Meine Woche

Metropole der Zuwanderer

Gilbert Schomaker über den Zustrom von Asylbewerbern

Es ist ein schwieriges Thema - auch für die Hauptstadt. Seit Monaten steigt die Zahl der Asylbewerber in Berlin. Bis zum Jahresende rechnet das zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales mit rund 3500 neuen Asylbegehren, die bis zum Jahresende in Berlin gestellt werden. Das setzt den Senat und die Bezirke unter Druck. Die zentralen Aufnahmestellen sind überlastet.

Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) will eine gerechtere Verteilung der Flüchtlingsströme über die Stadt. Er muss handeln. Denn wenn einzelne Bezirke Hunderte Menschen aufnehmen müssen, dann sind sie schnell überfordert. Benötigt werden aktuell 1000 zusätzliche Übernachtungsplätze. Das ist nicht leicht, in einer Stadt, in der günstiger Wohnraum knapp geworden ist. Aber die Asylsuchenden haben einen Anspruch darauf, nur maximal drei Monate in einer Sammelunterkunft leben zu müssen. Zu ihren Rechten gehört auch, dass die Kosten für die Übernachtungen in der Gemeinschaftsunterkunft und ihre Verpflegung vom Staat übernommen werden. Mit Kosten von 35 Millionen Euro rechnet Czaja. Im Vorjahr waren es noch 22 Millionen Euro. Aber es geht nicht nur um Zahlen. Der Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, Frido Pflüger, sagte diese Woche einen guten Satz: "Wie wir mit Flüchtlingen und Hilfesuchenden umgehen, ist ein Gradmesser für unsere menschliche Kultur." Deswegen muss man politischen Rattenfängern entgegentreten. Wie den Rechtspopulisten von Pro Deutschland, die versuchen, aus der Situation schon Kapital zu schlagen. Diese Woche fand eine erste Demonstration am Brandenburger Tor statt. Auch wenn nur einige versprengte Aktivisten kamen, schaden solche Aktionen dem Image Berlins als tolerante und weltoffene Stadt.

Wichtig ist allerdings, dass es nicht um Zuwanderung aufgrund staatlicher Hilfe geht. Den Menschen muss vielmehr eine Perspektive geboten werden, ein Leben auf eigenen Füßen zu gestalten. Hier sind wir wieder bei Politik und Verwaltung. Sie müssen sich um die Hilfe suchenden Menschen kümmern. Wichtig ist, dass die Behörden individuell, sorgsam, aber auch schnell die Anträge auf Asyl prüfen und darüber entscheiden. Denn es ist ein Grundrecht, dass politisch Verfolgte in Deutschland bleiben dürfen. Es ist für eine Familie unzumutbar, wenn die Kinder jahrelang auf eine Schule in Berlin gehen können, Freunde gewinnen, die deutsche Sprache lernen und dann die neue Heimat wieder verlassen müssen, weil die Duldung ausläuft. So wie für den 14-jährigen Amir, der seit drei Jahren in Berlin lebt, für den sich seine Köpenicker Mitschüler und seine Klassenlehrerin einsetzen. Die Berliner Morgenpost berichtete über diesen Fall. Die Härtefallkommission muss nun entscheiden. Eine Rückkehr in eine Heimat Bosnien, die für ihn keine mehr ist, ist keine Perspektive.

Man sollte nicht vergessen, dass die größte deutsche Stadt immer auch eine Metropole der Zuwanderer war. Der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Werner Michael Blumenthal, sagte den zweiten guten Satz in dieser Woche: "Menschen, die hierher kommen, stoßen auf Vorurteile, und dabei tragen sie viel Positives bei, sie beleben die Wirtschaft, machen das Leben bunter und reicher."

Gilbert Schomaker leitet gemeinsam mit Christine Richter die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Christine Richter über ihre Woche in Berlin.