Szene

Digitale Bohème? Das ist vorbei

Wer heute im St. Oberholz sitzt, der hat einen konkreten Plan. So wie der Gründer der Gaststätte. Er hat einen Roman geschrieben

Den Moment erlebt er heute noch. Diese Spannung noch vor der Tür. Wer ist heute da? Läuft der Laden? Was entsteht? Seit sieben Jahren betreibt Ansgar Oberholz nun die "Gaststätte St. Oberholz" am Rosenthaler Platz in Mitte. Das Café steht in jedem Reiseführer über Berlin, alle einschlägigen Medien haben längst über das erhöhte Hipsteraufkommen hier berichtet, keine Reportage über Digitales, IT oder Gentrifizierung kommt an Oberholz vorbei. Sogar im Wallstreet Journal stand jüngst ein Text über Ansgar Oberholz und Berlins Silicon Crossroads. Aber wenn der Gründer seinen Laden zum ersten Mal am Tag betritt, dann sieht er immer noch aus, als entdecke er gerade etwas Neues.

Tatsächlich bleibt das St. Oberholz ein Phänomen. Das Café hat eine höhere Laptopdichte als eine amerikanische Forschungsbibliothek, und jede führende Wirtschaftsnation scheint einen Nachwuchsvertreter gesandt zu haben. Es ist drei Uhr am Nachmittag, die Tische auf den zwei Etagen sind voll besetzt, überall wird eifrig kommuniziert. Mal laut miteinander, mal stumm über die Tastatur mit der Welt da draußen. Alle Arten, Größen und Farben tragbarer Rechner und Telefone scheinen vorhanden. Ein paar Erasmus-Studenten erarbeiten ein Referat zur Zukunft der Atomenergie, ein junger Wilder skypt mit seiner Mutter, und eine sehr ernsthaft aussehende junge Frau streitet über Facebook mit einer Freundin. Dazwischen sitzen analoge Leser. Einige mit einer Tageszeitung, einer mit einem Paul-Auster-Roman auf Spanisch, und ein etwas angestrengt Wirkender vertieft sich in "The Essence of Christianity". Im Oberholz passieren unglaublich viele Geschichten gleichzeitig.

Ohne Konsumzwang

Wie all das gekommen ist, das hat Ansgar Oberholz jetzt aufgeschrieben. Ausgehend von genau diesem Moment, als er hier zum ersten Mal vor der Tür des damals verlassenen Gebäudes stand. Es ist nicht alles hundertprozentig genau so passiert, schließlich ist sein in dieser Woche bei Ullstein erscheinendes Buch ja ein Roman. Aber man kann in "Für hier oder zum mitnehmen?" erlesen, wie ein Mann aus dem Haus, das 1898 als die neunte Bierquelle der Gebrüder Aschinger erbaut wurde, einen der angesagtesten Plätze der neuen Hauptstadt geschaffen hat. Mit kostenlosem WiFi, ohne Konsumzwang, mit Hörspielen auf den Toiletten, Tausenden Steckdosen zum Geräteladen, mit renitenten Kellnerinnen und schnuckeligen Barkeepern und einer Speisekarte, die Indisch und Italienisch mit Quiche und Molle kreuzt.

Ansgar Oberholz ist 1993 in die Stadt gekommen. Heute mit 40 Jahren sind seine Kinder nah am Alter seiner Gäste, und trotzdem hat das, was im St. Oberholz passiert, immer noch viel mit seiner Person zu tun. Offen ist er, und neugierig. Es interessiert ihn, wie sich die Welt entwickelt, das scheint auch seine Gäste anzustecken. Sein eigener Look ist ein Mix, wie der Laden selbst: Turnschuhe, existentialistenschwarze Kleidung, dazu die Haare "ein bisschen angepunkt, aber sauberer Scheitel", wie er sagt. "Sieht nach 20er-Jahren aus."

Zum Gespräch müssen wir das Lokal wechseln, im St. Oberholz ist kein Platz frei. "Berlin und ich sind quitt", hat Ansgar Oberholz gerade in einem Interview gesagt. Soll dieser Satz bedeuten, die digitalen Fantasten in ihren schicken Sneakers hängen ihm auch langsam zum Halse raus? "Nein", sagt Oberholz und lacht. "Ich meinte, auch wenn das vielleicht etwas pathetisch klingt, dass mir Berlin viel gegeben hat, und ich der Stadt etwas zurückgeben wollte, als ich das St. Oberholz gründete. Und das habe ich getan. Meine Schuld ist beglichen. Jetzt kann Berlin noch mal vorlegen. "

Seit er 2005 das Oberholz gründete, ist die Gegend um den Rosenthaler Platz zur Hostel-Landschaft geworden. "Die Obrigkeit hat kapiert, dass man aus der Tourismusbranche noch etwas rausholen kann und hat ziemlich wahllos Baugenehmigungen verteilt", sagt Oberholz. Noch aber haben die Touristenbusse nicht gewonnen. Anders als in der Oranienburger Straße um die Ecke. "Die war mal 'ne echte Meile", sagt Oberholz, "mittlerweile aber herrscht da Ballermannfeeling." Die Besucher dächten dann, so sei Berlin. Ist es aber nicht. Letztens habe jemand zu ihm gesagt, die Kreuzung am Rosenthaler Platz sei der einzige Punkt Berlins, der ihn an London oder Paris erinnere. Wegen des Krachs. Brands4friends haben sich an den hohen Tischen im Oberholz gegründet, und Soundcloud, aber auch viele kleine Startups. "Man erfährt immer erst hinterher, ob eine Idee dann auch wirklich Erfolg hatte", sagt Oberholz, aber spüren könne man es schon vorher. "Was aber immer da ist, ist dieses Gefühl, dass vielleicht gerade am Nachbartisch was ganz Großes erdacht wird."

Zu seiner Gründerzeit war das St. Oberholz die Heimat der Freelancer-Szene, Bücher wie "Wir nennen es Arbeit" beschrieben das Lebensgefühl, heute trifft sich die Start-up-Szene hier. Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, ist vor seiner Forschungsreise zu digitalen Neuheiten in Silicon-Valley noch mal bei einer Tour durch Berlin am Rosenthaler Platz vorbeigekommen. "Es hat ein Generationswechsel stattgefunden, die digitale Welt ist heute weniger Bohème. Die haben ziemlich klare Ziele", sagt Oberholz, "für die ist das Im-Café-Sitzen und an Projekten basteln eine Lebensphase und kein Lebensentwurf". Viele der Geschäftsmodelle arbeiten nur daraufhin, so bedeutend zu werden, damit ein Größerer sie kaufen muss, um die Konkurrenz zu vermeiden. Amazon zum Beispiel oder Google, die Giganten der Branche.

Zwischen Ingwertee und Focaccia

Aber es gibt auch noch Idealisten, die etwas langsam aufbauen wollen, damit es gut wird. Fraisr.com zum Beispiel, ein Internet-Marktplatz, bei dem ein Teil des erwirtschafteten Geldes gespendet wird. Auch diese Seite wurde zwischen Ingwertee und Focaccia mit Chutney gebastelt. Moment, was ist denn eigentlich mit seinem eigenen Laden? Was würde denn das Oberholz kosten? Der Besitzer lacht. "Das muss Apple sagen." Und dann überlegt er. "So ein Angebot wäre ein großes Kompliment, und ich würde nein sagen."

Kann er den Begriff digitale Bohème noch hören? "Es passt nicht mehr. Wer heute ein Start-Up gründet, ist meist in einer ganz guten Situation." Über Twitter verbreitet die Szene gerne Tipps wie, 'Geh doch mal ins Oberholz und häng da ein bisschen rum, dann triffst du schon wen'. "Bei uns gibt es Start-Up-Groupies", klärt Ansgar Oberholz auf. "Das sind alles Männer, die wollen keinen Sex, sie wollen nur in der Nähe der Stars der Szene sein."

Seit Start-ups zu einer richtigen Branche geworden sind, ist das St. Oberholz abends und am Wochenende auch eine ganz normale Bar. "Bei den Freelancern gab es ja so etwas wie Feierabend gar nicht", erzählt Oberholz. Mittlerweile werden auch bei ihm ab einer bestimmten Uhrzeit die Laptops zugeklappt und das Bier aufgemacht. Das war bei den Freiberuflern eher nicht drin. "Es hat mal jemand ausgerechnet, ab wie viel Kaffee am Tag man sich eigentlich bereits ein eigenes Büro leisten könnte."

"Für hier oder zum mitnehmen" ist der erste Roman von Ansgar Oberholz. Allerdings hat er bereits eine große Leserschaft, denn natürlich braucht ein digitales Café auch einen Blog, und den schreibt Oberholz selbst. Mit einer leicht melancholischen Nüchternheit beschreibt er in seinem "Fundbüro" Gegenstände, die von den Gästen übrigblieben. Einen Ring mit der Inschrift 'Für immer Dein', ebenso wie eine Serviette mit einer Telefonnummer für den Barkeeper - allerdings einer falschen.

"In der Anfangsphase lief es sehr schlecht, wir dachten, Mist, was haben wir da nur angerichtet, so ein Riesenteil." Damals, so steht es zumindest im Buch, dachte der Gründer darüber nach, ob er vor Passanten auf die Knie fallen sollte, damit sie einen Gratis-Kaffee annehmen. Und da hatte er nur Erdgeschoss und erste Etage gemietet. Seit einem Jahr nun bespielt Oberholz mit den Büroräumen, in die man sich einmieten kann, auch den zweiten Stock, seit 2009 schon vermietet er tageweise Apartments in den beiden Etagen darüber. Das Oberholz Imperium. Momentan fasziniert dessen Gründer am meisten die Bloggerszene und alles, was dazugehört. "Twitter überholt gerade Nachrichtengiganten wie CNN. Die Energie von unten, das finde ich spannend." Die Medien setzten momentan keine Trends, sie griffen sie nur auf. "Da wälzt sich etwas um", sagt Oberholz. Und was kommt für ihn als nächstes? Oberholz lacht, das sei klar: "St. Oberholz, der Film."