Kunst

Schauen, staunen - und sich erinnern

In der Gemäldegalerie werden zum ersten Mal Führungen für Demenzkranke angeboten

Ihren ersten Liebesbrief hat sie mit neun Jahren bekommen. Das weiß die alte Dame noch genau. Auch wenn ihr die Demenz immer mehr Erinnerungen raubt, dieses angenehm mulmige Gefühl, die Aufregung - das vergisst man nicht. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl und blickt auf ein gold gerahmtes Gemälde des italienischen Barockmalers Caravaggio. Ihr runzeliges sonnengebräuntes Gesicht hellt sich auf. Und auch die anderen Teilnehmer der Gruppe fangen an, von der Liebe zu erzählen, sogar die Pflegerinnen mischen sich ein. Alle kichern.

Premiere gelungen

So hatte sich Jaqueline Hoffmann-Neira das vorgestellt. Die Kunstpädagogin steht neben dem Gemälde und lächelt in die Runde. Sie ist erleichtert, die Premiere ist gelungen. Denn an diesem Tag bietet die Gemäldegalerie im Kulturforum Berlin zum ersten Mal Führungen für Demenzkranke und ihre Angehörigen und Pfleger an. "Augenblicke im Museum" heißt die Veranstaltung. Jede Führung läuft unter einem anderen Thema, alle behandeln die Welt der Gefühle. Freude, Stolz und eben die Liebe. Die Mitarbeiter des Museums wurden geschult, um zu verstehen, was im Kopf der Kranken passiert. "Ich habe mir einfach vorgenommen, dieses kleine Zeitfenster zu nehmen und dort Glück reinzupacken", sagt Hoffmann-Neira, die die erste Tour des Tages leitet und mit ihrem schwarzen Kostüm die Eleganz dieser Galerie ausstrahlt. "Für mich gibt es nichts Wundervolleres, als diese Bilder. Davon möchte ich erzählen", sagt die Kunstpädagogin. Es geht bei den Führungen darum, die Gefühle anzusprechen und aus der Tiefe der Erinnerung schöne Momente hervorzuholen. Denn auch, wenn Vieles bei Demenzkranken nicht mehr funktioniert, die Emotionen können noch lange erreicht werden.

In anderen Städten sind solche Museumsführungen längst selbstverständlich. Man hat verstanden, was auch der jüngste Welt-Alzheimerbericht bestätigt: Die Erkrankten wünschen sich mehr Teilhabe am öffentlichen Leben, wollen stärker in den Alltag integriert werden. In Berlin mit seinem reichen kulturellen Angebot fehlte bisher der passende Rahmen. Den hat Bettina Held nun geschaffen. Sie arbeitet für den Kaiser Friedrich Museums-Verein, einem Förderverein der Gemäldegalerie und hatte sich schon länger mit dem Thema beschäftigt, weil ihre Mutter an Demenz erkrankt ist. Sie tritt in die Alzheimer Gesellschaft Berlin ein und findet in ihr einen guten Partner für ihr Vorhaben. "Alleine hätte ich das niemals geschafft", sagt sie. Sie bringt also zusammen, was nahe liegt. Die Staatlichen Museen zu Berlin, zu denen auch die Gemäldegalerie zählt, und die Alzheimer Gesellschaft Berlin. Wenn alles gut geht, sollen die Führungen ins feste Museumsprogramm aufgenommen werden.

Im Untergeschoss des Museums steht Karin Tzschätzsch aus dem Vorstand der Alzheimer Gesellschaft Berlin. Sie beobachtet eine Teilnehmergruppe, die sich um mehrere Tische gruppiert hat. Eine Mitarbeiterin des Museums erklärt gerade, wie man mit einfachen Mitteln ein Landschaftsbild malt. Auch das ist einer der "Augenblicke im Museum". Die Teilnehmer dürfen gemeinsam mit ihren Angehörigen malen. "Die Kommunikation zwischen Angehörigen und Kranken wird wegen des Sprachzerfalls im Laufe der Demenz immer schwieriger", sagt Tzschätzsch. "Da kann die Kunst etwas auslösen, über das man sprechen, sich zusammen freuen, lachen oder einfach nur staunen kann." Liselotte Khammas, ihre Enkelin Nadina und ihr Sohn Achmed freuen sich zusammen. Neben ihnen auf dem Tisch steht ein Tellerchen mit fünf dicken Klecksen aus Ölfarbe. Daneben liegen Pinsel und Spachtel, vor ihnen ein Bogen Papier. Achmed hat seiner Mutter eine Malerschürze umgehängt und schiebt ihr vorsichtig den Spachtel zwischen die Finger. Nadina streicht mit dem Pinsel Ölfarbe auf den Spachtel, nimmt die Hand ihrer Großmutter, die den Spachtel hält und zieht sie über das weiße Blatt Papier. Eine Landschaft aus Farben entsteht. Liselotte Khammas blickt einen kurzen Moment regungslos vor sich hin. Dann lächelt sie ein zögerliches zahnloses Lächeln. "Wow, das sieht toll aus", sagt Nadina. Auch um Wertschätzung soll es heute gehen. Den Kranken zu zeigen, dass sie am kulturellen Leben teilnehmen können.

Das hat sich auch Jaqueline Hoffmann-Neira vorgenommen. "Ich habe die Liebe als Thema ausgesucht, weil sich jeder darin wiederfinden kann." Die Gruppe betritt den nächsten Raum. Gehstöcke tasten sich über das glänzende Eichenparkett, Rollstühle werden vor ein kleines Gemälde von Andrea Mantegna geschoben. Maria mit dem schlafenden Kind. Hoffmann-Neira erzählt von der Liebe der Mutter zu ihrem Kind. Von hinten ruft eine Frau: "Geht das vielleicht ein bisschen lauter? Ich verstehe gar nicht, was die Frau sagt." Die Gruppe kichert. Die Konzentration lässt nach. Von der geplanten Stunde ist erst eine halbe rum und trotzdem bricht Jaqueline Hoffmann-Neira ab. "Wir gehen jetzt mal was trinken", sagt eine Pflegerin, harkt sich eine der Teilnehmerinnen unter und führt sie in die Kaffee-Ecke.

Ausgelassene Stimmung

Dort wartet Bettina Held. Auf weiß gedeckten Tischen stehen Kekse. Es riecht nach frischem Filterkaffee, der aus der Maschine in große Thermoskannen tropft. Bettina Held hat rote Wangen. Sie ist aufgeregt, weil gleich eine Gruppe aus dem Altenheim ihrer Mutter kommt. Als die Gruppe durch die Eingangshalle des Museums in die Kaffee-Ecke kommt, ist die Stimmung fast ausgelassen. Einige im Rollstuhl, andere untergehakt am Arm der Pflegerinnen. Sie lachen und man ahnt die Vorfreude auf einen für sie besonderen Tag. Die Mutter von Bettina Held wird im Rollstuhl geschoben. Die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter ist nicht zu übersehen. "Mama", ruft Bettina Held und drückt ihrer Mutter zwei Küsse auf die Wange. Die zierliche Frau greift mit der Hand nach ihrer Tochter und blickt ins Leere. Sie wird nicht wissen, dass sie es war, die diese Veranstaltung ins Rollen gebracht hat und von der Führung wird sie nicht viel mitbekommen. Aber das spielt keine Rolle. "Sie liebt es, wenn sich etwas bewegt, wenn man etwas unternimmt, anstatt immer nur im Bett zu liegen", sagt Bettina Held. Und man kann sich nicht sicher sein, ob sich die alte Dame nicht doch an ihre Begeisterung für die Kunst erinnern kann, die sie mit so viel Leidenschaft an die Tochter weitergegeben hat.

Am Ende des Tages ist Bettina Held überwältigt: "Ich war total gerührt. Das war ein wunderbarer Auftakt."