Serie: Mein Projekt für Berlin

Der Beifall ist ihr Honorar

Mit einem Tanzprojekt wollen Künstler den Alltag von Patienten in Krankenhäusern und Hospizen erleichtern. Es ist ein Ehrenamt

Als er die E-Mail liest, er solle so schnell wie möglich nach Hause kommen, lebt Sören Niewelt schon seit einigen Jahren in Brasilien. Er nimmt das nächste Flugzeug nach Deutschland und sieht seine Mutter vom Krebs gezeichnet in einem Hospiz wieder. Ganz weiß, nur ein Schatten ihrer selbst, aber immer noch voll bei Bewusstsein. So habe er sie angetroffen, erzählt der 31-Jährige. Es ist ein schönes Hospiz in Nordrhein-Westfalen. Aber das "leise Wegsterben in der Einöde" sei schlimm, sagt er. "Nur weil sich die Menschen nicht bewegen können, heißt es noch lange nicht, dass sie nichts mitbekommen", so der junge Mann. Die Tagesschau allein reiche nicht als Unterhaltung.

Drei Wochen bleiben ihm noch mit seiner Mutter, eine Zeit, in der er versucht, ein bisschen Farbe in ihr Dasein zu bringen. In dieser Zeit reift der Plan, etwas für die Menschen in Hospizen und Krankenhäusern zu tun. Seine Mutter hatte Ballett-Unterricht genommen, den Tanz geliebt. Sie sprechen viel darüber, sehen sich Bilder an. Sören teilt die Leidenschaft seiner Mutter. Er studiert Tanz in Hamburg und Australien und bekommt in verschiedenen Ländern Engagements. Nach dem Tod seiner Mutter vor drei Jahren geht er nach Singapur.

Von dort kehrt er vor einem halben Jahr zurück - diesmal um seiner 32-jährigen Schwester nah zu sein, die nun auch an Krebs erkrankt ist. Das ist der Moment, in dem der Tänzer seinen Plan umsetzt. Er gründet in Berlin das ehrenamtliche "Wandertanzprojekt". Einmal im Monat besucht eine Gruppe von Tänzern kranke Menschen in Hospizen und Krankenhäusern, um sie für einen Augenblick in die schöne Welt der Kunst zu entführen. Der Beifall ist ihr einziges Honorar.

Bei der Premiere des Projekts im November im Gemeinschaftssaal des Vivantes-Auguste-Viktoria-Klinikums in Schöneberg war Jessica Larbig dabei. Sie ist im Münsterland aufgewachsen und hat bis vor kurzem beim Nationalballett in Singapur getanzt. Jetzt hofft sie, auf einen Job am Theater. Es sei ein ganz besonderes Erlebnis gewesen, erzählt die 29-Jährige. Das Publikum habe nur einen Meter vor ihr gesessen und ihr direkt in die Augen geschaut. Jedes Lächeln, selbst das Aufleuchten der Augen hätten sie erreicht. Für sie die schönste Reaktion und der beste Lohn. Es gebe ihr ein gutes Gefühl, den Menschen mit der Kunst einen glücklichen Moment zu schenken, sagt die zierliche blonde Frau.

In ihrer ersten Wandertanz-Produktion zeigen die Künstler eine Zeitreise durch die Geschichte des Tanzes vom Menuett bis zu einem modernen Solo. Die meisten Zuschauer sind Patienten einer Reha-Tagesklinik und sitzen in Rollstühlen. Dennoch sei es möglich gewesen, sie mit einzubeziehen, sagt Sören Niewelt. So habe er Mimikspiele mit ihnen gemacht und ihnen gezeigt, wie selbst so alltägliche Dinge wie eine Tasse Tee trinken, in der Sprache des Tanzes ausgedrückt werden. Viele hätten das Angebot mitzumachen, gern angenommen, sagt der Ballettmeister und Choreograf.

Die nächste Aufführung ist im Januar wieder in einer Vivantes-Klinik geplant. Fest steht, dass Chiaki Korematsu mitmacht. Die 21-Jährige ist vor zwei Jahren aus Japan nach Deutschland gekommen. In Japan lebe der Tanz von der perfekten Technik, erzählt sie, in Deutschland hingegen von dem künstlerischen Ausdruck. Das habe sie bewogen, auszuwandern und in Europa ihr Glück zu suchen. Drei Monate hat sie in London getanzt, im Moment ist sie ohne Vertrag. Aus diesem Grund ist sie in Sören Niewelts Tanzcompany gekommen.

Nach der Rückkehr aus Singapur hat der 31-Jährige die Tanzagentur "Just live dance productions" gegründet. "Ich habe im Ausland so viele Tänzer kennengelernt, die zwischen den Produktionen immer wieder ohne Vertrag dastehen", sagt der Tänzer. Für sie wollte er in der deutschen Hauptstadt eine Anlaufstelle schaffen und ihnen helfen, die Zeit bis zum nächsten Engagement mit einem gemeinsamen Training, Proben und Auftritten zu überbrücken. Er selbst könne nach drei Knie-Operationen keine tänzerischen Höchstleistungen mehr auf die Bühne bringen. Als Ersatzmann springt er aber immer wieder ein.

Jeden Tag trainieren sie gemeinsam. An diesem Morgen sind etwa 15 Tänzer aus sechs Ländern im Probenraum im Theaterhaus Mitte, direkt am Märkischen Museum, versammelt. Jessica ist schon im Trikot und hat die Füße in riesige Thermo-Hausschuhe mit Totenköpfen gesteckt. Chiaki und die anderen machen sich im Probenraum mit Dehnungsübungen warm. Die Stimmung ist konzentriert und kollegial. Es ist die letzte Probe vor einer Aufführung am dritten Advent im Glashaus in Alt-Treptow. 13 Stücke, zeitgenössische, klassische und folkloristische, wollen sie zeigen. In einem komödiantischen Stück kann Chiaki ihr mimisches Talent beweisen. Sie wird von zwei Männern begehrt - einer von ihnen ist Sören Niewelt - und kann sich nicht entscheiden. Ihre perfekte Tanz-Technik und das kraftvolle Gegenspiel der Männer machen das Stück zu einem künstlerischen Genuss auf höchstem Niveau.

Für die Tänzer ohne Verträge seien das Training und die Aufführungen eine gute Möglichkeit, weitere Erfahrungen zu sammeln, sagt Sören Niewelt. Er ist zwar Direktor der Tanzagentur, finanziert sie aber noch mit der Unterstützung der Familie und seinen Ersparnissen. Nach den Proben von 10 bis 16 Uhr im Theaterhaus Mitte, für die die Tänzer kein Unterrichtsgeld zahlen müssen, kellnert er in einem Bowling-Center. Kleine Einnahmen vom Ticketverkauf, wie bei den Aufführungen im Glashaus, werden nach Abzug der Unkosten unter den Tänzern aufgeteilt. Sein Traum ist, eines Tages nur Ballettmeister und Choreograf zu sein und von den Tanzproduktionen leben zu können.

Kinder auf der Bühne

Bis dahin will Sören Niewelt sich nicht nur um Kranke, sondern auch um das Publikum von Morgen kümmern. Für Schulklassen und Kindergruppen veranstaltet er öffentliche Proben. "Dabei sollen die Kinder in die Welt des Tanzes eingeführt werden", sagt Sören Niewelt. Allein zu erleben, wie sich das Scheinwerferlicht im Gesicht anfühlt und der Zuschauersaal im Schwarz verschwindet, sei für Kinder ein Erlebnis. Aber auch die Tänzer könnten davon profitieren. Kinder seien ein herausforderndes Publikum - und vor allem gute Kritiker. Langeweile quittierten sie mit Lärm, Spaß mit lautem Lachen. Der Tänzer sei gefordert, darauf zu reagieren. "Wenn ein Kind lieber ins Theater als ins Kino geht, habe ich es richtig gemacht", sagt Sören Niewelt. Er ist eben nicht nur Künstler.

Wer bei dem Projekt mitmachen will, kann eine E-Mail an Sören Niewelt schicken unter jsln787@gmail.com