Verkehr

"Schalten war immer das Schlimmste"

Die Fahrschule "Schaffen wir" nimmt Menschen die Furcht davor, allein ein Auto zu steuern - mit Entspannungsübungen und einigen Tricks

Immer näher kommt der Tanklaster auf sie zu. Ihre Hände krampfen sich um das Steuer. Sie will bremsen, erwischt aber versehentlich das Gaspedal. "Nach rechts und bremsen", hört sie es neben sich brüllen, aber wo ist gleich noch die Bremse, und wo ist überhaupt rechts? Im letzten Augenblick reißt der Fahrlehrer neben ihr das Steuer herum und bringt das Auto zum Stehen. "Sag mal, bist du bescheuert?" oder so etwas in der Art wirft er Renate N'diaye an den Kopf, als die Gefahr vorbei ist. "Er hat mich richtig zur Sau gemacht", erinnert sich die 55-Jährige heute an eine ihrer ersten Fahrstunden vor 37 Jahren. Es sollte vorerst ihre letzte sein. Nach diesem Beinahe-Unfall hat die Schwäbin das Projekt Führerschein erst einmal abgebrochen.

Erst 30 Jahre später wagte Renate N'diaye einen neuen Versuch. Die Krankenschwester hatte es satt, morgens immer eine halbe Stunde früher aufzustehen, um mit der BVG pünktlich zur Frühschicht im Krankenhaus zu sein. Dabei stand vor ihrer Wohnung ein Auto, das sie schneller zur Arbeit bringen würde - wenn sie es denn nur fahren könnte. Zufällig stieß sie auf eine Anzeige der Fahrschule "Schaffen wir", spezialisiert auf Angsthasen, "also solche wie mich", sagt Renate N'diaye lachend.

Phänomen Prüfungsangst

Vor 20 Jahren gründete Frank Müller die Fahrschule in einem unscheinbaren kleinen Ladenlokal an der Neuköllner Sonnenallee. Von Hause aus ist der 69-Jährige eigentlich Soziologe und von daher kein typischer Fahrlehrer. "Von Anfang an habe ich mich viel mit Prüfungsangst beschäftigt", sagt er. Anfangs war er überrascht darüber, welche Fehler seine Schüler, die eigentlich gut fahren konnten, in der Prüfung plötzlich machten. Heute wundert ihn eigentlich nichts mehr. Statt zu bremsen, aufs Gaspedal zu treten, wie es Renate N'diaye gemacht hat, sieht er inzwischen als Klassiker. Längst kommen in die Fahrschule "Schaffen wir" nicht nur Fahrschüler mit Prüfungsängsten. Seine Hauptklientel sind heute Frauen, die zwar ihren Führerschein gemacht haben, sich aber nicht trauen zu fahren. Ursache für die Angst hinterm Steuer sei häufig ein Unfall, sagt Frank Müller. Schon kleine Auffahrunfälle würden da reichen. Und natürlich gibt es auch schlechte Erfahrungen mit dem Fahrlehrer wie bei Renate N'diaye. Oder es sind die Partner, die Druck machen.

Mit seinem Augenmerk auf Angsthasen hat Frank Müller eine Marktlücke entdeckt. Auf ängstliche Schüler werden Fahrlehrer in der Ausbildung nicht vorbereitet, sagt er, darum gibt es kaum Fahrschulen, die sich ihnen widmen. Dabei ist der Bedarf groß. Auf eine Million wird die Zahl der Angsthasen hinterm Steuer allein in Deutschland geschätzt. Frank Müller arbeitet mit viel Geduld daran, diese Zahl zumindest etwas zu reduzieren. Zusammen mit einem Therapeuten hat er sogar ein Angstbefreiungsprogramm entwickelt und in einem Buch veröffentlicht: "Keine Angst mehr hinterm Steuer".

Eiserner Grundsatz seines Programms lautet: Keinen Meter fahren mit Angst. Mit seinen Schülern macht er erst einmal Entspannungsübungen, und er lässt sie laut sprechen, "ein einfacher Trick, denn lautes Sprechen und Schnappatmung vertragen sich nicht", erklärt er. Viele Fahrstunden später geht er dann mit seinen Schülern in die Situationen hinein, die ihnen Angst bereiten. Er lässt sie auf eine Kreuzung fahren, die sie immer gemieden haben, oder er lässt sie falsch schalten und den Wagen abwürgen, damit sie lernen, mit so einer Situation umzugehen. Meist sei diese Erfahrung dann viel weniger schlimm als die Angst davor. Natürlich ist so ein Fahrunterricht zeitaufwendig. Frank Müller schätzt, dass ein Schüler mit Angst doppelt so viele Fahrstunden braucht wie ein Schüler ohne Angst.

Bevor es aber in die Praxis geht, lädt Frank Müller einmal im Monat alle Angsthasen, die es mit dem Autofahren doch versuchen wollen, zu einer kostenlosen Info-Veranstaltung ein. Mit Keksteller, Kaffee, Chrysanthementopf als Deko und einem Stuhlkreis versucht er, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Einfach rein ins Auto und los, das funktioniere nicht. Sechs Frauen sind an diesem sonnigen Nachmittag gekommen. Sie alle haben einen Führerschein, nutzen ihn aber seit Jahren nicht oder nur mit Bauchschmerzen. So wie Sandra, die morgens schon nichts mehr frühstücken kann, wenn sie weiß, dass sie mittags fahren muss. Zum Glück komme das nur selten vor. Und da ist Claudia, die erzählt, wie sie auf ihrer ersten Autobahnfahrt auf einmal in Panik geriet bei dem Gedanken: "Wenn ich jetzt einen Fehler mache, dann sind wir alle tot." Das war's dann erst einmal mit dem Autofahren für die nächsten 20 Jahre. Eine noch längere Autopause hat Katja hinter sich: Den Umzug nach Berlin hat sie vor 25 Jahren noch selber mit einem Mietwagen gemacht, aber dann ist sie auf die Öffentlichen umgestiegen. "Das Schalten war immer das Schlimmste", erinnert sie sich, "ständig habe ich den Wagen abgewürgt." Irgendwann war sie so nervös, dass sie ihn schon aus lauter Angst abwürgte. Und dann habe auch noch neben ihr der Freund rumgeschnauzt und Kommandos gegeben. Nein, Spaß hat ihr das Autofahren nie gemacht.

Frank Müller nickt zu all dem verständnisvoll und erläutert dann mit einem weichen schwäbischen Akzent in der Stimme, wie Katja, Sandra und Claudia geholfen werden könnte. Einen Weg gebe es immer, so seine Überzeugung, aber das Problem sei in der Tat schwierig. Gern hält er nach der Fahrschulzeit noch Kontakt zu seinen Angsthasen und fragt, wie es läuft. Und oft bekommt er dann die Antwort: Es ging erst, aber spätestens beim dritten "So fahr doch endlich"-Ruf vom Beifahrersitz sei es eben doch nicht gegangen. So ein bisschen kann Frank Müller die Beifahrer ja auch verstehen: "Natürlich ist es schwer auszuhalten, wenn ein Fahrer ewig mit 20 hinter einem Radfahrer herschleicht und sich nicht traut zu überholen", sagt er, aber so sei es nun mal bei Angsthasen, sie bräuchten länger, bis sie sich sicher fühlen, und da sollte man sich mit Kommentaren besser zurückhalten. Frank Müller empfiehlt, für den Anfang den Partner besser gleich zu Hause zu lassen, aber weil viele Angsthasen sich nicht trauen, allein zu fahren, sitzt er dann doch wieder daneben.

Betreuung im eigenen Wagen

Frank Müller würde die Partner gern stärker in sein Unterrichtskonzept einbeziehen. Schon jetzt bietet er für Angsthasen Betreuungsfahrten in deren eigenem Auto an. Zuerst fährt er auf dem Beifahrersitz mit, später setzt er sich auf die Rückbank. Er würde sich freuen, wenn ihn dabei die Männer der Angsthäsinnen begleiten würden, damit er ihnen vielleicht etwas mehr Verständnis abringen könnte.

Meistens seien es tatsächlich Frauen, die Angst vorm Autofahren haben. Vielleicht machen sich Frauen mehr Gedanken, vielleicht überspielen Männer ihre Ängste eher mit Stärke. Natürlich gebe es auch Männer mit Fahrängsten, sagt Müller, manch einer kommt sogar in die Fahrschule, aber zu einem Outing bei Kaffee und Keksen würde sich wohl kein Mann hinreißen lassen.

Renate N'diaye hat damit kein Problem gehabt. Sie stand zu ihren Ängsten, aber irgendwann wollte sie ihnen eben nicht mehr ausgeliefert sein. Ein Jahr ist sie zur Fahrschule "Schaffen wir" gegangen, dann hatte sie es endlich geschafft. Heute fährt sie jeden Tag Auto, angstfrei, und es macht ihr sogar richtig Spaß.

Die Fahrschule "Schaffen wir" hält regelmäßig Info-Veranstaltungen für Interessierte ab. Mehr im Internet unter www.schaffenwir.de