Geschichte

Vom preußischen Schlachtfeld zur Einkaufsmeile

Charlottenburger Museum widmet seine neue Ausstellung der Wilmersdorfer Straße

1900 Meter lang ist die Wilmersdorfer Straße. Bekannt ja, berühmt nein. Nie besungen. Eine gut funktionierende Einkaufsstraße, aber von der Bezeichnung Boulevard weit entfernt. Doch man würde der Wilmersdorfer Straße nicht gerecht werden, wenn man sie nur als Einkaufsmeile begreift. Sie ist nicht nur eine der ältesten Straßen Charlottenburgs, sie legt auch Zeugnis ab von der Entwicklung der Stadt. Wer zu einem Spaziergang aufbricht, von der Otto-Suhr-Allee aus im Norden oder beginnend im Süden am Adenauerplatz, kann mehr entdecken als nur Sonderangebote, vorweihnachtlichen Einkaufstrubel und eine stark belebte Fußgängerzone. Mit rund drei Dutzend denkmalgeschützten Häusern hat die Wilmersdorfer viel an Geschichte, Geschichtchen und Anekdoten zu bieten. Im Norden reicht die Bausubstanz bis in das frühe 18. Jahrhundert zurück, im Süden Richtung Kudamm ist die Straße mit noblen Mietshäusern bebaut.

Eine neue Ausstellung im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf zeigt Dinge, die sich beim Spazieren durch die Straße kaum offenbaren. "Die Wilmersdorfer - Geschichte der Straße" spannt einen zeitlichen Bogen von der ersten Erwähnung der Straße 1724 bis in die Gegenwart. Seit Sonntag zeigt die Ausstellung in der Villa Oppenheim den Wandel der Straße über mehrere Jahrhunderte. Und Birgit Jochens, Leiterin des Museums verspricht: "Die Straße überrascht."

Mit vielen Fotos, Zeit- und Texttafeln berichtet die Ausstellung von der Architektur entlang der Straße, spiegelt historische Ereignisse wider, erzählt von Menschen und Schicksalen. "Die Arbeiten an dieser Ausstellung haben ungefähr ein Jahr gedauert", sagt Jochens. "Für die Recherchen haben wir im Landes- und im Bundesarchiv nachgeforscht und sehr viele Akten im Archiv des Bauaufsichtsamts durchstöbert." Anhand historischer Berliner Adressbücher habe man einfache Charlottenburger, aber auch namhafte Persönlichkeiten entdecken können, die ihr Domizil entlang der Wilmersdorfer hatten. Etwa Gräfin Wilhelmine von Lichtenau. Wegen ihres Geizes bei den Charlottenburgern unbeliebt, blieb sie als Mätresse des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem späteren König Friedrich Wilhelm II., in Erinnerung. Auch der Physiker Albert Einstein und Schriftsteller Franz Kafka bezogen ihr Quartier an der Straße. Jedoch nur für wenige Tage.

Während des Siebenjährigen Krieges kämpften um 1760 preußische Soldaten in der Straße gegen österreichische und russische Heere. Während der Nazizeit mussten Zwangsarbeiter in den Betrieben arbeiten. Juden wurden verfolgt und deportiert. Der CDU-Politiker Rainer Barzel schrieb, wie er die Schrecken der Reichspogromnacht erlebte, als er nichtsahnend mit seinem Fahrrad durch die Straße fuhr. "Es wurde eine Fahrt durch Glasscherben. Die Straße entlang sah ich verwüstete Geschäfte, SA-Männer taten sich wichtig, stolzierten mit Plakaten wie 'Juden raus!'" Die Geschichte der Wilmersdorfer Straße ist so wechselvoll wie die Geschichte Deutschlands insgesamt.

Lichtspielhäuser und Ballsäle

An der Wilmersdorfer konnten sich die Berliner aber auch amüsieren. Bis zu zehn Lichtspielhäuser gab es zeitweise, außerdem Tanzcafés, Kneipen und Ballsäle. Auch Industrie und Handwerk hatten sich angesiedelt, nachdem die Gegend 1882 einen direkten Gleisanschluss bekommen hatte: den Bahnhof Charlottenburg. 1906 wurde dann auch die Berlin-Charlottenburger U-Bahn bis zum Bahnhof Wilhelmplatz, dem heutigen Richard-Wagner-Platz, eröffnet.

Den Ruf einer Einkaufsstraße bekam die Wilmersdorfer ab Ende der 50er-Jahre. Mit mehreren Kaufhäusern war sie eine der fünf größten Geschäftsstraßen Berlins geworden. Im September 1978 wurde die Fußgängerzone zwischen Krumme Straße und Schillerstraße eröffnet. Die erste in Berlin. Nur wenige Monate zuvor waren im Zuge der Verlängerung der U-Bahnlinie 7 drei Bahnhöfe an der Straße in Betrieb genommen worden.

Die Fußgängerzone wurde ab 1990 vom ehemaligen Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) einer radikalen "Verjüngungskur" unterzogen. Baurelikte aus den 70er-Jahren wie etwa Überdachungen und Containerbauten verschwanden. Gröhler hat eine besondere Beziehung zu der Straße. Dort aufgewachsen, eröffnete seine Mutter 1949 einen Kolonialladen und sein Vater spielte mit Paul Rogacki Skat. Der gleichnamige Fisch- und Feinkostladen gehört zur Wilmersdorfer wie das KaDeWe an den Tauentzien. Mit Kaufhäusern, Einkaufscentern, Einzelhandel, Büro- und Miethäusern gehört sie bis heute neben dem Alexanderplatz und dem Tauentzien zu den meistfrequentierten Einkaufsstraßen der Stadt.

Die Ausstellung kann bis zum 30. Juni 2013 besucht werden. Villa Oppenheim, Schloßstraße 55 in 14059 Berlin. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr sowie Sonnabend und Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Die nächsten Ausstellungsführungen sind am 7. Dezember ab 15 Uhr und 16. Dezember ab 11 Uhr. Der Eintritt ist frei.