"Dialog macht Schule"

Wowereit übernimmt die Patenschaft

Schüler der Neuköllner Otto-Hahn-Schule haben sich für einen respektvollen Umgang entschieden. Dafür erhalten sie einen Preis

Beschimpfungen, Beleidigungen, Schläge - auf vielen Berliner Schulhöfen gehören derartige Verhaltensweisen zum Alltag der Schüler. An der Otto-Hahn-Schule ist damit Schluss. Die Schüler der Klasse 9/21 der Sekundarschule an der Buschkrugallee in Britz wollen rüde Umgangsformen nicht länger hinnehmen. Sie haben über die Ursachen von Diskriminierung und Gewalt diskutiert und an ihrer Schule dagegen Unterschriften gesammelt. Unterstützt wurden sie dabei von Siamak Ahmadi und Hassan Asfour von der Bundeszentrale für politische Bildung. "Dialog macht Schule", heißt deren Projekt, das Jugendliche zur Auseinandersetzung mit Problemen anregen und ihnen bei der Suche nach Lösungen helfen will.

Die Schüler der Klasse 9/12 haben schnell festgestellt, dass sie sich um das Klima an ihrer Schule kümmern müssen. Und sie hatten ein großes Ziel: Ihre Schule sollte in das deutschlandweite Projekt "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" aufgenommen werden. Am Montag war es dann soweit. Die 9/21 hatte es geschafft, von mehr als 85 Prozent der Schüler, Lehrer und Mitarbeiter in ihrer Schule eine Unterschrift gegen Rassismus und Gewalt einzusammeln und mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einen Paten für ihr Projekt zu finden - Voraussetzungen für den Titel "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage".

Als 52. Berliner Schule wurde die Otto-Hahn- Schule am Montag mit diesem Titel ausgezeichnet. Die Schüler der Klasse bekamen eine entsprechende Plakette überreicht. Schulleiterin Gabriele Holz versprach, diese Plakette so schnell wie möglich am Schulgebäude anbringen zu lassen. "Die Bohrungen dafür haben wir schon vorgenommen", sagte sie, und ihrer Stimme war anzumerken, wie stolz sie auf ihre Schüler ist.

Jugendliche haben viele Vorurteile

Johanna aus der 9/21 berichtete, dass die Arbeit mit Siamak und Hassan ihrer Klasse viel gebracht hat. "Wir versuchen jetzt, uns unsere Vorurteile bewusst zu machen und anders miteinander umzugehen." An ihrer Schule, an der viele Migrantenkinder lernen, sei das die Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben. Bisher seien Palästinenser oft als Steinewerfer oder dreckige Araber bezeichnet, Polen als potenzielle Diebe, Bosnier als Zigeuner beschimpft worden. Dicke habe man gehänselt, Deutschen "Kartoffelfresser" hinterhergerufen. Streitigkeiten untereinander seien nicht selten mit Gewalt ausgetragen worden. "Zusammen mit Hassan und Siamak haben wir daran gearbeitet, dass sich das ändert", sagte Johanna.

Auch Kevin, der vor drei Jahren mit seinen Eltern aus der Slowakei nach Berlin gekommen ist und seitdem an der Otto-Hahn-Schule lernt, findet, dass sich das Klima an der Schule verbessert hat. Seine Klasse habe die Diskussion über respektvolles und gewaltfreies Miteinander angestoßen und viel verändert. Er fühle sich deshalb sehr wohl an der Otto-Hahn-Schule. "Ich werde hier bleiben, obwohl ich mit meiner Familie inzwischen an den Kudamm gezogen bin."

Mit den Unterschriften, die die Schüler der Klasse 9/21 an ihrer Schule gesammelt haben, verpflichten sich die Unterzeichner, sich persönlich dafür einzusetzen, dass es an ihrer Schule weder Gewalt noch Diskriminierung gibt und nicht wegzuschauen, wenn es doch zu einem derartigen Vorfall kommen sollte. Schulleiterin Gabriele Holz erklärte, dass ihre Schule eine ganz besondere Schule sei. "Bei uns haben 85 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund." Der Umgang miteinander bedürfe daher einer großen Feinfühligkeit und viel Respekt. Die Auszeichnung sei eine Anerkennung für die geleistete Arbeit, aber auch ein Auftrag für ihre Schule, sagte Holz. Die Schüler seien aufgerufen, den Titel jeden Tag aufs Neue zu verteidigen. "Die Auszeichnung verpflichtet uns, auch künftig respektvoll miteinander umzugehen und uns für Bedrängte einzusetzen."

Auch Sanem Kleff, Leiterin der Bundeskoordination des Projekts "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", gratulierte der Otto-Hahn-Schule zur Auszeichnung. "Ihr gehört damit zum Netzwerk der bundesweit 1157 Schulen, die sich auf den Weg für ein besseres Miteinander gemacht haben", sagte sie. Es gehe nicht nur darum, gegen Rassismus aufzustehen. Auch gegen die täglichen Beleidigungen, die Schüler sich gegenseitig zufügten, müsse vorgegangen werden. Sanem Kleff kündigte an, dass ihr Berliner Büro von nun an in ständiger Verbindung mit den Schülern der Otto-Hahn-Schule stehen werde. "Wir wollen helfen, weitere Projekte auf den Weg zu bringen", sagte sie. So sei bereits geplant, dass eine der sechs siebten Klassen von Februar an bei "Dialog macht Schule" mitmacht.

Der Regierende gratuliert

Ein Höhepunkt während der Preisverleihung war die Diskussion einiger Schüler der 9/21 mit dem Regierenden Bürgermeister. Die Schüler bedankten sich dafür, dass Wowereit die Patenschaft für ihr Projekt übernommen hat. Johanna fragte ihn dann, ob er selbst schon einmal diskriminiert wurde. Wowereit antwortete, dass er wegen seines Schwulseins öfter angefeindet werde.

Die Schüler fragten ihn auch, was er gegen eigene Vorurteile tue. "Ich versuche, viele Dinge kennenzulernen", sagte Wowereit. Das Gute an seinem Amt sei, dass er viel herumkomme. Auch Wowereit gratulierte den Schülern dann zu ihrem Erfolg. "Es wird mit Sicherheit nicht gleich alles gut werden", sagte er. Doch es lohne sich, nicht wegzusehen, sondern sich mit Diskriminierung und Gewalt auseinanderzusetzen.

Die Idee von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" wurde anlässlich des Erstarkens rechtsradikaler Parteien 1988 von Schülern und Jugendarbeitern in Belgien entwickelt. Sie wollten auf diese Weise aktiv gegen Diskriminierung und Rassismus eintreten. 1995 führte der Verein Aktion Courage e.V. das Projekt in Deutschland ein. Auch in Österreich, Spanien, Dänemark und den USA gibt es viele Schulen, die den Titel tragen.