Kunst

Jägerin des verlorenen Schatzes

Kunsthistorikerin Sabine Meister spürt verlorene Werke der Kunstsammlung Charlottenburg auf

Kunst kann spannender als ein Krimi sein. Jedenfalls, wenn aus einer respektablen Kunstsammlung wie der Charlottenburger mit Werken von Leistikow und Liebermann vieles verschollen ist und sich Fachleute in detektivischer Kleinstarbeit auf die Suche machen. "Eigentlich kann man sich auf nichts verlassen, man muss Puzzleteile finden, sie untersuchen und daraus Rückschlüsse ziehen", sagt Sabine Meister. Die promovierte Kunsthistorikerin spürt den Kunstwerken in Verzeichnissen, historischen Fotoalben, auf Auktionen und in verstaubten Ordnern nach.

Zu ihrer großen Freude stieß sie vor nicht allzu langer Zeit bei ihrer Suche auf Karteikarten. Nicht die mit Schreibmaschine beschriftete Vorderseite beglückte sie, sondern die Rückseite. Dort wurden fein säuberlich mit Tinte die Kunstschätze Charlottenburgs notiert - lange bevor die Schreibmaschine nach dem Krieg zum Einsatz kam. Auf der Rückseite befindet sich das Original-Verzeichnis der Charlottenburger Sammlung aus den Jahren 1933 bis 1945. Zwar ausgesprochen akribisch geführt mit dem Namen des Künstlers, der Farbe des Rahmens und der Herkunft des Werkes. Doch leider ist dieses Verzeichnis nicht mehr vollständig.

Die Puzzlearbeit hatte ihren Anfang genommen, als sich die Mitarbeiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf im Jahr 2005 die Werke im Bürgermeister-Büro im Rathaus Charlottenburg erstmals genauer ansah. Zur Verwunderung des Hausmeisters, der beim Abhängen von Franz Skarbinas "Promenade in Karlsbad" half, ließ sich Sabine Meister auch die Rückseite des großformatigen Ölgemäldes zeigen. "Ich wollte sehen, ob das Bild, das auf einer Ausstellung der 1892 gegründeten Berliner Künstlergruppe ,Vereinigung der XI' ausgestellt war, einen Galeristenstempel trägt", sagt die Kunsthistorikerin. "Deputation für Kunstzwecke Charlottenburg" stand auf der Rückseite des Bildes. Schnell wurde der Kunsthistorikerin klar, dass in der wohlhabenden Stadt Charlottenburg schon früh systematisch gesammelt worden war. Die Recherchen begannen. Kunstamtsleiterin Elke von der Lieth erkannte sofort, dass hier ein Schatz zu heben war, und unterstützte trotz knappen Budgets die Suche.

Erstes Bild aus privatem Nachlass

Einen ersten Erfolg verbuchten die Museumsleute im Jahr 2011. Ein Münchner war durch den 2008 publizierten Katalog "SammlerStücke" auf das Thema der verschollenen Bilder aus der Sammlung Raussendorff und der Charlottenburger Kunstdeputation aufmerksam geworden. Nach der Wohnungsauflösung des Vaters hatte der Sohn geforscht, was es mit einem Bild auf sich hatte, das jahrzehntelang beim Vater an der Wand hing. "Szene mit Magd" des in Rotterdam lebenden Malers Hendrik Martensz Sorgh (genannt Heinrich Rokes) entstand um 1640/1650. Aufgrund eines Aufklebers auf der Rückseite war schnell zu klären, dass es sich um ein Werk aus der Sammlung Raussendorff handelte. Es ist das erste Bild, das zurückgeführt wurde. "Und ein guter Beweis, dass es sich gelohnt hat, die Dokumentation zu erstellen", sagt Kunstamtsleiterin Elke von der Lieth.

Zur Geschichte der renommierten Sammlung weiß Sabine Meister heute: Seit 1904 diskutierten die Stadtväter Charlottenburgs, eine Kunstdeputation ins Leben zu rufen. Jeweils fünf Magistratsmitglieder, Stadtverordnete und Bürgerdeputierte sollten sich fachkundig um Stiftungen und Schenkungen kümmern, Kunstwerke begutachten und ankaufen. Das Jahresbudget betrug 20.000 Mark. 1908 war es so weit. Die Stadt Charlottenburg gründete ihre Deputation für Kunstzwecke. "Während die Berliner Kunstdeputation aus dem Jahre 1893 in der wissenschaftlichen Forschung längst bekannt ist, wusste man über die Charlottenburger Sammlung bislang nichts", betont die Kunsthistorikerin. Dabei sollte gleich das erste gestiftete Werk andere zur Nachahmung anregen - und tat es wohl auch: Der Stadtverordnete Albrecht Guttmann schenkte Charlottenburg 1908 im Gedenken an den im selben Jahr gestorbenen Walter Leistikow die "Brücke am Dianasee". Es war um 1900 entstanden und hing viele Jahre im Bürgermeister-Büro im Rathaus Charlottenburg. Es ist ein Hauptwerk der Sammlung und kann heute in der Villa Oppenheim mit anderen Werken der Berliner Secession besichtigt werden.

Doch das Wissen um die Charlottenburger Sammlung, in der einst rund 250 internationale Künstler vertreten waren, teils mit mehreren Werken, ist noch immer fragmentarisch. Viele Kunstwerke sind im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangen. Zahlen nennt Sabine Meister ungern, schließlich ist vieles über die Sammlung noch gar nicht aufgeklärt. Deshalb betont sie: "Nach jetzigem Forschungsstand ist noch ein Viertel der Sammlung da, nämlich 120 Werke, rund drei Viertel, 320 Werke, sind verschollen." Während des Zweiten Weltkrieges wurden Gemälde, Aquarelle, Grafiken und Skulpturen beispielsweise ausgelagert nach Sommerfeld (Osthavelland), wo die Stadt Charlottenburg seit 1913 das Tuberkulosekrankenhaus "Waldhaus Charlottenburg" betrieb. Der dortige Hausmeister habe nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich das Klinikum mitten in der sowjetisch besetzten Zone befand, den Charlottenburger Bürgermeister angerufen und bekniet, die Werke wegen der beginnenden Plünderungen schnellstmöglich zurückzuholen.

"Auf einem Goliath-Dreirad wurden sie hastig zurückgebracht. Viele Bilder gingen aber auch im Nachkriegsgetümmel später noch verloren", hat Meister herausgefunden. Das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf sucht deshalb Zeitzeugen, die über ihre Erinnerungen berichten. Gerade hat die Kunsthistorikerin ein historisches Fotoalbum aus einem Antiquariat erhalten. Ein Schatz, denn dank der Schwarz-Weiß-Fotos von Max Krajewsky aus der Lichtbildwerkstatt Charlottenburg 1 weiß Sabine Meister jetzt mit allerletzter Sicherheit, wie das großzügige Ehepaar Antonie und Hugo Raussendorff, das Charlottenburg seine Kunstsammlung vermachte, aussah.

Das Fotobuch zeigt einige Räume des von dem Privatsammler und Kaufmann Raussendorff gestifteten städtischen Altenheims, das an der heutigen Westendallee 120 erbaut und 1934 eröffnet wurde. Dieses Raussendorff-Stift war mit vielen der Kunstwerke ausgestattet, die der Mäzen bereits 1912 zusammen mit mehreren sozialen Stiftungen der Stadt Charlottenburg vermacht hatte. Auf zwei großen Porträts hat Sabine Meister mithilfe des Fotobuchs das Spender-Ehepaar identifizieren können. Andere Werke, die auf den Fotografien zu sehen sind, sind von "Meister unbekannt". Noch.

Vergrößerte Fotos im Internet

Anhand der Schwarz-Weiß-Fotos will die Kunsthistorikerin von den dort untergebrachten Ölgemälden jetzt Vergrößerungen anfertigen lassen, um sie bei Lost Art im Internet einzustellen. Seit Anfang des Jahres präsentiert das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf Werke der Kunstsammlung - Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 300 Jahren - in der umgebauten und sanierten Villa Oppenheim in der Schloßstraße 55. In der Verwaltungsbücherei des Rathauses Charlottenburg hat Sabine Meister einen Sammlungskatalog gefunden, der anlässlich Hugo Raussendorffs 63. Geburtstag am 6. Februar 1895 entstanden war. "Das ist das älteste Verzeichnis, das uns vorliegt."

Infos unter: www.villa-oppenheim-berlin.de, E-Mail: sabine.meister@charlottenburg-wilmersdorf.de