Integration

Charité lobt Stadtteilmütter

Wissenschaftler untersuchen das Kreuzberger Integrationsprojekt

Serap Gündar hat einen vollen Terminkalender. Familiensprechstunden in Kitas und Grundschulen, zweisprachige Spielgruppen mit Kleinkindern, Sprachtraining und ein abschließende Teamgespräch am Ende der Woche. Die 42-jährige Türkin arbeitet als Stadtteilmutter in Kreuzberg. Sie ist eine von den 67 überwiegend türkisch- und arabischstämmigen Frauen im Kreuzberger Kiez, die seit 2008 Familien besuchen und unterstützen.

"Anfangs war es nicht einfach. Wenn man dann aber sieht, wie man den Menschen tatsächlich hilft, ist es ein schönes Gefühl", sagt die Mutter von zwei Kindern. Auf welche Hindernisse das Projekt Stadtteilmütter in Kreuzberg stieß, aber auch welche Erfolge es in den vergangenen drei Jahren verbuchen konnte - diese Fragen beantwortete eine Untersuchung der Berlin School of Public Health (BSPH) der Charité, die am Freitag präsentiert wurden.

Im Mittelpunkt des Projekts steht die frühkindliche Förderung und Verbesserung der Lebenssituation von Familien mit wenig oder keinem Kontakt zu den Institutionen. "Es hat sich gezeigt, dass es den Stadtteilmüttern gelingt, besonders belastete und als schwer erreichbar geltende Familien wirksam zu erreichen", sagt die Projektleiterin Prof. Dr. Ulrike Maschewsky-Schneider. Insgesamt besuchten die Stadtteilmütter regelmäßig 118 Familien im Bezirk.

Als besonders hilfreich stuft die Untersuchung praktische Hilfen ein: Erziehungstipps wie zum Beispiel den Kindern mehr Zuzuhören, das Grenzen setzen etwa beim Fernsehen, sowie die Unterstützung bei Telefonaten mit den Behörden und die Begleitung zum Jobcenter, Jugendamt oder Kita-Anmeldung. "Es ging außerdem um ganz praktische Frage, zum Beispiel wo die Kinder im Winter spielen können oder wo der nächste Sozialladen zu finden ist", sagt die Soziologin Giselind Berg, die das Projekt gemeinsam mit der Kollegin Regina Stolzenberg wissenschaftlich begleitete. "Sehr vielen besuchten Frauen war insbesondere die große Bedeutung des Spielens und dessen entlastende Wirkung nicht klar", sagt Giselind Berg. Die Stadtteilmutter Serap Gündar erzählt vom Besuch einer Familie, deren Sohn und einer unbehandelten Entwicklungsverzögerung litt. "Wir sind zusammen zur Ergotherapie und zum Logopäden gegangen und haben den Jungen richtig aufgepäppelt", sagt die Berlinerin. Auch sie selbst habe während der sechsmonatigen Ausbildung zur Stadtteilmutter viel gelernt, was sie nun bei ihren Kindern einsetzt. "Etwa bei der Ernährung", sagt Gündar und lächelt.

Serap Gündar hat ihre Aufgabe als Stadtteilmutter als Sprungbrett genutzt. Sie ist mittlerweile auch Sozialassistentin bei der Diakonie. Das Modell der Stadtteilmutter jedoch stoße auf Grenzen.

De facto entspricht es einer Arbeitsfördermaßnahme. Die Frauen verdienen nur 1,50 Euro in der Stunde. Zudem dürfen die Frauen höchstens zwei Jahre im Einsatz sein. Die Stadtteilmütter sind stets abhängig von den Jobcentern. Hier setzt Kritik von der Bezirksstadträtin Monika Herrmann (Grüne) an, die das Projekt seit den Anfängen unterstützt: "Um das Projekt zu sichern, brauchen wir ein anerkanntes Berufsbild Stadtteilmutter."