Pilotprojekt

Die Sprachförderung beginnt im Krankenhaus

Im Vivantes Klinikum Neukölln startet ein neues Pilotprojekt

Im Vivantes Klinikum Neukölln sollen Mütter, die kaum Deutsch sprechen, ab sofort Unterstützung bei der Sprachentwicklung ihres Neugeborenen erhalten. Im Januar startet hier das vom Bundesfamilienministerium und der Hertie-Stiftung geförderte Forschungs-Projekt "Erste Schritte", in dem die Eltern durch Hausbesuche und Gruppenkurse drei Jahre lang begleitet werden sollen. Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut will untersuchen, ob durch die gezielte Unterstützung der Eltern nach der Geburt, die Sprachentwicklung und Integration der Kinder verbessert werden kann. "Wir wissen aus der Neurowissenschaft, dass schon in der Schwangerschaft und in den ersten Wochen nach der Geburt sehr viel im Gehirn des Säuglings passiert", sagt Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts. Migranten, die wenig Deutsch sprechen, würden häufig isoliert sein, was sich ungünstig auf die Mutter-Kind-Beziehung auswirke. Dem soll das Projekt entgegenwirken.

Das Vivantes-Klinikum Neukölln hat die bundesweit größte Geburtsklinik. Hier werden pro Jahr etwa 3000 Babys geboren, 70 Prozent davon haben einen Migrationshintergrund. Die Berliner Bundestagsabgeordnete Stefanie Vogelsang (CDU), ehemalige Gesundheitsstadträtin von Neukölln, hat sich für den Klinik-Standort und für das Pilotprojekt stark gemacht. Die Mütter sollen gleich am dritten Tag nach Geburt, bei der Vorsorgeuntersuchung, vom Kinderarzt für das Projekt gewonnen werden.

"Die Empfehlung von den Ärzten ist eine große Chance, dass das Angebot auch angenommen wird", sagt Rainer Rossi, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin im Vivantes Klinikum Neukölln. Das Krankenhaus genieße bei den Müttern einen Vertrauensvorschuss, und die Eltern würden gerade in dem Moment nach der Geburt das Beste für ihr Kind wollen.

Die Kurse sollen dann im Kindergesundheitshaus auf dem Klinikgelände stattfinden. Insgesamt 100 Mütter sollen an dem Projekt teilnehmen können. Das Angebot unterscheidet sich von den sonst üblichen Still- oder Ernährungskursen für junge Mütter.

"Die Hilfe soll direkt an der jeweiligen Situation der Mütter und ihr soziales Umfeld anknüpfen", sagt Marianne Leuzinger-Bohleber. Häufig würden den Migranten-Frauen die Gruppe von Tanten und Großeltern fehlen, die in der Heimat die jungen Mütter unterstützen. Unsicherheiten gebe es teilweise auch, weil es hier nicht die gewohnten Lebensmittel wie in den Herkunftsländern gebe. Neben Hausbesuchen sollen Gruppenkurse dazu dienen, dass die Mütter untereinander in Kontakt treten. Das gemeinsame Reden über das Kind würde auch das Erlernen der Sprache fördern. "Es gibt Frauen, die in der Isolation in der Wohnung nicht einmal mehr in der eigenen Sprache mit dem Baby reden", sagt die Wissenschaftlerin.

Das Sigmund-Freud-Institut begleitet das Projekt und soll überprüfen, ob nach drei Jahren tatsächlich ein positiver Effekt für die Integration der Kinder zu erkennen ist. Dabei soll beispielsweise untersucht werden, ob die Kinder im ersten halben Jahr des Kitabesuchs schneller die deutsche Sprache erlernen. "Wenn sich diese Effekte zeigen, erwarte ich, dass eine solche Betreuung von der Geburt an bundesweit Standard wird", sagt die Bundestagsabgeordnete Stefanie Vogelsang.