Obdachlosenhilfe

Immer mehr Frauen in den Notunterkünften

In Berlin sind bis März rund 500 Schlafplätze finanziert

Die neue Kältewelle kann Berlins Obdachlosenunterkünfte erneut an den Rand ihrer Kapazität bringen. Bei der Stadtmission in der Nähe des Hauptbahnhofs gibt es 65 reguläre Schlafplätze. In den vergangenen Nächten kamen aber bis zu 150 Gäste, berichtet Sprecherin Ortrud Wohlwend. Eine neue Entwicklung sei, dass unter den Obdachlosen mehr Frauen seien als in den Vorjahren - in manchen Nächten bis zu einem Viertel aller Gäste. Früher waren sie in der Stadtmission eher eine Ausnahme. "Viele, aber nicht alle, stammen aus Osteuropa. Einige sind schwer psychisch krank und alkoholsüchtig", sagt Wohlwend.

Noch kann die Stadtmission neben den Schlafsälen auch ihren Aufenthaltsraum als Nachtquartier anbieten. Doch ab 200 Gästen wird es eng. Zum ersten Mal bietet die Stadtmission deshalb ihren Kältebus zur Fahrt in ein leereres Quartier an. Einige Obdachlose hätten dieses Angebot bereits angenommen, das entspanne die Lage. In Berlin sind bis März rund 500 Schlafplätze finanziert. Allerdings haben die Bezirke bisher erst 415 eingerichtet. Denn die Suche nach geeigneten Räumen wird besonders in der Innenstadt immer schwieriger. Und in die Außenbezirke wollen die Obdachlosen ungern fahren - denn S-Bahn-Tickets kosten Geld.

Die Zahl der Obdachlosen, die in der Hauptstadt das ganze Jahr auf der Straße leben, wird auf 500 bis 600 geschätzt. Genaue Zählungen gibt es nicht. Rund ein Drittel der Gäste in der Stadtmission kommt inzwischen aus dem Ausland - aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Lettland, Estland und Russland. Doch auch aus Pakistan, Iran und Schweden suchen Menschen Schutz. "Im Grund haben wir hier die ganze Welt", sagt Wohlwend.

Nicht immer bleibe die Stimmung in der Unterkunft friedlich. Bei Streitigkeiten gehe es aber weniger um die Nationalität als um eine Rangordnung: die Armen gegen die noch Ärmeren und Kränkeren, sagt die Sprecherin.

Luxushotel leistet Hilfe

Bei der Stadtmission bekommen Menschen von der Straße abends nicht nur eine warme Mahlzeit - oft mit Zutaten der Berliner Tafel - und einen Schlafplatz. Es gibt auch Dusch- und Waschmöglichkeiten sowie medizinische Versorgung. Einmal in der Woche liefert ein Berliner Fünf-Sterne-Hotel 70 Liter Suppe an - vom Chefkoch zubereitet. Auch Kekse und Schokolade sind sehr beliebt.

Der Kältebus der Stadtmission bringt Obdachlose wie bisher in jeder kalten Nacht in ein Quartier. Manchmal nehmen sie dieses Angebot aber erst nach Jahren des Nachfragens an. Eine Obdachlose lehnte trotz ihres Kehlkopfkrebses jede medizinische Behandlung ab. Und ein alter Mann brach in Tränen aus, als er nach dem Duschen seine von der Kälte strapazierte Haut eingecremt bekam. "Er war Zuwendung einfach nicht mehr gewöhnt", sagt Wohlwend. "Wir versuchen den Menschen hier ein Stück Würde zurückzugeben."

Die Hauptstadt bietet mit 16 Notübernachtungen, 14 Nachtcafés, den Kältebussen und dem Arzt-Mobil ein dichtes Hilfsnetz für Menschen auf der Straße. Im vergangenen kalten Winter gab es in Berlin nur 395 Schlafplätze, durchschnittlich kamen aber 460 Gäste pro Nacht.