Finanzierung

Kein Zuckerschlecken

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Katrin Lange

Der Wedding verliert sein Zuckermuseum. Dagegen protestieren Freunde und Förderer

Bei Berlinern hieß sie nur die "Kohlenhydrat-Forschungsecke" - die Ecke Amrumer Straße und Seestraße. Vor mehr als einhundert Jahren entstanden dort neben Feldern viele Wissenschaftsbetriebe, die sich dem Thema Ernährung widmeten, darunter das Institut für Zuckerindustrie, das Institut für Brauerei- und Gärungsgewerbe sowie das Landwirtschaftliche Institut. Längst sind die Felder mit Häusern bebaut, viele Labore geschlossen. Jetzt soll auch das Gebäude des Zuckerinstituts aufgegeben werden.

Noch wird es von der Technischen Universität und dem Zuckermuseum genutzt. Die Technische Universität (TU), der das Gebäude gehört, will das Haus jedoch abgeben weil der Sanierungsbedarf zu hoch ist. Aus diesem Grund muss auch das Zuckermuseum ausziehen. Es gibt einen Überblick von der Gewinnung des Zuckerrohrs über die Sklavenarbeit bis zur Rübenzuckerfabrikation, und war bislang mietfrei im Dachgeschoss untergebracht. Gegen den Auszug häufen sich Proteste.

Auf der Internetseite des Zuckermuseums ist es schon angekündigt: Nur noch bis zum 4. November kann die Sammlung an der alten Adresse besucht werden. Neuer Standort wird das Deutsche Technikmuseum in Kreuzberg. Beide Museen gehören zu einer Stiftung. An der Trebbiner Straße wird die modernisierte Ausstellung zur Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des Zuckers voraussichtlich Ende 2014 neu eröffnet werden.

Petition an das Abgeordnetenhaus

Freunde und Förderer des Zuckermuseums wollen das nicht hinnehmen. Sie haben eine Petition an das Abgeordnetenhaus geschickt und eine Unterschriftenaktion gestartet. Darin fordern sie den Erhalt des Museums am alten Standort. "Das Zuckermuseum ist seit 1904 mit dem Gebäude verbunden", sagt Frank Rawlinson, freier Mitarbeiter des Museums. In jenem Jahr wurde das Institut für Zuckerindustrie gegründet, mit einer Zuckerfabrik im ersten Stock und Forschungs- und Ausbildungslaboren darüber. Unter dem Dach entstanden schon damals die Räume für das Museum. Die 400 Quadratmeter waren längst zu klein geworden, um die etwa 4000 Exponate zu zeigen. Aus diesem Grund wurde bereits über eine Erweiterung nachgedacht.

Als die TU die Labore im zweiten Stock aufgab, schien der Plan aufzugehen. Endlich sollte das allererste "Damenlabor" den Besuchern öffentlich zugänglich gemacht werden. Darin wurden seit 1904 Zuckerchemikerinnen ausgebildet, getrennt, wie es sich damals gehörte, von ihren männlichen Kommilitonen. Noch heute ist das Labor, das wie das gesamte Haus unter Denkmalschutz steht, fast im Originalzustand erhalten. Museumsführer Thomas Grothe zeigt die rotbraunen Arbeitsblöcke mit Wasser-, Strom- und Gasanschlüssen an der einen Seite sowie drei Kupferwasserhähnen mit einem Waschbecken darunter an der anderen Seite. An einer Wand des Labors befindet sich ein Glaskasten mit Schiebefenstern - ein sogenanntes Digestorium - für die Arbeit mit dampfenden Flüssigkeiten. "Das alles lässt sich nicht ausbauen und woanders wieder einbauen", sagt Thomas Grothe. Er schwärmt genau wie die anderen Mitarbeiter im Zuckermuseum von den Möglichkeiten, die das Haus biete. So könnten nicht nur die historischen Labore gezeigt und als Ausstellungsfläche genutzt, sondern auch die stillgelegte Zuckerfabrik im ersten Stock für die Demonstration der Zuckerherstellung aktiviert werden.

Technikmuseum schafft Platz

Im Kreuzberger Technikmuseum, das derzeit Platz schafft für das Zuckermuseum, sind die Bedenken angekommen. "Für die historischen Einbauten finden wir eine Lösung", sagt Tiziana Zugaro, Sprecherin des Technikmuseums. Theoretisch, so sagt sie, hätte die Stiftung Deutsches Technikmuseum und Zuckermuseum das Gebäude an der Amrumer Straße übernehmen können. "Aber wir können es uns nicht leisten", heißt es genau wie bei der Technischen Universität. Die Kosten für die Übernahme und die notwendige Sanierung des Hauses lägen bei mindestens fünf Millionen Euro, weitere Folgekosten kämen hinzu, sagt Tiziana Zugaro. Die jetzt angestrebte Lösung werde finanziell deutlich günstiger ausfallen. Im Moment ist geplant, das Zuckermuseum im Haupthaus unterzubringen, dort, wo bislang Sonderausstellungen gezeigt würden. Etwa 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen dort insgesamt zur Verfügung. "Wir wollen, dass deutlich mehr Leute das Zuckermuseum sehen können", sagt die Museumssprecherin. An der Amrumer Straße hatte das Museum zuletzt etwa 13.000 Gäste im Jahr. Das Technikmuseum an der Trebbiner Straße verzeichnet jährlich etwa eine halbe Millionen Besucher, darunter viele Schulklassen.

Die Förderer des Zuckermuseums geben sich noch nicht geschlagen. Sie wollen, dass die Entscheidung über den neuen Standort nicht allein vom Technikmuseum sondern vom Abgeordnetenhaus diskutiert und getroffen wird. Sie befürchten, dass die Sammlung jahrelang im Depot verschwindet. Denn bis das endgültige Konzept für den Umzug steht, sollen die Exponate im Depot der Stiftung eingelagert werden. "Ein neues Ausstellungskonzept zaubert man nicht in zwei Monaten", sagt Tiziana Zugaro. Aber in zwei Jahren solle es geschafft sein.