Archäologie

Berlin wird immer älter

Grabungsfunde am Schlossplatz belegen, dass die Stadt viel früher entstanden ist als gedacht

Die Stadt Berlin ist viel älter als bisher gedacht. Archäologisch gesehen rückt vor allem das Entstehungsdatum Berlins in immer frühere Zeiten zurück. Anlass für die ständige Neuschreibung der Stadthistorie sind die Ausgrabungen in Berlin-Mitte. Auf einen Schlag mehrere Jahrzehnte weiter als bei der aufsehenerregenden Entdeckung des vermeintlich ältesten Hauses im Berliner Teil der Doppelstadt im August wird die Stadtgeschichte nun durch Funde am Schloßplatz zurückdatiert. Dort stießen die Archäologen auf einen Brunnen, der aus dem Jahr 1155 stammen soll, sowie weitere Fundstücke aus der Zeit um das Jahr 1147.

Dass die Erforschung der Gründungphase Berlins längst nicht am Ende ist, machte Landesarchäologe Matthias Wemhoff am Mittwoch bei einem vom Stadtmuseum Berlin organisierten öffentlichen Kolloquium klar. "Die Auswertungen können mit dem Tempo gar nicht mithalten, in dem die Ausgrabungen stattfinden", so der Forscher. Die Vortragsrunde hatte das Stadtmuseum im Rahmen der Veranstaltungen zum diesjährigen 775. Jubiläum Berlins organisiert. Wie lange vor diesem auf schriftlichen Quellen basierenden Gründungsdatum die Stadt bereits existierte, dieser Erkenntnis konnte man sich seit einigen Jahren stückweise nähern, machte Wemhoff klar: "An jeder Stelle, an der im Augenblick gebaut wird, wird auch gegraben. Unsere Quellen wachsen permanent." Zugute kommt Berlin dabei, dass gerade in der historischen Mitte durch die Teilung der Stadt und die lockere Bebauung im Zentrum der DDR-Hauptstadt zahlreiche Relikte unterirdisch bewahrt wurden. Erst im Zuge der jüngsten Bauprojekte werden sie nun ans Tageslicht gefördert. Bereits bei Grabungen im Zusammenhang mit dem Bau des "Hauses der Deutschen Wirtschaft" Ende der 90er-Jahre war auf der Cöllner Seite der Spree, an der Breiten Straße, in den unterirdischen Überresten eines Hauses eine Eichenbohle von 1171 identifiziert worden. Der Eichenbalken, auf den ein Grabungstrupp im Berliner Teil der Doppelstadt im August an der Stralauer Straße gestoßen war, soll im Jahr 1174 verbaut worden sein. In unmittelbarer Nähe der Niederländischen Botschaft, wo ein Drei-Sterne-Hotel entstehen soll, waren außerdem Skelettteile eines Schweins gefunden worden.

Hoffen auf weitere Fundorte

"Im Moment sieht es nach einem ziemlich gleichzeitigen Geschehen in Cölln und Berlin aus", beschrieb Wemhoff das aktuelle Bild der Stadtgründung. Weitere Erkenntnisse erwarten die Archäologen vor allem von Untersuchungen des Umfeldes der Marienkirche in Mitte. Aber auch an anderen Orten, wie unter den Freiflächen auf der Fischerinsel, dürften aussagekräftige Rudimente verborgen sein. Von der weiteren Forschung erhofft sich Wemhoff auch Antworten auf die Fragen, was die treibende Kraft hinter der Gründung der Stadt war und warum sie als Doppelstadt entstand.

Aufmerksam beobachtet werden die jüngsten Erfolge der Historiker auch von Berlins Stadtplanern. "Hochaktuelle Fragen, die sich bei der Entwicklung vieler Orte in Berlins Mitte stellen, können wir nur beantworten, wenn wir wissen, was dort in der 800-jährigen Geschichte passiert ist. Erst dann wird klar, welche Grundstücke und Parzellen unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen", sagte Staatssekretär André Schmitz am Mittwoch. Viele der rund 100 Besucher des Kolloquiums wollten dagegen einfach mehr über die Ursprünge ihrer Stadt erfahren. Ihr ganz privates Interesse sei die Geschichte Berlins, sagte eine 30-jährige Archäologiestudentin aus Prenzlauer Berg. Schließlich werde an der Uni lediglich die prähistorische Archäologie gelehrt und der Stadthistorie keine Beachtung geschenkt. Robert Seelbinder aus Reinickendorf hat ebenfalls ein ganz persönliches Faible für die Berliner Vergangenheit. Mehrere Grabungsfelder besuchte er bereits im Rahmen von Führungen. "Wo Berlin und Cölln genau waren, das haben wir uns auf einer Karte im Internet angesehen", erzählte der 51-Jährige. Die Außengrenze nach Karten aus dem 17. Jahrhundert wanderte er schließlich in diesem Jubiläumsjahr ab. "Es ist erstaunlich, man kann die Straßen heute noch im Wesentlichen entlanglaufen", sagte er.

Wer auf fachliche Begleitung setzt, dem bieten sich derzeit ebenfalls zahlreiche Wege ins vormoderne Berlin. "Das Mittelalter ist unter uns" heißt die Freiluftschau, die Laien noch bis zum 28. Oktober entlang von Gertraudenstraße, Mühlendamm und Grunerstraße Fakten zur Stadtgründung nahebringt.

Führungen durchs Grabungsfeld

Acht Ausstellungstürme fallen durch ihre rosa Farbe ins Auge - und sollen den Blick der Betrachter vor allem auf den Boden lenken. 500 kurze Texte listen heutiges Wissen über das damalige Leben am jeweiligen Ort auf. So gibt es Hinweise auf die Geschichte des Mühlendamms als zentraler Furt für Pferde und Wagen auf dem Weg zu den Spreemühlen, auf das Zentrum der mittelalterlichen Stadt Cölln am Petriplatz, auf Reste des Dominikanerklosters am Schlossplatz und die Bedeutung des Franziskanerklosters und des Hohen Hauses der Askanier. Vom Turm nahe dem Stadthaus kann auf ein aktuelles Grabungsfeld an der Grunerstraße geschaut werden. Dort wird seit August 2011 das mittelalterliche jüdische Viertel, der Große Jüdenhof, freigelegt. Andere archäologische Arbeiten werden bei Führungen präsentiert (Infos und Anmeldung beim Museumsdienst Berlin, Tel. 24 74 98 88). Auch kostenlose Führungen entlang der Ausstellungsroute gibt es (donnerstags 17, sonntags 11 Uhr, Treffpunkt Infopoint vor der Marienkirche). Einen Überblick über weitere Vorträge, Ausstellungen und Veranstaltungen zum Stadtjubiläum inklusive dem großen Jubiläumsfest am 28. Oktober gibt es unter: www.berlin.de/775/stadt-im-mittelalter.