Prenzlauer Berg

Berliner Liebeserklärung

Der Fotograf Eberhard Klöppel ist für einen Bildband in seinen alten Kiez zurückgekehrt. Es entstand ein vielschichtiges Porträt über Prenzlauer Berg und die Menschen dort

Die Reaktionen auf den Fotografen waren sehr unterschiedlich. Ein Afrikaner klagte, ihm werde durch das Fotografieren die Seele geraubt - ließ sich dann aber doch zu einer Aufnahme überreden. Andere forderten als Gegengabe ein Glas Bier oder ein Foto, das ihnen per E-Mail geschickt werden solle. Und ein Obdachloser war sogar beleidigt, dass der Fotograf zunächst an ihm vorbeilief. "Jeder wird hier jeknipst", klagte er, "außer icke!"

Eberhard Klöppel hat dann auch ihn aufgenommen. Es ist eines von mehr als 1000 Motiven, von denen am Ende 128 für den Bildband "Berlin - Ecke Schönhauser" (Lehmstedt Verlag, 24,90 Euro) ausgewählt wurden. Klöppel, der auch schon als Fotoreporter für die Berliner Morgenpost arbeitete, hat dafür zwei Jahre lang recherchiert und fotografiert. Entstanden ist ein Bildband, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, aber viel über diese Gegend, den Alltag und das Lebensgefühl der Bewohner erzählt.

Der Fotograf, Jahrgang 1940, hat eine ganz besondere Beziehung zu Prenzlauer Berg. Er hat viele Jahre an der Schönhauser Allee gewohnt, sein Sohn ging hier in den Kindergarten, seine Frau führte hier eine Arztpraxis. In den letzten 20 Jahren wohnte Klöppel jedoch in anderen Berliner Stadtteilen. "Das war durchaus zum Vorteil für dieses Projekt", sagt er. "Der Abstand ist größer, die Überraschung, es ist leichter, etwas zu entdecken."

Prenzlauer Berg zählt neben Kreuzberg außerhalb Berlins zu den bekanntesten Ortsteilen der Stadt. Die Gegend ist immer noch beliebt. Auch wenn es Studenten wegen der gestiegenen Mieten längst in preiswertere Quartiere nach Friedrichshain oder Lichtenberg zieht. Aber die Kulturbrauerei und der Mauerpark, die Viertel mit ihren Kneipen um Kastanienallee, Oderberger Straße oder Gleimstraße sind immer noch Treffpunkte für Bewohner und Touristen aus aller Welt. Sie finden sich in Klöppels Fotos wieder: der junge Mann, der an der Schönhauser Allee vor dem Café "Manolo" auf einer Bank sitzt und, die Welt um sich herum vergessend, in einem Buch liest. Die jungen Eltern im einstigen Kultviertel am Kollwitzplatz, der inzwischen zur Nobeladresse avancierte. Bettelnde Punks inklusive Mischlingshund vor einem Feinkostladen. Straßenmusiker an der Husemannstraße. Der stark tätowierte Kultfriseur in seinem Salon an der Rodenbergstraße. Die in den Abendstunden einsam mitten auf der Kopenhagener Straße flanierende Frau. Oder auch der Geschäftsmann, der sich bei "Konnopke's" in der Mittagspause eine Currywurst und eine Flasche Bier kauft. An diesem eigentlich ungastlichen Platz, an dem über den Köpfen die Hochbahn donnert, sich quer über die Kreuzung Straßenbahnen fräsen, und sich links und rechts, Richtung Alexanderplatz oder Pankow, auf der Schönhauser Allee Autos stauen. Klöppel fotografiert das oft mit einem Augenzwinkern, bevorzugt die ungewöhnliche, manchmal auch skurril anmutende Situation, führt dabei aber niemals jemanden vor.

Immer dicht am Geschehen

Der Verlag hat die Messlatte hoch gelegt. Der Titel "Berlin - Ecke Schönhauser" ist nicht neu. So hieß auch schon ein nicht nur für Cineasten noch immer legendärer Defa-Spielfilm des Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase und des Regisseurs Gerhard Klein. Er wurde 1957 gedreht und beschreibt das Lebensgefühl junger Leute dieser Zeit in diesem Teil Berlins. Klöppels Fotos entstanden gut ein halbes Jahrhundert später. Auch sie sind beeindruckend präzise, dicht am Geschehen, aber nie banal und, wenn sich die Gelegenheit bietet, auch bewusst verfremdet.

Mathias Bertram, zuständig für Redaktion und Gestaltung des Bands, spricht in seinem Vorwort von einem "vielschichtigen Porträt". Was Klöppel darüber hinaus beim Einfangen des heutigen Zeitgeistes geleistet habe, so Bertram, könnten wir nur erahnen. "Sicher wissen wird man es aber erst aus dem Abstand von 20 oder 50 Jahren, wenn auch diese Welt schon wieder die Patina des Gestern angesetzt hat."