Kampagne

"Lern mich kennen, dann kannst du über mich urteilen"

Für eine Plakataktion zeigen junge Gläubige Gesicht. Was die Jugendlichen erreichen wollen

Daniel steht in einem Wartehäuschen an der Großbeerenstraße in Kreuzberg und blickt in sein eigenes Gesicht, das auf einem Plakat zu sehen ist. "Das ist schon ein komisches Gefühl", sagt er. Und die 22 Jahre alte Houda, die neben ihm steht, sagt: "Ich hab' das mal ausgerechnet. Jeder von uns hängt im Schnitt 91,43 Mal in der Stadt." Sie lacht. Die beiden sind nervös. Denn überall in Berlin kann man bis zum 21. Oktober ihre Gesichter und die von fünf anderen jungen gläubigen Berlinern sehen - an 640 Bushaltestellen, U-Bahnhöfen und Wartehäuschen. Sieben junge Menschen - Juden, Muslime, Christen und Bahá'i -, die Gesicht zeigen und die für sieben Werte stehen, die eine Gesellschaft zusammenhalten und die sie selbst in langen Diskussionen entwickelt haben.

Ins Gespräch kommen

Die Plakataktion ist Teil der Kampagne "Eins durch 7. Du zählst mit". Sie wurde von der Jugendinitiative Juma - jung, muslimisch, aktiv - und Sawsan Chebli, Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten im Berliner Senat, ins Leben gerufen und steht unter der Schirmherrschaft von Innensenator Frank Henkel (CDU). Mittlerweile ist aus Juma ein weiteres, größeres Projekt entstanden, das junge Gläubige aller Religionen vereint, Juga - jung, gläubig, aktiv. "Zuerst war es nur ein Sprachrohr für Muslime. Dann wollten wir aber auch untereinander ins Gespräch kommen - mit anderen Religionen und Kulturen. So ist Juga entstanden", erzählt Houda, die von Anfang an dabei war und deren Eltern aus Marokko stammen. Zusammen mit ihren vier Geschwistern ist die gläubige Muslima in Steglitz aufgewachsen, hat dort die Grundschule und das Gymnasium besucht. Integration war bei ihr zu Hause nie ein Thema. "Das war einfach so selbstverständlich, dass wir darüber nicht reden mussten", erinnert sie sich. Houda studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität in Berlin, spricht deutsch und arabisch. Für sie ist Deutschland ihre Heimat. Trotzdem begegnen ihr die Menschen mit Vorurteilen - weil sie ein Kopftuch trägt und weil sie eine Religion praktiziert, die vielen Deutschen fremd ist. "Wie oft ich schon in der U-Bahn einen blöden Spruch zu meinem Kopftuch gehört habe. Ich würde dann immer gern sagen: Lern mich kennen, dann kannst du über mich urteilen", sagt sie und kann doch ein bisschen verstehen, dass Menschen so funktionieren: "Jeder hat Klischees im Kopf. Auch ich. Das ist oft auch der einfachere Weg, aber der ungerechtere." Houda hat sich auch auf dem Plakat für die Kampagne mit Kopftuch fotografieren lassen. Darunter steht die Frage "Will mich die Gesellschaft?" Eine Frage, die sich viele junge Menschen stellen, deren Heimat Deutschland ist, deren kulturelle Wurzeln aber in anderen Ländern liegen.

So wie bei Daniel. Seine Eltern sind kurz nach dem Mauerfall aus Aserbaidschan, damals noch Teil der Sowjetunion, nach Berlin gekommen. Sie sind Juden, konnten ihre Religion aber in einer vom Sozialismus geprägten Gesellschaft nicht leben. Daniel ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, er spricht deutsch, russisch und hebräisch. Ihn wollten die Eltern entsprechend seiner religiösen Wurzeln aufziehen. "Ich habe einen jüdischen Kindergarten besucht, heute bin ich auf dem Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn", erzählt der 16-Jährige. Auch er spürt im Alltag immer wieder Vorbehalte und Vorurteile. "Es gibt zwei Probleme im Umgang mit den Juden: Entweder wird man auf Grund der deutschen Geschichte viel zu vorsichtig behandelt. Oder die Leute setzen dich mit der Politik in Israel gleich." Auf dem Plakat trägt Daniel eine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung und unter seinem Bild steht die Frage "Fühle ich mich sicher?" Die Frage ist entstanden im Zusammenhang mit den jüngsten antisemitischen Vorfällen in Berlin. Dem Angriff auf den Rabbiner Daniel A., der Beleidigung von jüdischen Schülerinnen vor ihrer Schule und jüngst verweigerte ein Taxifahrer einer jüdischen Familie die Weiterfahrt zur Synagoge. "Meine Mutter sagt, ich soll die Kippa und den Davidstern nicht offen auf der Straße tragen. Zu gefährlich. Aber ich möchte meine Religion nicht verstecken, nur weil die Menschen unwissend sind", sagt Daniel. Und genau darum geht es ihm. Er möchte Wissen vermitteln und er möchte selbst dazu lernen. "Wie kann man schlecht von einer anderen Religion denken, wenn man nichts über sie weiß? Wie kann man ein ganzes Volk abstempeln, wenn man in seinem ganzen Leben noch nie mit einem Juden oder einem Moslem gesprochen hat?" Diesen Fragen haben sich die Jugendlichen von Juga durchaus auch selbstkritisch gestellt. Denn sie kommen aus völlig unterschiedlichen religiösen, kulturellen und politischen Richtungen. "Am Anfang gab es erst mal einen interreligiösen Workshop. Die jungen Muslime, Juden, Christen und Bahá'i haben sich selbst einmal gefragt, welche Vorurteile sie den anderen Religionen gegenüber haben. "Ich dachte zum Beispiel, dass das Kopftuch nur zur Unterdrückung der Frau dient. Im Workshop wurde ich dann eines Besseren belehrt", erzählt Daniel. Houda wiederum hat mit Juden immer Geld assoziiert. Seit dem Workshop funktioniert die Kommunikation untereinander sehr gut. Jetzt wollen sie dieses Miteinander nach außen tragen und zum Nachdenken und Mitmachen anregen. "Das sollte eine Aufgabe für uns alle sein. Ein Leben lang, bis wir sterben", sagt Houda.

Der Weg ist lang

Auch Daniel ist sich bewusst, dass der Weg bis zu gegenseitiger Akzeptanz lang ist, auch in einer so kulturell gemischten Stadt wie Berlin. "Den meisten Menschen in Deutschland sind Kopftücher, die Kippa und ein anderer Umgang zwischen Mann und Frau fremd. Und Fremdes ist etwas Erschreckendes." Mit der Kampagne hoffen sie, in den Köpfen der Menschen etwas anzustoßen. "Dieses Projekt will zeigen, dass wir die Normalität sind. Dass Integration nichts Besonderes ist", sagt Houda. Einen großen Fan haben sie bereits. Philip Murphy, US-Botschafter in Berlin, hat zehn der Juga-Mitglieder in die Vereinigten Staaten eingeladen - zum interkulturellen Austausch.