Umwelt

Kunst aus Wohlstandsmüll

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Schulkinder erfahren, wie Abfälle die Umwelt gefährden - und wie man sie vermeidet

Die einen wühlen im Abfall. Andere produzieren ihn. Manches wird recycelt. Manches nicht. Landet auf dem Müll, im Abwasser. In Flüssen. Im Meer. Wird von der Brandung zerkleinert, von verschiedenen Meeresbewohnern geschluckt, gelangt in die Nahrungskette. Was der Einzug des Plastiks im Meer bewirkt, beschreibt die Wissenschaftsautorin Dagmar Röhrlich in ihrem Buch "Tiefsee - Von schwarzen Rauchern und blinkenden Fischen". Es ist ein ernstes und zugleich unterhaltsames Werk über abenteuerlustige, neugierige Forscher - und eine Mahnung an die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft.

Es ist so geschrieben, wie Ulla Pfund unterrichtet. Die Künstlerin hat gesammelt, auf Partys. Ihre Ausbeute: schmutzige Eisbecher, abgebrannte Alu-Teelichter, benutzte Alufolien. Weitaus mehr Dreck fiel bei den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) im vergangenen Jahr an: 900.600 Tonnen zur Beseitigung und 368.300 Tonnen zur Verwertung. Zu letzteren gehören 61.800 Tonnen Biogut, 35.100 Tonnen Sperrmüll, 13.100 Tonnen Papier sowie 8300 Tonnen Schrott.

Die 55-jährige Ulla Pfund hat ihren Müll verwertet: hat alles von Hand gereinigt, getrocknet und zu ihrem Workshop auf dem Schöneberger Südgelände transportiert. Nun hält sie einen ausgespülten Eisbecher in die Höhe, betrachtet ihn so prüfend wie ein Juwelier einen Edelstein. Das industriell hergestellte Eis ist beliebt bei Kindern und Jugendlichen - genau die Zielgruppe, die vor Pfund sitzt. "Wenn man an so einem Becherrand nuckelt, lösen sich Bestandteile aus der Verpackung. Ihr esst diese Polyethylene mit. Gesund ist das nicht", sagt Pfund. Sogar das Wort Gift fällt. Denn der Kunststoff Polyethylen ist unglaublich beständig. Als pulverisierter Plastikmüll verschmutzt die Wasser- und Kohlenstoffverbindung die Umwelt. Am bekanntesten ist der Müllstrudel im Pazifik zwischen Nordamerika und Asien. Ein tödliches Material: Manche Tiere wie Albatrosse und Eissturmvögel verwechseln die Abfallstücke mit Futter und fressen sie. Sie verhungern mit vollem Magen.

Vom Nutzen des Trennens

Pfund weiß das, und deshalb meint sie es ernst. Doch ihre Worte verebben im Stimmengewirr der Schüler. Zunächst jedenfalls. Die 13-Jährigen haben Projektwoche, sie sind viel unterwegs. Sie haben den Ziegeleipark in Mildenberg besichtigt und werden noch Glashütte bei Kaulsdorf sehen. Nun sitzen sie vor Pfund an den Bänken, aufgeregt wie Athleten in den Startlöchern. Sie sollen basteln. Mit Müll.

Schülerin Alex findet den Workshop toll. "Es macht Spaß, weil es so viele Materialien gibt." Zum Beispiel Hochglanzmagazine und Tetrapacks, CDs und Klopapierrollen. Treffpunkt ist die Brückenmeisterei. Über die Grün Berlin GmbH finanzieren Alba, BSR und die Stiftung Naturschutz das Projekt "Trenntstadt Berlin", zu dessen Workshops sich jeder anmelden kann (Tel. 76 80 63 83).

Scheren klappern, Farbrollen quietschen, Klebstoff fließt verschwenderisch aus Tuben. Die Schüler legen los, schaffen Öko-Collagen, Imbissbuden und Figuren - die Fantasie hat freien Lauf. "Ich wollte eine Lokomotive bauen", sagt der zwölfjährige Moritz, "aber es ist ein sechsschaufeliger Dampfer geworden. Den schenke ich meinem Bruder zum Geburtstag." Damit hat Moritz sogar einen Nutzwert gezogen. Die Werke der anderen sind Dekoration. "Die hängen wir in der Schule auf oder stellen sie aus", sagt Lehrerin Ingeborg Jablonski. Mit ihrer Kollegin Gudrun Tisch leitet sie die siebte Klasse der Katholischen Schule Liebfrauen in Charlottenburg. Ihre Projektwoche steht unter dem Titel "Industrialisierung". Umweltverschmutzung sei eine ihrer Folgen, sagt Jablonski.

So wie Kinderarbeit. Aus dem Grund haben sie Roman Polanskis Verfilmung des Charles-Dickens-Klassikers "Oliver Twist" gezeigt. Das Waisenkind erleidet Einsamkeit und Hunger, Misshandlung und Ausbeutung im Frühkapitalismus. "Oliver Twist wurde geschlagen, das fand ich hart", sagt der 13-jährige Simeon. Sein Klassenkamerad Johannes ergänzt: "Kinder, die Schornsteinfegern helfen mussten, sind gestorben. Ein Glück, dass das bei uns anders ist. Ich muss nur im Haushalt helfen, das ist ja kein Vergleich zu dem, was Oliver machen musste."

Auch Philip hilft zu Hause mit. Er geht gelegentlich für seine Mutter einkaufen. "Dann achte ich eigentlich nicht auf Wiederverwertbarkeit", räumt der Schüler ein.

Alte Handys sind ein wahrer Schatz

So ist auch der Kursus mehr ein kreativer Denkanstoß, als dass er eine radikale Veränderung im Konsumverhalten der Kinder bewirken kann. "Das Basteln macht großen Spaß. Trotzdem werde ich alles wegschmeißen, was ich nicht mehr brauche. Aber Mülltrennung machen wir zu Hause schon", erzählt Janina. Nur in der Schule klappt das noch nicht, wie die Lehrerinnen verraten. Auch Pfund fischt nach dem Aufräumen Material für die gelbe Tonne aus der braunen heraus.

In Deutschland spezialisieren sich Firmen auf Hightech-Recycling und entwickeln Techniken, mit denen sie besondere Stoffe wie Seltene Erden, Palladium, Blei und Coltan zurückgewinnen können.Nach Angaben des Recycling-Unternehmens Alba liegen rund 83 Millionen defekte oder veraltete Mobiltelefone in deutschen Schubladen herum. Sie enthalten Schadstoffe und Edelmetalle. Bei fachgerechter Entsorgung könnten die Materialien von Spezialisten bis zu 80 Prozent recycelt werden. Alba will diesen Schatz heben und bietet seit Februar 2012 einen besonderen Service an. Verbraucher können unter www.electroreturn.de ein Versandetikett herunterladen und portofrei Handys oder andere Elektro-Kleingeräte wie Rasierer ins Recycling geben.