Stadtplanung

"Wir brauchen mehr Stadt - und nicht mehr Siedlungen"

Architekt Tobias Nöfer fordert neue Konzepte. Ein Gastbeitrag

Berlin braucht mehr Wohnraum - das ist angesichts der steigenden Mieten unbestritten und spätestens nach der jüngsten Veröffentlichung der sehr positiven Bevölkerungsprognose nun allgemein bekannt. Nachdem durch den Bauboom und die abnehmenden Bevölkerungszahlen der 90er-Jahre in Berlin die Wohnungsfrage gelöst schien, erscheint das Problem plötzlich wieder am Horizont. 2030 sollen schätzungsweise 3,75 Millionen Menschen in der Hauptstadt leben.

In Krisenzeiten wird immer der Ruf nach einfachen Lösungen laut. Für die Wohnungsfrage ist das der Ruf nach der grünen Wiese. Einfach die Rieselfelder bebauen - in Serienproduktion in großen Mengen, Großsiedlungen, in denen ein Haus dem anderen gleicht. Dann ist schnell viel billiger Wohnraum da. Häusergebirge wie wir sie aus Gropiusstadt oder Marzahn kennen. Was hätte aber der Neubau riesiger Wohnanlagen Wiese für Folgen? Die Stadt würde größer, die Landschaft würde weiter zersiedelt, es müssten neue Straßen, Versorgungsleitungen, U-Bahnen, Schulen etc. gebaut werden, was sehr viel Geld kostet. Geld, das in der Regel nicht in die Kosten der neuen Wohnungen eingerechnet wird, weil es die Allgemeinheit trägt. Siedlung ist nicht billig - sie ist unendlich teuer, weil die weiträumige Versorgung und der Verkehr dauerhaft Kosten erzeugen.

Unwillen der Bürger

Allerdings ruft das Bauen als Nachverdichten der vorhandenen Stadt aber immer wieder den Unwillen von Bürgern hervor, die ihre Interessen wahren wollen. Mit der Erfahrung der jüngeren Architekturgeschichte ist diese Reaktion nachvollziehbar: Der Massenwohnungsbau der 60er- und 70er-Jahre in Ost und West war schon in den 80ern als städtebaulicher und architektonischer "GAU" entzaubert. Nicht erst seit der Internationalen Bauausstellung 1987 versprach die Fachwelt Besserung. Dennoch erfahren die Bürger die Neubauten in zentralen Lagen seitdem vielfach nicht als positiv, sondern fühlen sich deren negativen Folgen ausgesetzt: Auf den Kopf gestellte architektonische Prinzipien als Ergebnis von Architekturwettbewerben, deren einziges Ziel der Tabubruch zu sein scheint, vorne ist hinten, oben ist unten, innen ist außen. Der modernistische Architekt ähnelt dem Pubertierenden: Um jeden Preis will er anders sein, als man es von ihm erwartet. Vor lauter Anstrengung, als Künstler ernst genommen zu werden, produziert er nur noch Abstruses. Krasse Kontraste sind ein Muss - sie sind das einzig Verbindende. Experimentelle Materialien, die sich nach Kurzem als nicht alterungsfähig, sich dadurch als hässlich herausstellen und nicht selten gesundheitsschädlich sind; in schöngefärbter Immobiliensprache angepriesene Neubauten, über die sich nach der Fertigstellung nur noch Anwälte und Gutachter für Baumängel freuen. Das gebaute Ergebnis der Kopfgeburt erzeugt nur Kopfschütteln, ist aber für Jahrzehnte Teil der Stadt.

Nun werden Stimmen aus der Wirtschaft und Verwaltung lauter, die die Lösung der Wohnungsfrage im Bau neuer Großsiedlungen sehen. Angesichts der Hässlichkeit unserer verkehrszerstörten Stadträume, die von zu vielen Geschmacklosigkeiten und architektonischen Irrtümern umstellt sind, scheint der kleinste gemeinsame Nenner die durchgrünte Siedlung zu sein. Alle Seiten scheinen vergessen zu haben, was die schöne Stadt ausmacht, und deshalb glaubt auch niemand mehr an sie. Die Nachkriegszeit war so von Provisorien und Übergangslösungen geprägt, dass diese nun unsere Alltagswahrnehmung dominieren. Schon haben wir uns abgewöhnt, das Schöne zu fordern. Wer das tut, wird in Fachkreisen als gestrig verhöhnt. Die billigen Betonplatten haben auf den Bürgersteigen die Granitplatten der Vorkriegszeit ersetzt, das warmtonige Licht der Straßenbeleuchtung wird durch Neon und Orange ersetzt - kein Wunder, dass der Stadtraum unwirtlicher wird. Die Hässlichkeit und Billigkeit führt zur Stadtfeindlichkeit, weil sie den Menschen entwürdigt.

Grund für den bürgerlichen Widerstand ist also der Eindruck, dass in unserer technisierten Welt offenbar nichts Schönes und Dauerhaftes mehr entstehen kann. Daher ist auch jedes Neubauprojekt des Teufels, gegen das zu Felde zu ziehen Bürgerpflicht zu sein scheint. Beispiel Tempelhofer Freiheit: Eine Bürgerinitiative verhindert - erstaunlicherweise erfolgreich - die Bebauung des "Columbia Quartiers", bei dem auf Flächen des Landes Berlin Hunderte von preiswerten Wohnungen entstehen könnten. Obwohl die Planer in vorauseilendem Gehorsam das ökologische Bauen und die bürgernahe Finanzierung über Baugruppen zum Thema gemacht hatten, verhindert die Interessengruppe aus dem Kiez nach Kräften die Entwicklung. Dabei wäre die Bebauung der Flächen rund um das riesige und freibleibende Flugfeld Tempelhof angesichts der sich anbahnenden Wohnungsnot von gesamtstädtischem Interesse und könnte sich zum Paradebeispiel geglückter Nachverdichtung der Innenstadt entwickeln - auch weil es sich um landeseigene Flächen handelt. Die Politik stellt sich aber als nicht stark genug heraus, dem Partikularinteresse im Interesse der Gesamtstadt Paroli zu bieten. Noch wichtiger als das Richtige zu tun ist offenbar die Bürgerbeteiligung. Bei öffentlichen Diskussionsveranstaltungen wird aus den hinteren Reihen "wutgebürgert" - also lässt man es halt, und schwächt die Konzepte so lange ab, bis wirklich keinem mehr etwas einfällt. Welche Energie würde ein privater Investor entwickeln, die Bebauung auf der eigenen Fläche gegen unberechtigte Interessen durchzusetzen! Der Ausgang dieser Diskussion entwickelt sich zum Lackmustest für die Qualität der Städtebaudiskussion von Bezirk und Senat.

Schönheit ist notwendig

Die Planer und die Verwaltungen inklusive Straßenverkehrs- und Tiefbauamt müssen sich genau so wie die engagierten Bürger wieder und intensiv mit den Konventionen der städtischen Architektur beschäftigen, denn Schönheit in Städtebau und Architektur heißt, Gestaltungsregeln zu akzeptieren. Wie bekommt man die vielfältigen Nutzungen auf engem Raum, die die urbane Stadt ausmachen, so in Formen gebracht, dass nicht Alles mit Allem konkurriert? Was kann das Gemeinsame sein? Wie sieht moderne städtische Architektur aus und wie verbindet sie sich mit den Bauten aus den Jahrhunderten zuvor?

Es ist ein Irrtum zu glauben, mit billigem Neubau bekäme man bezahlbaren Wohnraum: Wer heute zu billig baut, lässt die Erben die Zeche zahlen. Bezahlbar sind heute in Berlin meist die Wohnungen in alten Gründerzeitbauten, die nicht nur bautechnisch, sondern auch ästhetisch Hunderte Jahre halten. Schönheit ist notwendige Voraussetzung für die dauerhaft funktionierende Stadt, deshalb muss sie bis ins Detail erkämpft werden. Berlin hat die Kraft, die städtische Berlinische Architektur weiter zu entwickeln.

Architekt Tobias Nöfer ist Beisitzer im Vorstand des Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin