Gewalt

Ein Bürgermeister und ein Mord

SPD-Politiker Scholl aus Ludwigsfelde wird beschuldigt, seine Frau getötet zu haben. Der Prozess beginnt heute

Indizienprozesse haben ihre Tücken: Sie enden meist mit einem schalen Gefühl, weil auch am Ende nicht klar ist, ob der Angeklagte zu Recht verurteilt oder zu Recht frei gesprochen wurde. Das wird vermutlich auch in dem Prozess so sein, der heute vor einer Potsdamer Schwurgerichtskammer beginnt. Angeklagt ist der ehemalige Bürgermeister der brandenburgischen Stadt Ludwigsfelde, Heinrich Scholl. Der 69-Jährige soll am 29. Dezember vergangenen Jahres zur Mittagszeit seine Ehefrau Brigitte Scholl in einem Waldstück zwischen Siethen und Ludwigsfelde "unvermittelt von hinten mit einem Schnürsenkel um den Hals" erdrosselt haben. Ein Mord aus Heimtücke also. Den Ermittlungen zufolge waren beide mit dem Hund der Familie, einen Cockerspaniel, auf einer Gassi-Runde.

Einen Tag später wurde der silberfarbene Mercedes der 67-jährigen Brigitte Scholl, die bis zu ihrem Tod einen Kosmetiksalon betrieb, vor einem Mehrfamilienhaus an der Ludwigsfelder Maxim-Gorki-Straße entdeckt. Er wurde untersucht. Doch es fanden sich keine Hinweise auf einen Überfall oder einen Raub.

Scholl bestreitet die Tat. Er hatte am Abend des 29. Dezember bei der Polizei seine Ehefrau als vermisst gemeldet und damals auch Anwohner und Bekannte gefragt, ob sie wüssten, wo sich Brigitte Scholl aufhalten könnte. Am 30. Dezember war er mit seinem Sohn Matthias Scholl in das Waldgebiet gefahren, um den Weg abzusuchen. Dabei stießen sie dann auch auf die mit Moos und Grasbüscheln bedeckte Leiche und den Kadaver des Hundes. Bei der Polizei gab Heinrich Scholl an, sich zur von Gerichtsmedizinern festgestellten Todeszeit der Ehefrau in der Ludwigsfelder Therme aufgehalten zu haben. Anfang April, er saß schon in Untersuchungshaft, schaltete er im "Wochenblatt" eine Anzeige in der Rubrik "Alles, was Recht ist" und bat Zeugen, die ihn am 29. Dezember in der Therme sahen, sich bei der Polizei zu melden. Den Vernehmen nach jedoch ohne Erfolg.

Ehrenmann der Region

Im 24.000 Einwohner zählenden Ludwigsfelde riefen die Verhaftung des Ex-Bürgermeisters und der Vorwurf, er sei der Mörder seiner Ehefrau, große Unruhe hervor. Der SPD-Politiker galt als Ehrenmann und Macher in der Region. Er holte Daimler zurück in die Stadt und sorgte so für Arbeitsplätze. Er ließ ein neues Rathaus bauen, ein Einkaufszentrum, eine Sporttribüne und das größte FKK-Spaßbad Europas, die "Kristalltherme".

"Es ist ein Drama und für alle Ludwigsfelder eine bedrückende Situation", beschreibt Amtsnachfolger und Parteikollege Frank Gerhard (SPD) die Situation in dem Städtchen südlich von Berlin. Viele Einwohner kündigten an, nach Potsdam zu dem Prozess kommen zu wollen.

Auch Matthias Scholl, Sohn des Angeklagten und der Ermordeten, wird den Prozess verfolgen. Als Nebenkläger. Das weckt zunächst den Eindruck, der 48-Jährige sei von der Schuld seines Vaters überzeugt und wolle nun erleben, wie der Mörder seiner Mutter bestraft wird. Doch dem ist nicht so. Es vergehe kein Tag, an dem er nicht über das sinniere, was passiert sein könnte mit seinen Eltern, sagte der 48-Jährige in einem Interview. "Ich habe überhaupt keine Erklärung für den Mord an meiner Mutter. Sie war beliebt, sie hatte keine Feinde. Für mich ist die Situation unwirklich, nicht reell, nicht greifbar."

Sein Anwalt Sven Rasehorn erklärt den Schritt, Nebenkläger zu werden, mit der Erweiterung der Möglichkeiten, Informationen zu bekommen. "Mein Mandant möchte sich ein eigenes Bild machen - dafür braucht er Einblick in die Akten." Als Sohn der Ermordeten hätte Matthias Scholl sonst nicht mehr Informationen als jeder Außenstehende erhalten.

Matthias Scholl hat seinen Vater regelmäßig in der Untersuchungshaft besucht. Er kümmert sich um organisatorische Dinge, wie etwa den Unterhalt des Elternhauses. Er selbst lebt mit seiner Familie einige hundert Kilometer entfernt von Ludwigsfelde. Er muss den Verlust der Mutter verkraften. Zugleich versucht er sich zu erinnern, wie sich der Vater in den Tagen nach dem Mord bis zu seiner Verhaftung verhalten hat. Ob ihm Widersprüche aufgefallen sind. Es gibt einige Indizien gegen Heinrich Scholl. So soll sein Handy zur mutmaßlichen Mordzeit in der Nähe des späteren Fundorts registriert worden sein, obwohl er sich doch in der Therme aufgehalten haben will. Und es sollen DNA-Spuren am Tatort sichergestellt worden sein: am Schnürsenkel, mit dem Brigitte Scholl erdrosselt wurde, und an einem Kleidungsstück. Nach Auskunft von Ermittlern können sie Heinrich Scholl zugeordnet werden. Es bleibt jedoch die Frage, wann es diese Anhaftungen gab. Hinweise, dass eine andere männliche Person zur Tatzeit am Ort war, wurden nicht gefunden.

75 Zeugen geladen

Als Motiv nennen die Ermittler das zerrüttete Verhältnis zur Ehefrau. Scholl habe sich im gemeinsamen Haus vermutlich nur noch geduldet gefühlt und sich der demütigenden häuslichen Ordnung unterordnen müssen, heißt es. Die Rede ist auch von einem Verhältnis mit einer als Prostituierte arbeitenden Thailänderin, von der seine Frau gewusst haben soll. Scholl soll wegen dieser Geliebten einige Zeit sogar in Berlin gewohnt haben. Seit Mai 2008 habe er die Thailänderin großzügig finanziell unterstützt, heißt es, und sich eine Lebenspartnerschaft gewünscht. Die junge Frau soll aber nur auf das Geld des wesentlich älteren Mannes scharf gewesen sein.

Im Dezember vergangenen Jahres, kurz vor dem Tod seiner Frau, soll Scholl dann auch wieder aus der kleinen Berliner Wohnung ins gemeinsame Haus nach Ludwigsfelde zurückgekehrt sein. Und er soll seiner Ehefrau gesagt haben, dass seine Affäre mit seiner Geliebten beendet sei. Dennoch soll er weiter Kontakt zu der Thailänderin gehabt haben. SMS-Botschaften, die er sogar kurz vor und kurz nach der Tat an die Geliebte sendete, sollen das belegen.

Dies alles wird nun Thema dieses vermutlich weit ins Jahr 2013 reichenden Strafprozesses sein. Zunächst sind 29 Verhandlungstage angesetzt und 75 Zeugen geladen worden.