Club-Szene

Berlin beschwingt

Damals kam er aus New York, heute kommt er aus Neukölln. Musik, Tanz und Mode der Swing-Ära sind in die Berliner Clubs zurückgekehrt

Aus den Boxen des Frannz-Clubs in Prenzlauer Berg tönt Fats Waller. Marco Dietz trägt Baskenmütze und Weste, seine Tanzpartnerin hält er kurz unter ihrer BH-Linie. Schwarz-weiß gekleidet wirft das Tanzpaar die Beine diagonal übereinander, während die Hände in großen, winkenden Gesten durch die Luft schnellen. Einen Clubraum weiter blasen Andrea Roberts und Florent Mannant in bunten Vintage-Kostümierungen in ihre Saxophone. Die Soundmaschine in ihrem Rücken vervollständigt das Spiel der Neuköllner zum Big-Band-Sound. "Swing with us", heizt ihr Bandkollege Gad das Publikum an. Im Sicherheitsabstand zwischen Bühne und Zuschauerpulk wagt sich ein Pärchen. Nach kurzem Zögern tanzt es: Lindy Hop. Zur gleichen Zeit beginnt im sonst meistelektronisch beschallten "Kater Holzig" in Mitte der "Kater Swing". Hier schwurbelt junges Publikum zu knisterndem Tanzjazz in Turnschuhen über die Holzdielen.

In Berlin vergeht mittlerweile kaum ein Tag, an dem nicht mindestens zwei Tanzjazz-Veranstaltungen gleichzeitig laufen. Der Swing, der Sound der späten 20er-, 30er- und frühen 40er-Jahre ist zurück in der Hauptstadt.

Charleston und Jitterburg

Aus den Scheunen der amerikanischen Südstaaten kam er über Chicago nach New York. Ausgelassener Off-Beat Jazz mit afroamerikanischen Wurzeln, Schlagbass und Tuba. Orchester wurden zu Big Bands. Musiklegenden wie Duke Ellington, Count Basie und Benny Goodman baten Sangeslegenden wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday und Bing Crosby ihre Mikrofone. Das Publikum fegte in "Charleston" und "Jitterbug" durch die Ballsäle, entfloh im federnden Viervierteltakt den Schlagzeilen der Weltwirtschaftskrise. Bereits Ende kam der Tanzjazz schließlich nach Berlin. Big Bands wurden im Radio gespielt, der Sound der amerikanischen Vorreiter von deutschen Bands übernommen. Ab 1936 hatten die Plattenfirmen auch einen Namen für das Tanzmusik-Phänomen. "Swing Music" stand in Goldschrift auf den Plattencovern von Louis Armstrong, Teddy Wilson und Co. "Und doch steht Swing mehr für ein Lebensgefühl, als eine Musikrichtung", sagt der Schöneberger Schellack-DJ und Autor des Buches "Swingtime in Deutschland" Stephan Wuthe. "Die Berliner Swing-Kids waren gegen die braune Uniformierung ihrer Zeit. Strebten nach Individualität und Internationalität." Sie hörten amerikanische Musik, orientierten sich an britischer Kleidung und französischer Lebensart. "In Swingclubs wie der 'Insel' in der Schöneberger Innsbrucker Straße haben Juden und Nationalsozialisten nebeneinander Jazz gehört", so Wuthe. Politisch habe der Berliner Swing aber nie sein wollen. "Die Swing Kids wollten nur eins nicht: Im Gleichschritt gehen."

Für den Friedrichshainer Tanzlehrer Marco Dietz geht es beim Swing auch heute vor allem um Spaß. Vor anderthalb Jahren rief er die "Berliner Swing Patrol" ins Leben. Nach australischem Vorbild lehrt er das Swingen nicht in einer stationären Tanzschule, sondern direkt in den Bars, in sogenannten "Social Classes" zu denen jeder ohne Voranmeldung kommen kann. Montags tanzt Dietz mit seinen Schülern durch die "Volksbar" in Mitte. Donnerstags bringt er vor "Swing und Wine"- Tanzabenden im Frannz-Club die Gäste in Schwung. Rund zwanzig Tanzschüler finden sich regelmäßig ein. Unter ihnen auch komplette Familien. "Wir wollen erst den Tanz lernen, bevor wir auf Swing-Veranstaltungen gehen", sagt Gregor aus Friedenau, der auch seine achtjährige Tochter mit zur "Social Class" genommen hat. "Wir fanden die Musik immer schon spannend." Der Familienvater trägt gekreuzte Hosenträger und Schiebermütze. Er wird wieder kommen. Sein Tanzlehrer Dietz kam durch ein, in den 30er-Jahren spielendes, Action-Adventure Computerspiel zum Swing. Django Reinhardt tönte aus den Boxen, während er seine Spielfigur über den Bildschirm steuerte. "In Berlin kann man das verstärkte Interesse am Swing mit Sicherheit auch auf den Erfolg der Bohème Sauvage-Veranstaltungen zurückführen", sagt Dietz. Seit mittlerweile sechs Jahren finden in der Hauptstadt regelmäßige Nostalgie-Partys mit 20er-Jahre-Kleiderordnung, Swing und Roulette statt. "Davon ausgehend hat sich immer mehr Angebot entwickelt." Trotz des großen Zuwachses würden sich zumindest die Veranstalter und Tanzlehrer untereinander kennen, so Dietz. Unter swinginberlin.de sammelt die Swing-Szene ihre Termine: "Balboa Tea Party", "Rix Swing" oder "Hop on a Boat" heißen die nostalgisch angehauchten Veranstaltungen. An diesem Wochenende findet ein zweitägiger Cabaret Zirkus "Cirque du Solo" sowie mehrer Tanzkurse, Tanztees und Club-Veranstaltungen statt. Unter ihnen eine Neuerscheinung: Electro Swing.

Hinter der Friedrichshainer Partyreihe "Electro Swing Revolution" stecken die DJs Johannes Heretsch (47) aus Nikolassee und Wolfram Guddat (35) aus Charlottenburg. "Electro Swing entstand im Umfeld der Londoner und Pariser Clubszene", sagt Heretsch. Die dortige Galionsfigur des gesampelten Swingtanzes dort sei DJ Chris Tofu. Dieser habe Heretsch ein paar CDs in die Hand gedrückt und gesagt: "Bring doch den Electro Swing nach Berlin." Seit Mai läuft im "Astra"-Club nun die Partyreihe "Electro Swing Revolution". Mit Erfolg, deswegen sei man nun auch in den Prenzlauer Berg expandiert. "Electro-Swing-Partys gibt es in Paris, London, New York und Berlin. Aber bisher eben noch nicht in Stendal oder Magdeburg", so Heretsch.

Als Florent Mannant vor sechs Jahren aus Frankreich zum Studieren nach Berlin kam, entdeckte er den Swing bei Straßenmusikern auf dem Boxhagener Platz. Das Interesse des heute 28-jährigen Musikers war geweckt. "In den Clubs und Bars gab es vor sechs Jahren kaum Swing", sagt Mannant. Er coverte den Tanzjazz vermengte ihn mit Punk-und Balkan-Elemeten. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen Gad Hinkins und Andrea Roberts gründete er schließlich die "Dirty Honkers" und machte den Swing mit Electro, Pop und Hip Hop-Elementen szenetauglich. "In Neukölln explodiert Swing schon seit zwei Jahren. Besonders auf der Weserstraße stößt man in beinahe jeder Bar auf Swing", sagt Mannat. Brutkasten der Szene sei das "Fuchs und Elster" gewesen - ebenfalls auf der Weserstraße. Auf dem "Dirty Honkers"-Konzert im weniger progressiven Prenzlauer Berg ist das Publikum erst verhalten. Die wilde Mixtur aus Saxophon, Rap, Trash und Big Band schwappt erst gegen Ende des Konzertes auf das Publikum über. "Unser Publikum ist intelligent, kritisch und genießt den Rückblick in alte Zeiten", sagt DJ Johannes Heretsch. Auch Mode gehöre zu dem Phänomen dazu. Bei den Partys im Friedrichshainer "Astra" habe es bereits zwei Mal eine begleitende Vintage-Modenschau gegeben.

Westen und Gamaschen

In einem historischen, ehemals zum Schloss Monbijou gehörenden, Pferdestall in Mitte verkauft Andrea Kiresch bereits seit elf Jahren nachgeschneiderte 20er-, 40er- und 60er-Jahre-Bekleidung. "Momentan laufen die Zwanziger aber auf Grund der zahlreichen Swing Partys am besten", sagt Kiersch. Das Charleston-Kleidchen mit Fransen würde gerne genommen, dazu enge Kappen, kleine Täschchen und für die Herren Baumwoll-Sportjacketts, Westen und Schuhe mit Gamaschen. Erlaubt ist, was gefällt und irgendwie nostalgisch ist. Auf den Swing-Partys springt die Musik zwischen den Jahrzehnten hin und her. In der Mode darf das Gleiche passieren. Auch Klatschabende veranstaltet Kiersch in ihrer Vintage-Boutique. "Da unterhalten wir uns über alles was alt ist. Musik, Filme, Mode. Wir tauschen aber auch Backrezpete aus", sagt Kiersch. Auf ihrer Auslage stapeln sich Flyer zu Lindy Hop-Tanzkursen und Swing-Feiern. Die Berliner Swing-Szene ist mittlerweile so groß, das für jeden was dabei ist, sagt Stephan Wuthe. Ob Kostümparty, Balboa, Lindy Hop oder der etwas alternativere Swingtanz im Kater Holzig. "Die 30er-Jahre werden heute nicht mehr wie vor 20 Jahren bewertet. Man kann die Tanzmusik von damals heute auflegen, ohne dass man zu hören bekommt, dass man die Nazi-Zeit verherrlicht", sagt Stephan Wuthe. Und es waren ja gerade auch die Nazis, die den Swing ablehnten. Damals wie heute stecke in dem flexibeln Swing-Tanz ein Fluchtgedanke. Swing, das seien der Ausbruch aus dem streng reglementierten Turniertanz, und der Wunsch einfach glücklich zu sein.