“ heißt und sich neuen Methoden der Entwicklung von Prototypen widmet. Solche komplexen Vorhaben benötigten unterschiedliche Kompetenzen, sagt Kimpel: „Ingenieuren ist es verboten, zu spinnen. Wir dürfen spinnen.“

Und so spinnen sie in Kimpels Projekten, wo die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden oft verschwimmen und Lehrpläne allenfalls einen groben Rahmen bilden. Die Studenten dürfen zum Beispiel überlegen, was man den wirklich mit den neuartigen organischen Bildschirmen, sogenannten Organic LEDs, anfangen kann, einem Material, dünn und flexibel wie eine Folie. Eine von Kimpels Gruppen stellt sich daraus eine Fläche groß wie ein Fußballfeld als Bildschirm vor. Andere zerteilen das Material und visionieren die Zukunft eher in Stückchen klein wie Spielkarten. „Die Technologen sehen daran, welche Eigenschaften ein neues Display haben muss“, erklärt die Designerin den Erkenntnisgewinn. Viel zu oft hätten Ingenieure zwar technisch Hochwertiges erfunden, aber keinen Wert gelegt auf Bedienungsfähigkeit und Nutzen für die Menschen. Jetzt hätten aber auch die großen Unternehmen bemerkt, dass man nur mit Technologie allein keine neuen Märkte mehr erschließt. Von Anfang an werde inzwischen mitgedacht, wozu Technologie gut ist. Mit einem physischen Produkt müssten gleich die folgenden Serviceleistungen mitgedacht werden, weil mit denen später das Geld verdient werde, sagt Kimpel.

Die Einsatzfelder für die Gestalter gehen quer durch die Branchen. In einem Projekt haben sie eine intelligente Yoga-Matte für die Reha von Patienten entwickelt. Die Matte misst mit Sensoren die Körperdaten und kann dann dem Patienten selbst, dem Arzt oder dem Physiotherapeuten mitteilen, ob die Übungen richtig ausgeführt wurden. Überhaupt ist die Kontrolle von Patienten und ihren Daten ein wichtiges Thema. „Aber dann kommt immer die Frage auf, wie diese Geräte aussehen und wie sie nahtlos in den Alltag integriert werden können“, sagt Kora Kimpel. Und dann sind die Designer wieder voll im Spiel.

Hinter der Tür eines Saales im sechsten Stock eines rostbraunen Zweckbaus an der Lietzenburger Straße schwingen sich Trompetentöne in die Höhe. Konradin Groth vertreibt sich die Wartezeit mit ein paar Fingerübungen auf seinem Instrument. Der 65-Jährige war 14 Jahre lang erster Solo-Trompeter der Berliner Philharmoniker und wirkt seit 1998 als Professor für Trompete an der UdK. Erst der sechste für dieses Instrument seit der Gründung der königlichen Hochschule für Musik 1869, die in der UdK aufging. Wer hier ausgebildet wird, hat „ein sehr privilegiertes Studium“, sagt Groth. Erwartet werde, dass Absolventen das beherrschten, was „in den letzten 300 Jahren auf der Trompete funktioniert hat“, umreißt der Professor die Erwartung. Dafür hat er nur zwölf sorgsam ausgewählte Eleven. Jeder erhält regelmäßig anderthalb Stunden Einzelunterricht. Von der großen Vernetzung innerhalb der UdK bekommen sie hier, ein paar Kilometer entfernt vom Hauptgebäude und Sitz des Präsidenten am Einsteinufer, wenig mit. „Was habe ich zu tun mit Ingenieuren, die Häuser entwerfen“, fragt der Musiker und spricht von Kommunikation, die oft etwas „spröde“ sei. Aber die Außenwelt greift doch immer wieder das Idyll der Hochleistungs-Künstler an. Oft gingen seine Studenten zum Vorspielen bei Orchestern und Akademien, meist kämen sie ohne Engagement zurück. „Für unsere Studenten ist es schwieriger geworden“, weiß der erfahrene Lehrer. Kleinere Orchester, wo viele der Absolventen früher ihre Karriere hätten starten können, seien abgewickelt worden. Und ganz nach oben in die wenigen Spitzen-Ensembles schafften es eben nur wenige. Er rät dann dazu, Musiklehrer zu werden.

Ob sie nun im elektronischen Geschäft, im Design oder in der Musik tätig sind, alle Dozenten der Universität der Künste eint das gleiche Selbstbewusstsein. „Deutschland ist für die UdK nicht der Maßstab“, sagt Präsident Rennert: Wenn man 30 oder 40 Prozent Studierende aus der ganzen Welt hat und eine Vielzahl der Dozenten aus dem Ausland komme, „stehen wir mit anderen Hochschulen weltweit in Konkurrenz“. Die UdK sei zwar finanziell nicht so gut ausgestattet wie Hochschulen beispielsweise in Baden-Württemberg, sagt Designerin Kimpel: „Aber das Arbeiten ist hier besser, weil wir bessere Leute kriegen. Und Berlin ist dafür ein ganz wichtiger Faktor.“