Kältehilfe

Obdachlos, krank - gerettet

Hermann Wolter hatte Erfrierungen an den Füßen. Er ist ein Beispiel dafür, wie Wohnungslose durch das Gesundheitsnetz fallen

Als den "Obdachlosen aus dem Grunewald" kannte man ihn, nun wäre Hermann Wolter beinahe gestorben. Akkurat rasiert sitzt der 54-Jährige auf einem frisch bezogenen Bett im Hinterzimmer der Bahnhofsmission am Zoo. Normalerweise ist dies eine Notübernachtung für gestrandete Reisende. Für Hermann, wie ihn hier alle nur nennen, wurde eine Ausnahme gemacht. Die Füße liegen auf seinen Schuhen, er zieht sie nicht an, sein rechter Strumpf ist an der Ferse rotgelb verfärbt. Der frische Fleck erinnert ihn an die Odyssee der vergangenen Wochen.

Nachdem er im Sommer sein Quartier im Grunewald hatte, verbringt er im Winter die Nächte auf einer Parkbank am Halensee. "Da muss ich nicht ganz so weit laufen, wenn ich in die Stadt will." Am Nikolaustag, 6. Dezember, wachte er auf und konnte seine Füße nicht mehr spüren. Anfangs machte er sich nicht allzu große Sorgen. Es war kalt, es regnete, "vielleicht sind sie eingeschlafen", dachte er. Bis ihn eine ältere Dame, eine Spaziergängerin, ansprach. "Sie fragte mich, warum ich bei diesem Wetter draußen sitze, ob mir nicht kalt sei", erinnert er sich. "Sie wollte mir 30 Euro geben, damit ich mir Handschuhe und warme Socken kaufe." Doch selbst die wärmsten Socken hätten nicht geholfen. "Ich sagte ihr, dass ich nicht aufstehen kann, weil meine Füße taub sind." Kurz darauf sei sie mit zwei Polizisten wiedergekommen, die ihn ins nahe gelegene Martin-Luther-Krankenhaus brachten.

Hermann hatte Angst, nicht nur, weil seine Papiere seit Jahren abgelaufen sind, er hat auch keine Krankenversicherung. In der Rettungsstelle aber muss jeder Patient untersucht werden. Den Arztbrief hat er sorgsam zusammengefaltet in der Hosentasche. "Patient: Wolter, Hermann", steht darin. "Geburtsdatum: 10.04.1958. Adresse: ohne festen Wohnsitz. Diagnose: Erfrierung 2. Grades beider Füße." Die Füße waren mittlerweile blau-rot, erste Blasen bildeten sich an den Zehen. Erfrierungen werden in vier Graden gemessen, beim dritten Grad stirbt das Gewebe ab, beim vierten ist es völlig zerstört. Hermanns Füße wurden mit Wärme behandelt und verbunden, im Krankenhausbett konnte er sie hochlegen. "Die Ärzte sagten mir, ich hätte Glück gehabt - wenn ich später gekommen wäre, hätten sie mir die Zehen amputieren müssen." Eine Woche später konnte er wieder einigermaßen laufen. "Wir entlassen daher Herrn Wolter bei subjektivem Wohlbefinden in die ambulante Weiterbetreuung", steht im Brief. Soll heißen: Ab sofort sollte sich ein Allgemeinarzt Hermanns Füße regelmäßig ansehen. "Aber ich habe gar keinen Hausarzt, das habe ich denen auch gesagt."

Nicht gewohnt, Hilfe zu suchen

Hermann Wolter stammt aus dem hessischen Bad Homburg. Seit 16 oder 17 Jahren sei er in Berlin, erzählt er. Gleich am ersten Tag sei er am Bahnhof Zoo gelandet, den kannte er aus Erzählungen. Hermann hatte keinen Job, kein Geld, lernte Leute kennen, denen es genauso ging, kam schließlich in einer betreuten Wohngemeinschaft unter und lebte von Sozialhilfe. Nach sieben Jahren, so erinnert er sich, wurde ihm alles zu eng. Er zog aus, um unter freiem Himmel zu leben. Dann zog er doch wieder in eine Wohnung, erhielt Arbeitslosengeld II, lebte so vor sich hin. "Aber im letzten Sommer wurde mir gekündigt, wegen Eigenbedarf. Seitdem lebe ich wieder auf der Straße." Er wirkt nicht unzufrieden mit seinem Leben, er hat Träume. "Ich habe mal Einzelhandelskaufmann gelernt, bin viel gereist - ein Job im Reisebüro, das wär was!"

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus ging er nicht zum Arzt. Zu welchem sollte er auch, er kannte keinen, bislang hatte er alles immer selbst geregelt, den Bänderriss vor ein paar Jahren, kleinere Wunden. Hermann ist es nicht mehr gewohnt, sich Hilfe zu suchen. Er lebt allein, er versorgt sich allein. Also ging er zurück zum Halensee. In die Freiheit, so sieht er das. Zwei Tage später, beim Strümpfewechseln, sah er, dass seine Fußsohlen offen waren, die Haut in Fetzen hing. "Ich bin nicht zimperlich, aber das war schon heavy." Während andere den Krankenwagen gerufen hätten, machte sich Hermann allein auf den Weg zum Bahnhof Zoo, vier Kilometer, zu Fuß. Er habe keine Schmerzen gespürt, sagt er.

In der Bahnhofsmission riefen die Mitarbeiter sofort ein Krankenwagen. "Aber die Sanitäter waren total arrogant, meinten, ich könne ja offenbar laufen, also würde es mir schon nicht so schlecht gehen", sagt Hermann. "In der Budapester Straße haben sie plötzlich angehalten und mich rausgeworfen, ich sei schließlich kein Notfall." Er sei weiter zum nächsten Krankenhaus gelaufen, doch auch dort habe man ihn abblitzen lassen. Hermann reagierte hilflos: "Ich dachte 'Scheiß drauf' und bin zurück zum Halensee." Über Nacht quartierte er sich in einer offenen Friedhofstoilette mit Heizung und Waschbecken ein, versuchte dort, seine wunden Füße zu trocknen. Am 30. Dezember, einen Tag vor Silvester, sah er ein, dass er es allein nicht schaffen würde, und bat erneut die Bahnhofsmission um Hilfe.

Hermanns Fall ist ein Beispiel dafür, wie Menschen, die weder Wohnung noch soziales Netzwerk haben, trotz Sozialstaat durch das Netz fallen, wenn sie krank werden. 11.000 Menschen in Berlin gelten als wohnungslos, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Viele Krankenhäuser behandeln Kranke und Verletzte zwar auch ohne Krankenversicherung. Doch was ist, wenn die stationäre Behandlung abgeschlossen ist? "Das ist ein Problem, vor allem dann, wenn die Mithilfe der Patienten gefragt ist, die aber nicht in der Lage dazu sind", sagt der Geschäftsführer des Martin-Luther-Krankenhauses, Jörg Gottschalk. "Herrn Wolter haben wir entlassen, da wir wussten, dass er Kontakt zur Bahnhofsmission hat. In anderen Fällen ist es mitunter schwierig, da sind wir relativ hilflos." Vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin, dem Dachverband der freien Wohlfahrtpflege, in dem 680 gemeinnützige Organisationen zusammengeschlossen sind, heißt es auf Anfrage: "Konkret bestehen Lücken im Versorgungssystem bei Menschen, die seelisch behindert sind, auf der Straße leben und sich nicht helfen lassen können. Hier bedarf es spezieller aufsuchender Hilfen. Zu diesem Thema sind wir im Gespräch mit der Senatsverwaltung." Zwar gibt es Einrichtungen, die kranke Wohnungslose eine Zeit lang aufnehmen zum Auskurieren, aber die Plätze sind rar.

Hermann Wolter hatte Glück im Unglück. Im Hinterzimmer der Bahnhofsmission am Zoo darf er so lange bleiben, bis seine Füße verheilt sind. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin wechselt ihm täglich die Verbände, Verbandsmaterial hat die Obdachlosenärztin Jenny De la Torre gestiftet. Die Krankenhausrechnung wird, so hofft er, vom Sozialamt übernommen. Hermann ist erst einmal froh, den Jahreswechsel überlebt zu haben. "Wenn ich im Wald geblieben wäre und eine Sepsis bekommen hätte, wären mir die Füße bei lebendigem Leib abgefault."