Interview

Wenn einfach alles Regal ist

Rafael Horzon war schon Designer, Autor und Nachtklub-Betreiber. Nun hat er eine Platte produziert, "Me, My Shelf and I". Dazu haben wir ihn von sich selbst interviewen lassen

Rafael Horzon, 1970 in Hamburg geboren, studierte unter anderem Philosophie, Latein und Physik in Paris, München und Berlin, bevor er sich 1995 zum Paketfahrer der Deutschen Post ausbilden ließ. Von Freiheit inspiriert, gründete er ab 1996 diverse Unternehmen zwischen Lebensperformancekunst und Geschäftswillen, wie das Möbelhaus Moebel Horzon, das Modelabel Gelée Royale und ein Fachgeschäft für Apfelkuchen. Er lebt und arbeitet in Berlin. Nun hat er eine Platte produziert, "Me, My Shelf and I". Dazu haben wir ihn von sich selbst interviewen lassen und treffen ihn in der "Newton-Bar" am Gendarmenmarkt. Als Horzon mich entdeckt, lässt er sich vom Barhocker gleiten, setzt ein verkrampftes Lächeln auf und breitet theatralisch die Arme aus.

Horzon:

Mein Liiiieeeber ...!

Horzon:

Sie haben da ... Schokolade am Mundwinkel ...

Herein, herein, dies ist ja sozusagen mein zweites Zuhause, diese herrlich verruchte Bar ...

Können wir gleich zur Sache kommen, ich habe nicht so viel Zeit ...

Horzon:

Natürlich, mein Lieber!

Sie haben sich ja bisher nicht im Musikbereich hervorgetan. Wie kommt es, dass Sie jetzt, mit immerhin schon siebenundfünfzig Jahren ...

Sechsundfünzigeinhalb!

... sechsundfünfzigeinhalb Jahren, plötzlich Ihre Begeisterung für die Musik entdecken?

(rutscht umständlich auf seinem Barhocker in eine angeblich dandyhafte Pose) Ja, also, das kam so: Ich saß eines Nachmittags in meinem seidenen Morgenmantel auf meiner Veranda, oder nein, schreiben Sie: "in meinem brokatverzierten, seidenen ..."

Mehr auf den Punkt kommen, bitte ...!

Also gut: Ich saß auf der Veranda, das Telefon klingelte, und es war Vox.

Der Fernsehsender ...

Nein, Bono Vox, der Sänger von U2. Ich nenne ihn nicht Bono, sondern einfach nur Vox! So darf nur ich ihn nennen beziehungsweise außer mir nur noch Kofi Annan.

Und was sagte Vox?

Er sagte: "2,7 Millionen im ersten Quartal!" Und dann sagte er: "3,4 Millionen im zweiten Quartal!" Und dann legte er auf. Und ich beschloss sofort, auch ins Musikgeschäft einzusteigen.

Das ist also der Referenzrahmen, in dem Sie sich gerne sehen würden: Bono Vox, Kofi Annan und möglichst viel Umsatz! Das ist - Entschuldigung - wirklich armselig! Können Sie eigentlich Noten lesen?

Als Musikproduzent ist das nicht nötig, übrigens konnte auch John Lennon keine Noten lesen, genausowenig wie Ludwig van Beethoven...

Ich habe in Ihrer Presseerklärung gelesen, dass Sie vor einigen Jahren eine Sinfonie geschrieben haben ...

Ja, die "Redesigndeutschland Sinfonie 01", die bestand allerdings nur aus einem einzigen Ton.

Und warum haben Sie sich von diesem Kompositionsprinzip wieder abgewendet und produzieren jetzt Popmusik?

Wir haben versucht, die Partitur bei Edition Peters herauszubringen. Als das nicht funktionierte, haben wir versucht, die Sinfonie als Klingelton zu vermarkten, aber auch das hat nicht geklappt!

Seltsam ...

Außerdem wollte ich auch endlich weg von diesem Kommerzdenken, alle redeten plötzlich nur noch von Geld, Geld, Geld, Klingeltönen, iTunes, Clicks, Downloads, fürchterlich. Ich wollte wieder eine ehrliche Botschaft transportieren, ohne finanzielle Hintergedanken!

Und das Ergebnis war "Me, My Shelf and I"? Was genau ist denn bei diesem Song jetzt die Botschaft?

Es ist ein Abgesang auf die Konsumgesellschaft. Die Konsumgesellschaft will uns immerzu einreden, dass wir irgendetwas brauchen. Dagegen wendet sich der Song! Der Text geht ja so: Ich brauche keinen Sand, ich brauche keinen Strand, ich brauche keinen Schal ... und so weiter!

Nein, nein, singen Sie ruhig zu Ende! Die Strophe endet doch mit: Ich brauche ein Regal! Jede Strophe in dem Lied endet mit: Ich brauche ein Regal!

Sie müssen natürlich zwischen den Zeilen lesen: "Ich brauche keinen Sand" heißt: Ich brauche kein Geld wie Sand am Meer! "Ich brauche keinen Strand" heißt: Ich brauche keinen Privatstrand! "Ich brauche keinen Schal" heißt: Ich brauche keinen Seidenschal von Hermès. Die Aussage ist also: Ich brauche keine Luxusgüter! Sondern ich brauche NUR ein EINFACHES Regal, nichts weiter!

Ach so ...

Man soll sich besinnen auf die einfachen, kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Und diese kleinen Dinge bestehen zufällig einzig und allein aus einem Regal, so, wie Sie es in Ihrer Möbelkette Moebel Horzon vertreiben.

Das Stück ist nachdenklicher, als Sie meinen. Der Refrain zum Beispiel: "Me, My Shelf and I". Das bedeutet. Ich - also wir alle, wir sind alle ganz allein. Aber einen gibt es auf der Welt, der zu uns hält, und das ist ...

... Ihr Regal. Der Aufbau Ihres Liedes ist ja auch nicht gerade avantgardistisch ...

Wenn Sie einen Welthit produzieren wollen - und das wollte ich -, dann müssen Sie bestimmte Regeln befolgen. Regel Nummer eins: Aufbau in Strophe - Strophe - Refrain - Strophe - Strophe - Refrain. Regel Nummer zwei: Tonart G-Dur. Regel Nummer drei: 108 beats per Minute. Damit ist der Erfolg vorprogrammiert!

Woher wollen Sie das wissen?

Ich habe in den vergangenen 38 Monaten sämtliche Nummer-eins-Hits der letzten 150 Jahre analysiert. Dabei kam heraus, dass alle Hits nach genau diesem Muster komponiert sind: "Je t'aime moi non plus" von Serge Gainsbourg, "Junge Roemer" von Falco, "Gesang der Jünglinge" von Karlheinz Stockhausen, "Ave Maria" vom Vienna Boys Choir.

Sie sind ja vor nunmehr 13 Jahren mit Ihrem Möbelgeschäft Moebel Horzon angetreten, um Ikea, wie Sie damals sagten, "vom Markt zu fegen". Ich wage es kaum auszusprechen, aber Ikea ist immer noch Marktführer ...

Ikea ist seit der "Spiegel"-Titelgeschichte neulich Geschichte. Jahrelang habe ich die Wirtschaftsredaktion in Hamburg mit Informationen gefüttert, und schließlich sind sie eingeknickt! Schließlich mussten sie die Wahrheit schreiben! Ikea wird es in zwei Jahren nicht mehr geben. Wir stehen in Verhandlungen mit der Geschäftsführung, zunächst die Filiale in Spandau zu übernehmen, dann die in Tempelhof und dann weiter: Hamburg! München! Luxemburg! Holland! Belgien! Liechtenstein! Holland!

Also vielleicht noch mal zurück zum Album: Es ist ja eigentlich gar kein Album ...

Warum nicht?

Es ist wirklich nur ein einziges Stück auf der Platte.

Nun ja, wir hatten ja schon ein komplettes, sehr wütendes Elektro-Punk-Album vorproduziert, 22 Songs mit zum Teil sehr drastischen Texten, eben ganz auf unsere Sängerin Peaches zugeschnitten. Das Ganze sollte unter dem Namen "Das weiße Album" erscheinen, aber da gab es juristische Probleme, namensrechtliche Überschneidungen. Dann stellte sich bei den Probeaufnahmen heraus, dass Peaches eine wunderschöne Balladenstimme hat! Das hatten wir ja gar nicht gewusst! Sie übrigens auch nicht! Also mussten wir das ganze Elektro-Punk-Album wieder umwerfen.

Und statt Elektro-Punk sind Sie dann bei Synthie-Pop gelandet ...

Mit Elektro-Punk können Sie höchstens zehn Prozent der 18- bis 24-Jährigen erreichen. Mit dem kompromisslosen, aber doch modernen Mainstream-Pop von "Me, My Shelf and I" erreichen wir die sehr relevante Zielgruppe von 0 bis 100 Jahren!

Trotzdem ist auf dem jetzigen Album nur ein einziger Song!

Wir hatten nicht mehr genug Zeit, noch mal ein ganzes Album zu produzieren.

Und den Rest der LP, also die restlichen 40 Minuten, haben Sie deshalb ...

... mit Applaus gefüllt, genau! Wir mussten das Album ja rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft herausbringen.

Das Musikvideo war dann auch eher ein Schnellschuss ...

Das Musikvideo war eine ungewöhnlich aufwendige Produktion. Es ist mit 17,2 Millionen Euro Budget das drittteuerste Video, das überhaupt jemals gedreht wurde, und das teuerste jemals in Deutschland produzierte Video. Ein Großteil des Budgets ging für die Gagen von Daniel Craig, Jude Law und Sean Penn drauf, der Rest für Spezialeffekte.

Das Video sieht aus, als wäre es mit dem iPhone gedreht worden...

Wir wollten einen "Handmade-Touch", und ironischerweise ist es genau das, was den Film so teuer gemacht hat! Am Ende ist der Film zu 99 Prozent am PC entstanden! Und man sieht ihm das nicht an!

Das stimmt ... Und wie kommt der Videoclip bei Ihrer Zielgruppe, den 0- bis 100-Jährigen, an?

Fantastisch! Die amerikanische Presse ist begeistert, schreibt von einer "touching love story between a man and his furniture", das können Sie googeln! Und etwas weiter heißt es in diesem Artikel: "Wenn Sie dieser Videoclip nicht bewegt, dann haben Sie ein Ikea-Fleischbällchen anstelle eines menschlichen Herzens!"

Haben Sie diese Rezension selbst geschrieben?

(beleidigt): Was soll diese Frage? Leonard Cohen hat mir zu der Platte gratuliert, Lady Gaga und Barack Obama ...

Ich muss jetzt wirklich gehen, vielen Dank für das interessante Gespräch.