Demonstration

"Wir gucken nur noch auf Baumstümpfe"

Anwohner protestieren gegen Fällaktionen des Bezirksamtes im Lietzenseepark

Sägen dröhnen. Stämme und Äste fallen am Lietzensee in Charlottenburg, sehr zum Ärger der Anwohner. Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf lässt 20 kranke Bäume im Park fällen weil ihre Standsicherheit nicht mehr gegeben ist. Fäulnis und Pilzbefall sind die Ursache dafür. Außerdem wurde Wildwuchs an der Böschung des Lietzensees, nahe der Kantstraße entfernt.

Anwohnerin Nici Theuerkauf kritisiert die Aktion. "Jedes grüne Blatt trägt dazu bei, dass in dieser vielbefahrenen Gegend Autoabgase in Sauerstoff verwandelt werden", sagt sie. Außerdem sorgten die Bäume an der Böschung auch für einen Schallschutz vor dem Verkehrslärm der Kantstraße. Sie habe beim Amt nachgefragt, erzählt Nici Theuerkauf. Und die Auskunft bekommen, dass der Wildwuchs die Ansiedlung wertvoller Bäume wie Eichen und Ahorn verhindere. Sie fordert: "Man sollte den Wildwuchs erst beseitigen, wenn Geld da ist, um neue Bäume zu pflanzen." Doch dem Bezirk fehlen die Mittel dafür. Neupflanzungen werden hauptsächlich über Spenden finanziert. Sie würde selbst einen Baum pflanzen, sagt Nici Theuerkauf. Doch das sei nicht möglich, weil zuvor erst die Stubben beseitigt werden müssten, die übrig geblieben sind.

Verkehrssicherheit geht vor

"In der Wundtstraße gucken wir seit fünf Jahren nur auf Baumstümpfe", kritisiert die Charlottenburgerin. Jahr für Jahr seien Bäume gefällt worden, die kniehohen Stümpfe seien stehen geblieben. Stadtentwicklungsstadtrat Marc Schulte (SPD) versteht die Unruhe. "Wir müssen für Verkehrssicherheit sorgen", sagt der Dezernent. "In einer öffentlichen Grünanlage ist dieser Aspekt sehr wichtig." Gefahrenquellen müssten beseitigt werden, doch man versuche, die gefällten Bäume zu ersetzen. "Dieses Thema führt in jedem Jahr zu Konflikten mit den Anwohnern", so Schulte.

Nicht nur bei Grünflächen wie dem Lietzenseepark. Auch im Grunewald. Mit lautem Brummen schiebt sich ein Harvester, ein Raupenfahrzeug, das Bäume fällt, durch den Forstabschnitt östlich der Teufelsseechaussee in Charlottenburg. Die Maschine sägt die Stämme und zieht sie und aus dem Wald heraus. Die Durchforstungen finden jeden Winter statt, wobei jedes Waldstück etwa alle zehn Jahre drankommt. Eine "Baumpflegemaßnahme" sei das, erklärt Marc Franusch vom Landesforstamt Berlin. Zum einen werden dabei kranke Bäume gefällt, aber es wird auch ein zu dichter Baumbestand gelichtet, um nachwachsenden Bäumen Lichtraum zu schaffen. Welcher Baum weichen muss, bestimmt der jeweilige Revierförster. Im Grunewald sind es vor allem Kiefern, die in die Fänge des Harvester gelangen. Vor allem Kiefern sind in den letzten 60 Jahren hier gepflanzt worden, da sie relativ anspruchslos sind und schnell wachsen. Sie machen dort 80 bis 90 Prozent des Baumbestandes aus. "Die Durchforstung im Grunewald dient auch dazu, das Wachsen der Laubgehölze zu ermöglichen", sagt Franusch. Vor allem der Anteil an Birken und Eichen werde in den kommenden Jahrzehnten steigen.

Auf die anstehende Aktion nahe den Siedlungen Heerstraße und Eichkamp wurde auf Anschlägen im Gebiet hingewiesen, dennoch stößt die Durchforstung nicht bei jedem Hundebesitzer und Jogger, die in den frühen Morgenstunden zahlreich durch das Areal ziehen, auf Zustimmung. Ihr Idyll ist auf einmal verschwunden. "Wie sieht das denn hier aus?", schimpft eine Mittvierzigerin mit Mischling, den sie ausnahmsweise mal an der Leine führt - nicht dass er auch noch in der tonnenschweren Maschine landet. In der Tat, das gibt auch Marc Franusch zu, sieht es hier gerade ganz schön wüst aus. Die Wege sind durch Äste zum Teil unpassierbar oder völlig zerfurcht. Und die Furchen bilden durch die inzwischen eisige Witterung reichlich Stolperfallen, wie gerade wieder eine Joggerin feststellt, die sich im letzten Moment noch fangen kann. An dem Zustand wird sich so schnell auch nichts ändern. "Die Hauptwege werden nach dem Winter wieder in einen guten Zustand gebracht", versichert Franusch zwar, aber er sagt auch, dass ansonsten nicht weiter "aufgeräumt" wird. Schließlich sei der Grunewald kein Park, sondern ein Wald, und den gibt es eben nicht besenrein. Die von der Fällung übriggebliebenen Äste und das Reisig- und Kronenmaterial seien ein wichtiger Lebensraum für Tiere und für den Nährstoffkreislauf des Waldes wichtig.

Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und das Ökowerk Berlin laden am 24. Januar, 17-19 Uhr, zu einer Diskussion über den Umgang mit Straßenbäumen ins Rathaus Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 100, ein.