Gewalt

Messerstecherei in S-Bahn - Angeklagte schweigen vor Gericht

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Michael Mielke

Täter soll Opfer auf dem Bahnsteig bewusstlos getreten haben

Begonnen hatte es vermutlich mit einem harmlosen Streit: Eine Gruppe leicht angetrunkener Männer sitzt am Abend des 22. März vergangenen Jahres in der S-Bahn Linie 75 zwischen den Bahnhöfen Nöldnerplatz und Lichtenberg. Es wird geplaudert, gescherzt, gewitzelt. Auch ein Pärchen sitzt im Abteil: der 37-jährige Maik H. und die drei Jahre jüngere Esther D. Zeugenaussagen zufolge hatte sich Maik H. durch das Lachen der anderen Fahrgäste provoziert gefühlt. Und er soll zu den Männern gegangen sein, geschlagen und mit einem Messer gestochen haben.

Maik H. muss sich seit Freitag vor einem Moabiter Schwurgericht wegen versuchten Totschlags verantworten. Neben ihm sitzt - diesmal auf der Anklagebank - erneut Esther D. Sie soll Maik H. im S-Bahnwaggon während des Gerangels ein Messer gereicht haben. Beide lassen über ihre Verteidiger erklären, dass sie sich am 22. März tatsächlich in dem S-Bahnwaggon aufgehalten haben, sich an diesem ersten Prozesstag zu den Vorwürfen jedoch noch nicht äußern wollen. Sie begründeten das auch damit, dass der psychiatrische Gutachter erst ab dem zweiten Verhandlungstag anwesend sei.

Durch Lachen provoziert

Erster Zeuge in diesem Prozess ist ein Polizeibeamter, der die ersten Ermittlungen leitete. Er berichtet, was Zeugen zu Protokoll gaben und was nun auch im Anklagesatz zusammengefasst ist: So soll der etwa 1,90 Meter große und sehr kräftig wirkende Maik H. an jenem Abend einem der Männer "ohne nachvollziehbaren Anlass mit der Faust zwei Mal in das Gesicht" geschlagen haben. Als ein Kollege schlichtend eingreifen wollte, habe Maik H. dem 51-Jährigen einen derart heftigen Schlag ins Gesicht versetzt, dass der Kopf des Fahrgastes an die Scheibe der Abteilwand prallte. Ein anderer Zeuge soll eingegriffen haben. Auch er letztlich vergeblich. Denn in diesem Moment soll Esther D. ihrem Bekannten Maik H. das Messer hingehalten haben. Worauf der Angeklagte, so die Ermittlungen, "mindestens vier Mal in Richtung Arme und Brust" seines Widersachers stach und ihn im linken Arm, im Bereich des linken Ohres und in der Bauchgegend traf.

Geflohen und untergetaucht

Aber damit nicht genug: Als der Zug im Bahnhof Lichtenberg hielt und sich die Waggontür öffnete, fiel der von dem Messer getroffene 51-jährige Fahrgast auf den Bahnsteig. Maik H. soll die Situation brutal genutzt und dem Telekom-Angestellten mehrfach gegen den Kopf und den Bauch getreten haben - bis das Opfer das Bewusstsein verlor.

In diesem Moment soll auch Esther D. versucht haben, den offenbar total enthemmten Maik H. von seinem Opfer wegzuschieben. Das soll aber erst gelungen sein, als auch andere Fahrgäste eingriffen und Maik H. zur Seite schubsten. Anschließend verließen er und Esther D. fluchtartig den Bahnhof.

Anfangs wurde vergeblich nach dem Täter gefahndet. Ein veröffentlichtes Phantombild brachte schließlich Erfolg: Am 31. Mai 2012 konnte Maik D. festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht werden. Falls sich die Vorwürfe als richtig erweisen, droht ihm eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Auf das Strafmaß auswirken kann sich die Einschätzung der Schuldfähigkeit - so werden Zeugen auch danach befragt werden, ob Maik D. zur Tatzeit unter Drogen oder starkem Alkoholeinfluss stand. Das Gericht wird ebenso berücksichtigen, ob es körperliche und seelische Folgen bei dem Opfer gibt. Nach Aussage des als Zeugen geladenen Polizeibeamten soll der Mann nach seiner Bewusstlosigkeit anfangs sogar abgelehnt haben, sich in ein Krankenhaus bringen zu lassen. Das schließt jedoch nicht aus, dass es Spätfolgen gibt. Der Prozess wird am 1. Februar fortgesetzt.