Bildung

Überfüllte Hörsäle, keine Stifte für das Whiteboard

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Christine Eichelmann und Katrin Lange

Immer mehr Schulabgänger studieren an einer der Berliner Hochschulen. Dort aber beklagen sie Mängel bei Ausstattung und Lehrangebot

Ganz am Ende des Gangs, wo der Mensatrubel nicht mehr zu hören ist, stehen Karin und Ina. Die Psychologiestudentinnen haben zwei Freistunden. "Wir wissen nicht wohin", sagen sie. Die Mensa sei zu voll, und in der Bibliothek müsse Ruhe herrschen. Sie wollen die Zeit aber nutzen, um sich über ein Thema auszutauschen. "Es fehlt ein großer Arbeitsraum", sagt Karin. Und Ina fügt hinzu: "Oder mehrere kleine." Das wäre ihr größter Wunsch, wenn mehr Geld für die Universitäten zur Verfügung stünde.

Die Situation an den Unis ist angespannt. Es fehlt an Platz, an Ausstattung, selbst an Zeit der Dozenten für die Studenten. Das war ein Grund, warum die Rektoren der Berliner Hochschulen am Mittwoch an die Öffentlichkeit gegangen sind. Sie forderten zehn Prozent mehr Geld für die Universitäten. Sonst müssten sie Kapazitäten runterfahren oder Abstriche bei der Qualität der Forschung machen, so die Uni-Präsidenten. Denn die Bundesmittel, die im Rahmen des Hochschulpaktes für zusätzliche Studienplätze an die Länder fließen, deckten die Kosten nicht, sagte der Präsident der Technischen Universität (TU), Jörg Steinbach. 34.000 Euro Kosten pro Platz stünden Zuweisungen von 26.000 Euro gegenüber. Auch die Finanzierung des Landes für die Lehre sei nicht fair. Diese gehe von der falschen Voraussetzung aus, dass nur jeder zweite Bachelor-Absolvent noch ein Magister-Studium dranhänge. Diese Annahme gelte auch für Lehramtsstudenten, obwohl hier 100 Prozent weitermachten, weil sie sonst nicht Lehrer werden dürfen.

Bei den Studentenvertretungen (Asta) an den Berliner Hochschulen kennt man die Folgen unzureichender Finanzierung aus Beratungsgesprächen mit Studenten. Selbst Pflichtseminare seien aufgrund der Personalnot so rar, dass insbesondere Studenten mit mehreren Fächern an unterschiedlichen Fachbereichen die Termine immer wieder nicht wahrnehmen könnten. "Besonders schlimm ist das bei denen, deren Bafög dann irgendwann ausläuft", sagte Imke Brümmer, zuständig für Lehre und Studium beim Referentinnenrat der Humboldt-Uni (HU). Übervolle Seminare kennt auch Christian Korff vom Asta der TU. "Es braucht mehr Geld, und vor allem sollte das in die Lehre fließen", sagte Korff. Werde die Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen zum Beispiel bei der Koordination von Kursen oder das Lehrangebot weiter zusammengestrichen, sei die Bildungsfreiheit nicht mehr gegeben, warnte Philipp Bahrt, Sozialreferent beim Asta der Freien Universität (FU). Zusätzlich würden die Folgen der Unterfinanzierung wiederum den besonders überlaufenen Fachbereichen zur Last gelegt: Weil ein Teil der Landesmittel als sogenannte Leistungsfinanzierung vergeben wird, gilt nämlich beispielsweise ein größerer Anteil an Studierenden jenseits der Regelstudienzeit als Nachteil bei der Zuweisung zusätzlicher Mittel.

Gedränge auf den Treppen

Bei den Juristen an der FU ist die Raumnot ein ständiges Thema. "In den Vorlesungen müssen viele auf den Treppen sitzen", sagte Nora Salomon. Die 30-Jährige studiert im neunten Semester Jura. Für 25 Studenten seien die Seminarräume ausgelegt, nicht selten kämen bis zu 40. Psychologiestudentin Ina berichtete von der Schwierigkeit, ein bestimmtes Seminar aus einem nächsthöheren Semester zu belegen. Vergeblich: Sie hatte keine Chance, einen Platz bekommen.

Ganz direkt spüren den knappen Etat aber auch die Studierenden in technischen oder naturwissenschaftlichen Fächern. "Beispielsweise ist aufgrund von Etatkürzungen die Übung in Telematik gestrichen worden", sagte Maximilian Konzack, Informatikstudent an der FU. Auch an der Ausstattung wird gespart: So gebe es nicht in jedem Raum einen Beamer. Ähnlich sei die Ausstattung des Arbeitsraums. Dort sei zwar ein Whiteboard, aber es gebe keine passenden Stifte. Daneben verfüge der Fachbereich nur über einen großen Hörsaal. "Vorlesungen werden aus diesem Grund in Seminarräumen gehalten, die vor allem am Semesteranfang stark überfüllt sind", sagte Maximilian Konzack.

Viel mehr Bewerber als Plätze

Und das, obwohl Informatik an der FU nicht zu den meist nachgefragten Fächern zählt. Das waren in diesem Wintersemester Psychologie mit 4200 Bewerbern auf 120 Plätze sowie Betriebswirtschaftslehre (2500 Bewerber/319 Plätze). Insgesamt interessierten sich 32.000 Schulabgänger für die 4200 Studienplätze an der FU. An der TU konnten sich 5700 Studenten neu immatrikulieren, an der Humboldt Universität waren es 6800.

An allen drei Hochschulen hatte es gegenüber dem Vorjahr ein Plus gegeben, der erwartete enorme Anstieg aufgrund des doppelten Abiturjahrganges war aber ausgeblieben. Die FU erhöhte die Studienplatzzahl. Die TU hatte fünf Studiengänge von der Zulassungsbeschränkung befreit. 1500 Studierende kamen hier zum Zuge. Zusätzlich blieben mehrere Masterstudiengänge zulassungsfrei, sagte TU-Sprecherin Stefanie Terp.