Serie: Mein Projekt für Berlin

Jutebeutel reloaded

Bei dem Projekt "Mehr Wege als Einweg" engagieren sich Migrantinnen für eine Zukunft mit weniger Plastiktaschen

Dorota Borth lacht. Ihre Kinder, die können es schon nicht mehr hören, sagt die 43-Jährige. Ihre Meinung zu der Verantwortung jedes Einzelnen, wenn es um die Umweltverschmutzung geht: "Ich sage immer wieder: Jeder von uns ist ein Sandkorn - und eine große Wüste besteht eben aus vielen einzelnen Sandkörnern", sagt Dorota Borth. Schon ist sie nicht mehr zu stoppen: "Ich bin mir meiner Verantwortung als Konsument bewusst, mein Verhalten hat Einfluss." Die gebürtige Polin, die seit 21 Jahren in Berlin lebt, ist eine von zwölf Frauen mit Migrationshintergrund, die als "Umweltbotschafterinnen" an Aktionsständen in Neukölln und Wedding Passanten und Verbraucher über Abfallvermeidung beim Einkauf und die Folgen des Plastikkonsums aufklären. Der Name ihres Projekts: "Mehr Wege als Einweg."

Aktiv für den Umweltschutz

Initiiert wurde das ehrenamtliche Projekt für Migrantinnen vom Berliner Verein "Life". Den Verein gibt es seit 25 Jahren. "Unser Schwerpunkt liegt darin, Frauen für technische, naturwissenschaftliche und landwirtschaftliche Berufe zu motivieren", sagt Diplom-Ingenieurin Martina Bergk (39), Projektleiterin bei Life. "Hinzu kommt ein ökologischer Schwerpunkt bei allem, was wir tun." Das Projekt, bei dem sich die Migrantinnen nun aktiv für den Berliner Umweltschutz engagieren, entstand aus einer Schulung heraus. "Es ging damals um erneuerbare Energien und unsere Wegwerfgesellschaft. Da sagten die Frauen, die daran teilnahmen und aus den unterschiedlichsten Ländern kamen: Das Abfallsystem in Deutschland ist hoch entwickelt - und hoch kompliziert. Wir jedenfalls verstehen es nicht", sagt Martina Bergk. Da begannen alle gemeinsam zu überlegen. Welches Thema kann man angehen, um vielleicht auch viele Bürger mit Migrationshintergrund zu erreichen?

Schnell kamen sie auf die Plastiktüten. Ein heikles Thema, schon lange und nach wie vor. "Es gibt kein Plastiktütenverbot in Deutschland, keine Besteuerung. In vielen Läden kosten sie extra, aber in türkischen Gemüseläden zum Beispiel werden sie massenhaft und kostenlos ausgegeben", sagt Martina Bergk. Und sie nennt eine beeindruckend hohe Zahl: Über fünf Milliarden Plastiktüten werden pro Jahr in Deutschland verbraucht. Allein ein türkischer Gemüseladen gibt etwa 6000 bis 10.000 Plastiktüten pro Woche raus. "Und das oftmals ohne zu fragen, ob der Kunde überhaupt eine haben möchte. Das ist eben einfach so, vor allem in den Läden mit hohem Migrationsanteil", sagt die Projektleiterin. Die Folgen sind fatal. Eine Plastiktüte zerfällt nach erst 400 Jahren - gebraucht wurde sie meist nur für durchschnittlich zwei Stunden. Aber das muss so nicht sein. Darüber aufzuklären, was eine einzige Plastiktüte in der Umwelt bewirkt, darum haben sich die "Multiplikatorinnen", wie die Frauen genannt werden, gekümmert. An über 30 Aktionen in Neukölln und Wedding haben sie vor und in elf kooperierenden Geschäften informiert und aufgeklärt. Und sie haben Stoffbeutel verteilt. Insgesamt 2000 an der Zahl. "Zuvor hatten wir an 20 Stellen in Berlin Sammelboxen aufgestellt, haben um alte Beutel oder Stoffe gebeten. Diese dann bei ,Goldnetz' und anderen Nähprojekten, in denen viele Frauen mit Migrationshintergrund arbeiten, umnähen lassen", sagt Martina Bergk. "Und diese Beutel - alles Unikate übrigens - haben wir dann in unserer hauseigenen und solarbetriebenen Waschmaschine gefärbt", so Martina Bergk weiter. "Ein bisschen wie der gute Jutebeutel vor rund 15 Jahren, der hat allerdings ja nicht so gegriffen", sagt Martina Bergk und lacht. "Wir haben deswegen eine kleine Umfrage gemacht: Wie muss er sein, um besser zu sein als damals?" Das Ergebnis war der blaue Beutel mit breiterem Griff und kleiner Innentasche. Und ein bisschen größer als sein "Vorgänger" ist er auch.

Dann ging's ans Verteilen. Vorher wurden die ehrenamtlichen "Umweltbotschafterinnen" in einer 80-stündigen Schulung in Ökobilanzen, Kommunikationstraining und die "Plastikproblematik" eingeführt. Mit Herzblut klären die Frauen seitdem auf. Auch Dorota Borth. "Da kann ich mich austoben und mein Engagement ausleben", sagt die dreifache Mutter. "Und das an andere weiterzugeben, das treibt mich an. Wenn es dann auch noch greift, dann fühle ich mich erfüllt." Auch früher hat sie schon ehrenamtlich gearbeitet, aber "immer im Umfeld der Kinder, in der Grundschulbücherei zum Beispiel. Das jetzt, das mache ich für mich."

Fünf Euro Belohnung

Zusammen mit den Beuteln aus recycelten Stoffen verteilen die Frauen eine Bonuskarte - in Anlehnung an das Coffeeshop-Prinzip Wer zehn Mal wiederkommt, der wird belohnt. Mit fünf Euro. "Wir haben eine gute Rücklaufquote", sagt Martina Bergk stolz. "Mit 25 Prozent der Beutel sind die Konsumenten zehn Mal wiedergekommen." Und das ist vorerst nur das Ergebnis einer ersten Bilanz. Denn noch ist das Projekt, gefördert durch die Stiftung Naturschutz Berlin aus Mitteln der Trenntstadt Berlin, nicht am Ende. In der nächsten Woche, am 15. Oktober, wird eine zweite Bilanz gezogen, offiziell läuft das Projekt dann am 30. Oktober aus. "Wir hoffen aber, dass das Projekt fortgesetzt wird. Läden, die daran interessiert sind, teilzunehmen, sollen sich bitte bei uns, beim Verein Life, melden. Und jeder, der so einen Stoffbeutel möchte, natürlich auch", sagt Martina Bergk. Für sie und auch für die "Umweltbotschafterinnen" ist das Projekt noch lange nicht am Ende. Auch, weil erste Erfolge und ein Umdenken zu verzeichnen sind. "Viele Mitarbeiter in den teilnehmenden Läden fragen jetzt, ob wirklich eine Tüte für die Einkäufe benötigt wird. Und ein Geschäft nimmt für die Tüten inzwischen sogar Geld", sagt Martina Bergk stolz. Also wieder ein paar Sandkörner mehr in der großen "Wüste Berlin", bei denen die Botschaft von Dorota Borth angekommen ist.