Architektur

Zum 50. Geburtstag wird wieder gebaut

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Wohnungsunternehmen legt Masterplan für die Gropiusstadt vor. Es sollen Wohnungen, Büros und ein Café entstehen

Vor 50 Jahren legten der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt und Architekt Walter Gropius den Grundstein für ein neues Wohnviertel zwischen den Neuköllner Ortsteilen Buckow, Britz und Rudow - heute bekannt als Gropiusstadt. Seit den 80er-Jahren gilt die Großsiedlung vor allem als seelenloses Hochhausghetto, als sozialer Brennpunkt, bundesweit bekannt geworden durch das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Doch während in den Trabantensiedlungen im ehemaligen Ostteil der Stadt viele Plattenbauten abgerissen wurden, um die Wohnqualität zu erhöhen, soll in der Gropiusstadt nun der entgegengesetzte Weg beschritten werden. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo, die mit 4381 Wohnungen zu den größten Hausbesitzern in der Großsiedlung zählt, will mehrere hundert neue Wohnungen in der südlichen Gropiusstadt errichten. Diese "Nachverdichtung" soll nicht nur dringend benötigten Wohnraum schaffen, sondern auch für eine Aufwertung des Ortsteils sorgen.

Ein städtebauliches Gutachterverfahren hat die Degewo dazu bereits durchgeführt. Gewonnen hat es der Architekt Christoph Mäckler, nach dessen Plänen auch das bereits fast fertig gebaute Hochhaus "Zoofenster" am Breitscheidplatz entstanden ist. Auftrag war, die südliche Gropiusstadt durch ergänzende Neubauten so weiter zu entwickeln, dass lebendige Stadträume mit Wohnungen, attraktiven Geschäften, Hotels und auch Büros entstehen können. Statt monotoner Wohnsiedlung soll ein urbanes Stadtviertel entstehen. Rund 400 Wohnungen sollten nach Vorgabe der Degewo entstehen - doch nach Mäcklers Masterplan könnte es auch die doppelte Anzahl sein. "Wir können aber alle Bewohner beruhigen", so Degewo-Sprecher Lutz Ackermann. Bevor der erste Bagger anrollt, sollen die Mieter die Gelegenheit bekommen, ihre Vorstellungen und Wünsche zu formulieren. Ackermann rechnet mit überwiegend positiver Resonanz: "Mit den Mieterbeiräten haben wir bereits Gespräche geführt", so der Sprecher. Die Reaktionen seien durchweg positiv gewesen.

8,50 Euro pro Quadratmeter

Doch Neubau hat seinen Preis: Durchschnittlich sollen die neu gebauten Mietwohnungen für 8,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter vergeben werden. Verglichen mit den Preisen, die die Degewo für ihre 4381 Wohnungen in der Gropiusstadt verlangt, ist dies deutlich mehr. Nach Auskunft des Unternehmens zahlen Neumieter in den modernisierten Beständen des Unternehmens durchschnittlich 5,71 Euro nettokalt pro Quadratmeter. Bestandsmieter zahlen für ihre modernisierten Wohnungen noch weniger: 5,21 Euro nettokalt pro Quadratmeter.

Dennoch ist die Degewo überzeugt, dass die Neubauten auf reges Interesse stoßen werden. Denn während viele Berliner immer noch Vorurteile gegen die Trabantenstadt hegten, wüssten viele Gropiusstadt-Bewohner die Qualitäten ihres grünen und durch die U7 hervorragend angeschlossenen Viertels zu schätzen. Viele Mieter hätten signalisiert, gern in die Neubauten umziehen zu wollen. Auch Kaufinteressenten gebe es. "Wir planen deshalb auch einen geringen Anteil an Eigentumswohnungen", so Ackermann.

Für eine gute soziale Mischung in den Häusern soll ferner eine gestaffelte Miete sorgen. Für die begehrte oberste Etage mit Südausrichtung werde eine höhere Miete verlangt, für die unteren Etagen mit Nordausrichtung entsprechend weniger.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unterstützt die Pläne der Degewo - schließlich erfüllt das Unternehmen damit eines der Versprechen, die die rot-schwarze Koalition sich in ihr Regierungsprogramm geschrieben hat. Durch Zukauf und Neubau soll die Zahl der landeseigenen Wohnungen bis 2016 von derzeit rund 275.000 auf 300.000 aufgestockt werden. Nach einer Studie des Pestel-Instituts aus Hannover ist insbesondere der Wohnungsneubau dringend nötig: In Berlin werden in fünf Jahren etwa 37.860 Mietwohnungen fehlen, so die Prognose. Die Initiative der Degewo kommt da gerade recht. Insgesamt plant die Degewo acht Bauvorhaben mit insgesamt rund 700 Wohneinheiten. Nicht nur in der Gropiusstadt, auch in Marienfelde (45 Wohnungen), Adlershof (bis zu 75 Wohnungen) und Köpenick (200 Wohnungen) wird gebaut. Nicht nur die Degewo, auch die übrigen fünf städtischen Wohnungsbaugesellschaften haben Neubaupläne.

So hat die Gesobau aktuell drei Neubauvorhaben auf eigenen Grundstücken für rund 480 Wohnungen in Planung. Bei der Gewobag laufen Untersuchungen für die Bebauung von acht Baulücken in Prenzlauer Berg mit rund 80 Wohnungen. Stadt und Land wollen 130 Wohnungen in Tempelhof errichten und prüfen derzeit weitere Optionen. Die Howoge plant den Bau von 320 Wohnungen auf dem Gelände der ehemaligen Studentenwohnheime der HTW in Lichtenberg. Dieses hat das Unternehmen vom landeseigenen Berliner Liegenschaftsfonds erworben. Die WBM hat zwei geeignete Grundstücke auf der Fischerinsel und in der Luisenstadt in Alt-Mitte ausgewählt, auf denen insgesamt 117 Wohnungen entstehen sollen.

Weitere 1370 Wohnungen geplant

Die von den städtischen Wohnungsbaugesellschaften angestoßenen Bauvorhaben sind damit noch weit von dem politisch gesteckten Ziel, 30.000 neue Wohnungen bis 2016 zu bauen oder zu kaufen, entfernt. "Die Gesellschaften haben gewisse Startschwierigkeiten, weil sie in den vergangenen 15 Jahren so gut wie gar nicht mehr gebaut haben", sagt der zuständige Staatssekretär Ephraim Gothe (SPD). Schließlich müssten viele Unternehmen erst einmal wieder eine leistungsfähige Bauabteilung aufbauen, damit größere Projekte auf den Weg gebracht werden könnten.