Meine Woche

Danke, liebe Filmemacher

Christine Richter über den Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2012

Was für ein Tag der Deutschen Einheit. Ich habe in diesem Jahr den Abend des 3. Oktober - und den darauffolgenden auch - vor dem Fernseher verbracht, mit gutem Gewissen. Gezeigt wurde "Der Turm", die zweiteilige Verfilmung des Romans von Uwe Tellkamp. Offensichtlich hat dieser ARD-Film nicht nur mich vor den Fernseher gelockt. Am Mittwoch schalteten 7,5 Millionen Deutsche ein, obwohl zeitgleich die Champions League übertragen wurde. Am Donnerstag waren es 6,3 Millionen Menschen, die das Schicksal der Dresdner Familie Hoffmann in den 80er-Jahren der DDR verfolgen wollten.

Und es hat sich gelohnt. Nicht nur, weil die Schauspieler von Jan Josef Liefers über Claudia Michelsen bis hin zu Sebastian Urzendowsky, der den Sohn Christian darstellte, herausragend waren, auch die Umsetzung des Tellkamp-Romans war - bei allen Auslassungen und Verknappungen - gelungen. Für mich war es gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit, denn zu DDR-Zeiten bin ich ja regelmäßig nach Dresden gefahren, in die Geburtsstadt meines Vaters, dorthin, wo noch viele meiner Verwandten lebten und leben. Auch wenn in dem ARD-Zweiteiler relativ wenige Bilder aus Dresden gezeigt wurden, so haben Produzent Nico Hoffmann und seine Leute doch die Atmosphäre in der DDR sehr gut eingefangen. Die qualmenden Mülltonnen, die öden Plattenbauten, die leeren dunklen Straßen, die Angst vor der Stasi und den Schrecken der SED, die zunehmende Materialnot, aber auch das Witze-Reißen in den eigenen vier Wänden, die schönen Altbauwohnungen mit den hohen Decken und den vielen, vielen Büchern, den Rückzug in die private Nische. Danke, liebe Filmemacher.

Ich bin froh, dass solch ein Fernsehfilm am Tag der Deutschen Einheit ausgestrahlt wird, dass er so viele Zuschauer findet - darunter auch viele Jüngere, die die DDR nicht mehr erlebt haben und die sich jetzt dafür interessieren. Unter den 14- bis 49-Jährigen schalteten rund 12,5 Prozent ein. Und das bei einem Film, der wahrlich nicht nur Spaß machte, sondern die Unterdrückung, aber auch das persönliche Drama der Familie Hoffmann zeigte.

Fast 23 Jahre ist es her, dass die Menschen in Dresden, Leipzig und anderswo auf die Straße gingen und das DDR-Regime zu Fall brachten. Vor 22 Jahren wurde aus der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR dann ein Land. Noch immer gibt es einen Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, noch immer wird untersucht und in jedem Jahr pünktlich zum 3. Oktober veröffentlicht, ob die ostdeutschen Länder besser oder schneller vorankommen als die westdeutschen Länder. In diesem Jahr lautete die Nachricht vom zuständigen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und seinem Beauftragten Christoph Bergner (CDU), dass die Wirtschaftskraft in den neuen Ländern wieder nachlässt, dass die Arbeitslosigkeit noch immer doppelt so hoch ist wie im Westen.

Vielleicht sollten wir damit aufhören, auch nicht mehr klagen, dass so viele Westdeutsche noch nicht in Ostdeutschland waren. Ist das schlimm? Es gibt Neuköllner, die fahren nicht nach Spandau, oder Reinickendorfer, die würden sich in Lichterfelde oder Treptow verlaufen. Das ist schade, schlimm ist es nicht. Wenn es zum Tag der Deutschen Einheit immer mal wieder so gute Filme gibt, dann ist schon sehr viel getan - für die Einheit in Deutschland und für die Freiheit.

Christine Richter leitet gemeinsam mit Gilbert Schomaker die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Gilbert Schomaker über seine Woche in Berlin.