Akademie

"Höre die Wahrheit, wer sie auch spricht"

Jüdisches Museum eröffnet die von Libeskind gestaltete Akademie im alten Blumengroßmarkt

Der Schriftzug prangt seit Donnerstag an der neuen Fassade. Er stammt von Architekt Daniel Libeskind und heißt: "Höre die Wahrheit, wer sie auch spricht". Nach anderthalb Jahren Bauzeit ist es am Sonnabend soweit - das Jüdische Museum an der Lindenstraße eröffnet mit einer Festgala seine neue Akademie in Kreuzberg. Dabei wird Museumsdirektor Werner Michael Blumenthal dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und dem Industriemanager Klaus Mangold im neuen Haus an der Lindenstraße den Preis für Verständigung und Toleranz überreichen. Er wird zum elften Mal vom Jüdischen Museum Berlin vergeben und zeichnet zwei Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Politik aus, die sich für eine kritische Aufklärung über Antisemitismus und Rassismus in Deutschland engagieren und für eine Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus einsetzen. Der Schriftzug an der Fassade ist gleichzeitig Leitmotiv der neuen Bildungs- und Kultureinrichtung.

Gleich gegenüber dem bekannten Museum in Kreuzberg hat Libeskind aus der Halle des ehemaligen Berliner Blumen-Großmarkts eine Ergänzungsfläche geschaffen, die es in sich hat, mit vielen spitzen Winkeln und Schrägen: Drei große würfelartige Räume sind entstanden. Hinter dem gekippten und gespaltenen Eingangskubus, der sich in die Außenhaut der 60er-Jahre-Halle bohrt, befindet sich ein Saal mit 199 Plätzen. Ebenfalls mit vielen Schrägen schließt sich eine Bibliothek mit einem Lesesaal inklusive Freihandbibliothek an. Dahinter befinden sich das Archiv, Büros, Küche.

Kuben erinnern an Transportkisten

Das Innere der schrägen Kuben ist holzverkleidet. "Sie sollen an Transportkisten erinnern, in denen uns das Vermächtnis der jüdischen Exilanten vermacht wurde", sagt Katharina Schmidt-Narischkin, Sprecherin des Museums. Dass das Museum Platzbedarf hat, war schon seit Jahren absehbar. Seit der Eröffnung des Jüdischen Museums im Jahr 2001 seien ihnen allein 2000 Nachlässe überlassen worden, so die Sprecherin. Der Archivbestand habe sich verdreifacht.

Der Schriftzug inklusive Design, Material und Baukosten sind ein Geschenk Libeskinds an die Akademie des Jüdischen Museums. Das Material ist Edelstahl, es wurde bearbeitet, damit es wie Zink aussieht - als Referenz an den Museumsbau auf der anderen Straßenseite. In einem öffentlichen Colloquium wird Libeskind am Sonntag (18. November) ab 10.30 Uhr über den Leitspruch berichten. Er stammt von dem jüdischen Philosophen Moses Maimonides, über dessen Wirken es in der Tagung Vorträge geben wird.

Der Erweiterungsbau hat 11,8 Millionen Euro gekostet. Davon hat der Bund 7,5 Millionen Euro gezahlt, den Rest steuerten private Spender bei. So hat der amerikanische Unternehmer und Mäzen Eric F. Ross (1911-2010), nach dem die Akademie benannt ist, allein drei Millionen Euro gestiftet. Für Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) ist das Jüdische Museum mit seinem neuen Erweiterungsbau als Museum und Erinnerungsort ein "Leuchtturm" im Bezirk: "Wir haben damit eine hervorragende Architektur und einen Ort, wo auf beeindruckende Art an das jüdische Leben, auch gerade in Berlin, erinnert wird." Die Erweiterung des Museums sei ein "absolutes Highlight" und biete jetzt die Möglichkeit, wissenschaftliche Bearbeitung und Kommunikation sowie Auseinandersetzung mit dem Thema auszuweiten. Beispielhaft sei auch der Beteiligungsprozess, mit dem gerade die Bebauung rund um die Blumenhalle geplant werde. Vor der Entscheidung des Aufsichtsrats der Großmarkthallen GmbH habe sich eine Jury ausführlich damit beschäftigt, wer dort bauen soll. Die Bewerber hätten sich öffentlich vorgestellt. Die Jury, die dem Aufsichtsrat Empfehlungen aussprechen werde, habe nur zu 40 Prozent den Kaufpreis zugrunde gelegt und zu 60 Prozent andere Kriterien, nämlich wie dort auf den fünf Baufeldern ein möglichst lebendiges Viertel entstehe. "Damit die Halle im Kern wieder in ein städtisches Gefüge eingebunden wird, so wie es bis zur Zerstörung 1945 auch war", sagt Schulz. Der Aufsichtsrat wolle im Dezember über die Vergabe der Grundstücke entscheiden.