Personalkonzept

"Alle Macken sind einem vertraut"

Die Berliner Firma "Auticon" beschäftigt ausschließlich Menschen mit dem Asperger-Syndrom. Denn sie sind Zahlengenies

"Bitte nicht stören": Ein Schild an der Tür zum Prüfungsraum mahnt zur Ruhe. Sechs Bewerber betreten das Zimmer und setzen sich an den Tisch, auf dem ihre Namenschilder stehen: Martje Saljè sitzt kerzengerade, lächelt die zwei Gesprächsleiterinnen an, die vor ihr stehen. Fritz Schmale, blau-kariertes Hemd mit schwarzen Hosenträgern, zwingt sich auch ein Lächeln aufs Gesicht, Schweiß steht ihm auf der Stirn. Sitzt das Hemd, hat er sich genug vorbereitet, wie hieß die Personalleiterin noch gleich, wo liegen seine Stärken? Vielleicht sind es solche Fragen, die ihm durch den Kopf gehen. Oder es sind Eindrücke, die beunruhigen: der blaue Teppichboden, der Kugelschreiber auf dem weißen Tisch, die rote Mappe des Nachbarn, die gegen das Tischbein lehnt, der Bewerber der mit dem Bein wippt.

Es ist ein ungewöhnliches Bewerbungsgespräch, das hier in einem kleinen Büro im Bezirk Mitte geführt wird. Eines, das in ganz Deutschland einzigartig ist: Denn die Bewerber sind allesamt Asperger-Autisten. Eindrücke strömen bei ihnen meist ungefiltert ins Gehirn, ohne feste Regeln besteht ihr Eindruck von der Welt daher oft aus chaotischen Bildern.

Brillant im Umgang mit Formeln

Die Berliner Firma "Auticon" beschäftigt als erstes Unternehmen in Deutschland ausschließlich Menschen mit Asperger-Syndrom, die als Softwaretester arbeiten. "Asperger-Autisten verfügen über Fähigkeiten, die für unsere Arbeit sehr wichtig sind und die sich andere erst mühsam erarbeiten müssen", sagt Dirk Müller-Remus, der die Firma Ende 2011 gründete. Aus riesigen Zahlenmengen erkennen die Softwaretester bestimmte Muster, sie sind häufig brillant im Umgang mit Zahlen, jonglieren mit Formeln und spüren kleinste Fehler in Programmen auf. "Unsere Mitarbeiter haben, wenn man so will, eine eingebaute Qualitätssicherungs-Disposition", sagt der 54 Jahre alte Müller-Remus, der sich mit den Problemen von Asperger-Autisten gut auskennt. Sein Sohn ist einer.

Nach Schätzungen des Bundesverbandes Autismus Deutschland leben rund 250.000 Asperger-Autisten in der Bundesrepublik. Im Gegensatz zu dem sogenannten frühkindlichem Autismus leiden sie nicht unter einer Entwicklungsstörung, die ein eigenständiges Leben verhindert. Ihnen fällt der Umgang mit Zahlen oft leicht, der mit Menschen jedoch umso schwerer. Ein Handicap in einer Arbeitswelt, in der Teamgeist und sogenannte Soft-Skills an Bedeutung gewinnen: "Nur 15 Prozent der Deutschen mit Asperger-Syndrom sind im ersten Arbeitsmarkt tätig", sagt Müller-Remus. Der Rest sei in Projekten der Arbeitsagentur eingebunden, arbeite unterfordert in Behindertenwerkstätten oder lebe von Hartz-IV. Viele der Bewerber haben schon ein Dutzend Jobs ausprobiert, an denen sie jedes Mal scheiterten. Das zehrt am Selbstbewusstsein.

Aus eigener Erfahrung weiß das Sascha Goldmann. Er arbeitet seit Juni als Softwaretester der Firma. Auf seinem Bildschirm ploppt eine Nachricht auf. Goldmann sitzt in einem Zimmer, das wie alle Büros der Firma wenig Reize bietet: keine Bilder, keine Telefone, die klingeln und ablenken könnten. Der 38-Jährige diskutiert im Chat mit seinen Kollegen gerade eine Sinus-Funktion. Der Berliner trägt einen roten Wollpullover, Jeans, Brille, bunte Bändchen ums Handgelenk und einen Bart, den er zu einer langen Spitze gezwirbelt hat. Er sieht aus wie ein Mitglied der Piraten-Partei. Goldmann hat sehr klare blaue Augen, er blickt konzentriert. "Interessant ist dieser Job, weil man nicht trotz seiner Schwächen geduldet wird, sondern gezielt wegen seiner Stärken eingestellt wurde", sagt Goldmann.

Das Klischee des Unterforderten trifft im Fall von Goldstein zu: Wie viele Hochbegabte langweilte ihn der Schulunterricht, er schaltete ab, wechselte mehrfach die Schule, bestand das Abitur nur knapp, obwohl man ihm außergewöhnliche Intelligenz bescheinigte. Danach verlor er sich in der Freiheit des Informatik-Studiums, das er abbrechen musste. "Ich brauche eine feste Struktur, einen vorgegebenen Stundenplan und Regelmäßigkeit", sagt der 38-Jährige. Schwierigkeiten bereiten Goldmann vor allem Streitgespräche und aufgeheizte Situationen. "Wenn jemand nicht sachlich argumentiert oder persönlich angreifend wird oder einen Fehler macht und das nicht begreift, schalte ich ab." Er bekommt dann Beklemmungsgefühle, verfällt in einen monotonen Tonfall, kehrt die Gedanken in sein Innerstes.

Firmen nutzen ihre Stärken

Zum Job der zwölf Softwaretester von "Auticon" soll es künftig gehören, dass sie nicht nur in den eigenen Büroräumen arbeiten, sondern auch in den Unternehmen, die ihre Software testen lassen wollen. Zumeist handelt es sich um firmeneigene Programme, die"Auticon" prüft. "Wir verstehen uns als Dienstleister auf dem freien Markt. Und wenn Kunden vertrauliche Daten schützen wollen, dann testen wir vor Ort", sagt der Geschäftsführer Müller-Remus. Dass dieses Modell funktioniert, beobachtet Müller-Remus bei einer Firma in Belgien, die bereits 45 Autisten einsetzt und mit "Auticon" eng zusammenarbeitet. "In fünf Jahren wollen auch wir auf 50 Leute anwachsen."

Für den sozialen Kitt, der Asperger-Autisten und potenzielle Arbeitgeber zusammenhält, sorgen die drei Job-Coaches der Firma. Elke Seng ist eine der "NT's", wie die Nicht-Autisten von den Testern genannt werden. "Wir begleiten unsere Software-Tester, geben Verhaltens-Tipps und führen sie in den Kollegenkreis der externen Firmen ein", sagt Seng. Das beginnt beim höflichen Guten Morgen. Für Sascha Goldmann sind das Vorgänge, die er sich antrainiert hat. Codes, die er abruft. Gestik, Mimik, die Zwischentöne in Gesprächen: All das bereitet ihm Probleme. Was sich in seinem Leben verändert hat, seitdem er dort arbeitet? Ein regelmäßiges Einkommen und so etwas wie eine Familie gewonnen zu haben. "Es ist gut, mit den anderen Softwartetestern bei der Arbeit zu sitzen, alle Macken sind einem vertraut."