Familie

Eine Kindertagesstätte? Schön! Aber nicht bei uns

Wer eine Kita gründen will, bekommt schnell Ärger mit Behörden. Zum Glück gibt es sehr entschlossene Eltern

Hätte Mandy Haberland gewusst, wie viel Stress es mit sich bringt, eine Kita zu gründen, gäbe es die "Spreepferdchen" heute vielleicht gar nicht. "Ich wäre wahrscheinlich so wahnsinnig gewesen, es trotzdem zu tun", sagt sie. "Aber ich muss auch klar sagen, dass es mich an meine absolute Belastungsgrenze gebracht hat." Haberland, Radiojournalistin, 35 Jahre alt, merkte im Januar, dass es so nicht weitergehen kann mit der Betreuung ihrer zweijährigen Tochter Martha. Eigentlich hatte ihr Montessori-Kindergarten im gutbürgerlichen Friedenau einen exzellenten Ruf, doch für Haberlands Verständnis hielt sich die Kita-Leitung zu starr an das Regelwerk. Kinder unter drei Jahren gehen in eine andere Gruppe als Kinder über drei Jahren. Der Mittagsschlaf nach dem Essen ist unbedingt einzuhalten - egal, ob das Kind müde ist oder nicht.

Weil Marthas dritter Geburtstag nahte, sollte sie ab Sommer in eine neue Gruppe wechseln, während ihr Herzensfreund Magnus in der Krippengruppe zurückbleiben sollte. Martha weinte oft morgens beim Abschied. Haberland machte sich auf die Suche nach zwei Plätzen in einem anderen Kindergarten - und wurde ausgelacht. "Kommen Sie in zwei Jahren wieder!", bekam sie zu hören.

Anfangs noch optimistisch

Anfangs war Haberland noch zuversichtlich, da Kita-Plätze ja politisch gewollt sind. "Also versuchte ich, in Erfahrung zu bringen, was man tun muss." Sie bekam eine Schulung des Dachverbands Berliner Kinder- und Schülerläden (Daks) und die Ansage: Mit 30.000 Euro muss man schon rechnen, um eine Kita an den Start zu bringen. Bei einigen Banken gibt es die Möglichkeit, einen Kredit über Bürgen zu bekommen: Jeder von ihnen verpflichtet sich, im Falle eines Scheiterns 3000 Euro zu zahlen. Es fanden sich zehn Eltern mit Betreuungsnot und einige Großeltern. "Da war ich frohen Mutes, doch das änderte sich schnell", sagt Haberland.

Einen guten Erzieher zu bekommen? Ein Sechser im Lotto war wahrscheinlicher. Auch Räume zu finden, die den hohen Auflagen des Berliner Senats entsprachen, schien unmöglich. Maximal Hochparterre durfte es sein, mindestens vier Quadratmeter Spielfläche pro Kind musste es geben, ebenso eine Raumhöhe, die 2,30 Meter nicht überschreitet, sagt der Arbeitsschutz, weil es sonst für die Erzieher zu laut wird. Alles muss belüftbar sein, Notausgänge muss es geben und zwischen den Garderobenhaken einen Abstand von 20 Zentimetern. "Die meisten Vermieter jubelten nicht gerade über unsere Idee", erinnert sich Haberland. Ach, wie schön, eine Kita - aber bei uns im Haus? Unmöglich.

Als dann diese erste große Hürde genommen war und der Mietvertrag unterzeichnet, fing der Stress erst richtig an. Die Kita-Aufsicht des Senats musste eingebunden und ein Grundriss vorgelegt werden, ein genauer Umbauplan ebenso, ein Architekt engagiert, kleine Toiletten eingebaut, ein ausführliches Finanzierungs- und pädagogisches Konzept eingereicht werden. "Ich dachte, die wollen doch gar nicht, dass wir das packen!", so Haberland. Wie sollte der Tagesablauf aussehen? Wie die Integration Kinder nicht deutscher Herkunft? Was ist mit der frühkindlichen Bildung, mit der vorschulischen? Mit der mathematischen, physischen, sprachlichen Förderung? Haberland und ihre Partnerin - die Mutter von Marthas Freund Magnus - arbeiteten sich abends und an den Wochenenden durch einen Stapel von Unterlagen. Eine Steuererklärung, sagt sie, sei ein fröhliches Weihnachtsfest dagegen.

Am 26. Juli fiel Mandy Haberland ein "4000 Kilo schwerer Stein" vom Herzen. Die Kita-Aufsicht besuchte die Räume und erteilte den "Spreepferdchen" ihr Plazet. Seit August werden 13 Kinder zwischen einem und drei Jahren in den hellen Räumen in Wilmersdorf betreut, von einem Erzieher, einer Erzieherin und einem Azubi. Es gibt biologisches Essen, Projekttage bei der Feuerwehr und auf dem Bauernhof, die Kinder spielen regelmäßig draußen. "Martha rennt morgens durch die Tür und wirft mir nur noch aus der Ferne einen Luftkuss zu", sagt Haberland.

Nicht jedes Projekt läuft so gut. Lange beriet der Daks-Verband einmal im Monat fünf, sechs Eltern oder Erzieher, wie sie an das Geld kommen, wie sie abrechnen, wie man ein Konzept erstellt. Heute sitzen alle zwei Wochen rund 20 Interessierte in der Gründungsberatung - Nachfrage steigend. "Seit der Einführung des Elterngeldes 2007 ist der Bedarf deutlich gestiegen", sagt Daks-Sprecher Roland Kern. "Früher bekamen die Familien zwei Jahre lang Erziehungsgeld, jetzt hat sich auch die Arbeitswelt gewandelt, und viele Eltern wollen ihre Kinder bereits in die Betreuung geben, wenn sie laufen können."

Ein Kita-Platz ist heute wesentlich mühsamer zu bekommen als noch vor drei oder vier Jahren. Aber nur aus purer Not schaffe kaum jemand eine Gründung, sagt Kern. "Unsere Erfahrung zeigt, dass potenzielle Gründer auch den pädagogischen Willen brauchen, diesen Ort mitzugestalten." Nur dann könne man den Behördenparcours aus Bauamt, Gesundheitsamt, Stadtplanungsamt, Lebens-mittel- und Kita-Aufsicht schaffen. "Jede einzelne Auflage mag sinnvoll sein, aber in dieser Ballung sind sie enorm problematisch", sagt Kern. "Da muss man sich schon fragen, ob unsere Gesellschaft unter einem Wahn der Überregulierung leidet."

So viele bauliche Auflagen

Das musste auch Karen Drews erfahren. Als die Erzieherin ihres jüngsten Sohnes starb, nahm auch sie es mit den Behörden auf und gründete eine Kita im Hochparterre eines Einfamilienhauses im Süden Berlins. Sie beantragte eine Nutzungsänderung des Hauses, ließ eine Feuertreppe installieren, Brandschutztüren einbauen, statische Gutachten erstellen. Zwei Wochen vor der Eröffnung bemängelte das Bauamt den unzureichenden Fluchtweg. Drews stellte Antrag auf Änderung der Baufluchtlinie und "Abweichung der Barrierefreiheit" - das bedeutete noch einmal 1000 Euro Honorar für einen Architekten.

Vier Wochen nach der Eröffnung im August flatterte ein Brief ins Haus, diesmal von der Behindertenbeauftragten. Für den Hausaufgang müsse ein Treppensteiger angebracht werden, um auch einer schwer beschädigten Mutter Zugang zu ermöglichen. Einzig: Von den 18 betreuten Kindern ist kein Elternteil gehandicapt. "Wenn sich eine behinderte Mutter für unseren Kinderladen entscheiden würde - wir fänden eine Möglichkeit!", sagt Drews. Nun hat sie einen Rolli-Service aufgetan, der bereit ist, ihr einen gebrauchten Treppensteiger zu verkaufen, für 1000 statt 5000 Euro. Das Bauamt fordert nun aber noch den Einbau eines Behinderten-WCs. Noch ist Drews, fünffache Mutter, guten Mutes, die Sachbearbeiterin von dieser Forderung abzubringen. Doch sie findet: "Es wird einem wirklich unnötig schwer gemacht."