Berliner helfen

Einsammeln und weitergeben statt wegwerfen

Seit 20 Jahren verteilt die Berliner Tafel Lebensmittel an soziale Einrichtungen und an Bedürftige

Die Berliner Tafel war Ilse Aigner weit voraus. Schon vor 20 Jahren traten engagierte Frauen den Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln an, putzten die Klinken von Supermärkten und Bäckereien, warben als Erste in Deutschland für die Idee aus den USA: Warum wegschmeißen, was noch völlig in Ordnung ist und andere brauchen?

So simpel und bestechend der Gedanke, so rasant breitete er sich in ganz Deutschland aus. Inzwischen gibt es bundesweit rund 900 Tafeln und schon in den 90er-Jahren wurde die Tafel zur größten sozialen Bewegung des Jahrzehnts ausgerufen. Die Berliner Tafel und allen voran ihr unermüdlicher Motor, die ehrenamtliche Vorsitzende Sabine Werth, haben allen Grund, stolz zu sein. Im Monat 660 Tonnen Lebensmittel zu verteilen, etwa 350 soziale Einrichtungen zu beliefern und insgesamt 125 000 Menschen zu erreichen, das ist aller Ehren wert. Aber es sind nicht nur die ungezählten Kisten, die über die Jahre bewegt wurden, sondern auch das sozialpolitische Engagement, das zählt. Die Berliner Tafel macht sowohl auf den Wegwerfwahnsinn als auch auf die Not von Menschen aufmerksam. Eine Arbeit, die weder von Finanzspritzen des Senats abhängt noch von großen Sponsoren. Spenden der Unternehmen werden gern gesehen, aber die Berliner Tafel lebt vor allem von der Treue der Berlinerinnen und Berliner, von vielen kleinen Spenden und den regelmäßigen Mitgliedsbeiträgen. Und sie basiert auf dem Ehrenamt. Ob bei den großen Einsätzen wie bei der Grünen Woche oder Fruit Logistica, ob bei den täglichen Touren quer durch die Stadt oder aber in den 45 Ausgabestellen von „Laib und Seele“. Allein bei dieser gemeinsamen Aktion von Berliner Tafel, Kirchen und RBB engagieren sich Woche für Woche 1300 Ehrenamtliche. Dabei engagieren sich auch die, die selbst Kunden sind. So gelingt im besten Fall ein herzliches Miteinander über Einkommens- und Bildungsgrenzen hinweg. Nahrung auch für die Seele – für Nehmende und Gebende. 20 Jahre sind aber kein Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen und sich als Beruhigungspille für eine unsoziale Gesellschaft missbrauchen zu lassen. Die erfolgreiche, bundesweite Arbeit kann leicht dazu verführen, sich einzurichten: Darin, dass in den Supermärkten immer noch zu viel geordert wird und die Regale bis Ladenschluss gut gefüllt sein müssen. Darin, dass Menschen mit Hartz IV oder kleiner Rente kaum über die Runden kommen, aber zur Tafel gehen können. Darin, dass Menschen sich zur Armut bekennen, ihre Scham überwinden müssen, um eine Zusatzversorgung zu bekommen.

Die Berliner Tafel war nicht nur die Erste ihrer Art in Deutschland, sondern entwickelt immer wieder neue Ideen. Zum Beispiel mit dem Kimba-Mobil, einem zur mobilen Küche umgebauten alten BVG-Bus, das nicht nur armen, sondern allen Kinder die Möglichkeit bietet, gesundes Essen, Kochen und Tischsitten kennenzulernen. Auch dank großzügiger Sponsoren, die der Tafel spenden, was sie sonst verkaufen: Küchenbedarf, Teppichböden, Lebensmittelkisten, Druckerpapier oder einen neuen Anstrich für den Kimba-Express, einen zur Küche umgebauten Eisenbahnwaggon.

Friederike Sittler leitet beim RBB die Redaktion Kirche und Religion. Im Jahr 2004 initiierte sie mit Sabine Werth „Laib und Seele“, eine Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des RBB. In 45 Ausgabestellen werden pro Monat an 48.000 Menschen Lebensmittelspenden verteilt.