Straßenname

Die Anwohner haben das Wort

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Katrin Lange

Treitschke oder nicht? Briefwahl über Umbenennung der Straße läuft noch bis 17. Dezember

Am Vormittag herrscht absolute Stille in der Treitschkestraße in Steglitz. Die Schüler der Kopernikus-Oberschule sitzen in ihren Klassenzimmern, vereinzelt laufen Passanten Richtung Schloßstraße zum Einkaufen. Das kleine vietnamesische Restaurant hat noch geschlossen. Auf dem Gehweg ist Sebastian Rost dabei, seine Kawasaki winterfest zu machen. Seit 32 Jahren wohnt der Handwerker in der Treitschkestraße. Er kennt die Debatten um den Straßennamen und die Umbenennung und hat nur einen Wunsch: Das alles so bleibt, wie es ist. Darüber kann er jetzt abstimmen.

Seit fast 15 Jahren steht die Anwohnerstraße, die zum Teil Spielstraße ist, im Fokus der Bezirkspolitik. Vor mehr als 100 Jahren wurde sie nach Heinrich von Treitschke (1834-1896) benannt. Der Historiker hat den Berliner Antisemitismus-Streit ausgelöst, unter anderen mit Äußerungen wie "Die Juden sind unser Unglück". Treitschke gilt als Wegbreiter des Nationalsozialismus. Seit Jahren versuchen die SPD und die Grünen im Bezirk, den Namen aus dem Straßenbild zu tilgen. In der Vergangenheit scheiterten sie an der gemeinsamen Front von FDP und CDU. Seit zwei Wahlperioden gibt es eine schwarz-grüne Zählgemeinschaft, doch die CDU sieht auch heute noch "keinen Anlass für eine Umbenennung", sagt Fraktionschef Torsten Hippe.

428 Anwohner stimmen ab

Jetzt sollen die Anwohner über eine Straßenumbenennung entscheiden. Dass ist die Lösung, auf die sich CDU und Grüne als Zählgemeinschaft geeinigt haben. Die Briefe an die 428 Anwohner der Straße sind abgeschickt. Wer den ersten Wohnsitz in der Straße hat und älter als 16 Jahre ist, darf darüber abstimmen: Umbenennung ja oder nein. Das Ergebnis sei nicht bindend, sagt Kulturstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU). Aber man werde auf der Basis dieser Entscheidung erneut über das Thema befinden. Letztlich liege die Entscheidung bei der Bezirksverordnetenversammlung. Das Prozedere ist wie bei einer Briefwahl. Bis zum 17. Dezember können die Briefe zurückgeschickt werden, am 19. Dezember werden die Stimmen ausgezählt.

Für Sebastian Rost ist es keine Frage, wo er sein Kreuz setzt. Er will nicht, dass die Straße umbenannt wird. "Was Treitschke gesagt hat, war lange vor meiner Zeit", sagt der 51-Jährige. Und es sei zu einer ganz anderen Zeit gewesen, Jahrzehnte vor dem Nationalsozialismus. Er sieht es pragmatisch: Für ihn bedeute ein neuer Straßenname eine Menge Unannehmlichkeiten. Er müsse Geschäftsleute, Freunde und Verwandte über die Adressänderung informieren. Außerdem bräuchte er neue Ausweise und Visitenkarten - ein großer Aufwand, der in seinen Augen völlig überflüssig ist. "Die Politiker sollen sich um wichtigere Sachen kümmern", sagt Rost. So wie er denken einige in der Straße. "Ich bin strikt gegen die Umbenennung", kritisiert eine Frau, die gerade aus der Tür tritt. Seit 30 Jahren wohnt sie in dem Haus. Auch sie führt den Aufwand, der ihr dann entsteht, als Begründung an. Das sei eine Verschwendung von Steuergeldern, sagt sie. Viel schlimmer als den Straßennamen, finde sie, dass die Bäume und Büsche im gegenüberliegenden Park abgeholzt worden seien. Darum sollten sich die Grünen mal kümmern. Viele wollen in der Straße über das Thema gar nicht reden. Einige sagen nur: "Ist mir egal."

Die Mitglieder der Fraktionen von Grünen und SPD im Bezirk werben im Moment aktiv für die Umbenennung. Erst kürzlich hatten sie einen Stand in der Treitschkestraße, direkt am Hintereingang des Einkaufszentrums. "Es gibt unterschiedliche Meinungen", sagt Grünen-Fraktionschef Uwe Köhne zum Stimmungsbild. Er könne nicht abstreiten, dass die Leute in der Straße am meisten von der Umbenennung betroffen seien. Dennoch werde er auch weiterhin dafür werben, sagt er.

Streit um die hohen Kosten

Unterstützung bekommen die Bezirks-Grünen vom Landesverband. Der will es den Anwohnern so einfach wie möglich machen und verspricht, bei Änderungen von Ausweisen und Dokumenten zu helfen. Kosten sollen den Anwohnern nicht entstehen. Für neue Visitenkarten werde die Druckerei Laserline die Kosten übernehmen, heißt es in einer Erklärung der Landesvorsitzenden Bettina Jarasch.

Norbert Buchta, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bezirk sieht in der Befragung der Anwohner eine "Alibi-Aktion". Für die SPD sei es ein politisches Kernanliegen, den "Namen des Antisemiten" zu entfernen. Er kennt die Argumente der Anwohner, ihre Ängste vor dem bürokratischen Aufwand nach einer Umbenennung. Es sei davon auszugehen, dass nur ein Bruchteil bei der Abstimmung mitmache, sagt Buchta.

Die CDU will das Ergebnis der Anwohnerbefragung abwarten. "Wir werden das tun, was der Bürger entscheidet", sagt der Fraktionsvorsitzende Hippe. Es stimme, dass Heinrich von Treitschke ein Antisemit war. Aber das seien auch viele andere wie Luther, Bismarck und Wagner gewesen, ohne die es keine deutsche Geschichtsschreibung gebe. Treitschke sei aber kein rassischer Antisemit gewesen und seine Position auch nicht mit der nationalsozialistischen kompatibel. Er habe nie im Sinn gehabt, einen Juden umzubringen. 30 Jahre nach seinem Tod seien seine Gedanken in einen sinnentfremdenden Zusammenhang gestellt worden. Treitschke sei ein kultureller Antisemit gewesen, der eine Integrationsdiskussion geführt habe über die Eingliederung der Juden in die deutsche Bevölkerung. "Er war kein Wegbereiter des Nationalsozialismus", sagt Hippe. Er könne die Gegenseite verstehen, deren Argumente nicht aus der Luft gegriffen seien. Aber Treitschke habe die Herabwürdigung einer Straßenumbenennung nicht verdient.

Sollten die Anwohner für eine Umbenennungen stimmen, wird ein neuer Name gesucht. Ein Vorschlag der SPD-Fraktion ist Bischof Kurt Scharf (1902-1990), der für den Ausgleich zwischen Kulturen und Religionen eingetreten ist und lange Jahre in der nahegelegenen Patmos-Gemeinde gewirkt hat. Bereits zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2002 wollten SPD und Grüne die Straße nach ihm benennen. Neues Ziel ist der 110. Geburtstag von Kurt Scharf.