Religion

Mit Socken auf dem grünen Teppich

Seit vielen Jahren findet am 3. Oktober der Tag der offenen Moscheen statt. 18 Gemeinden nahmen diesmal daran teil

Fee und Dominik aus Friedrichshain hatten zwei Pläne für diesen 3. Oktober: "Entweder gehen wir zum Flohmarkt am Ostbahnhof", sagt Fee, "oder zu TOM." Sie haben sich für TOM entschieden, das ausgesprochen "Tag der offenen Moschee" bedeutet und in diesem Jahr zum 16. Mal in Berlin am Tag der Deutschen Einheit gefeiert wurde. "Ich fahre immer an der Sehitlik-Moschee vorbei", sagt Dominik, "und da wollte ich jetzt wenigstens einmal reingehen." Die beiden 27-Jährigen waren noch nie in einer Moschee und werden sich gleich die Schuhe ausziehen, um den grünen Teppich zu betreten. Sie werden lernen: Das Grün ist die Farbe des Paradieses.

Dabei gilt für die Sehitlik-Moschee wie auch für viele andere der 18 in Berlin teilnehmenden Moscheen: Sie sind im Grunde immer geöffnet für Besucher. Genau dafür wurde im Jahr 1997 der Tag der offenen Moschee ins Leben gerufen. Es sollte ein Datum sein, an dem die Scheu vor diesen Gebäuden genommen wird und sich auch die Menschen ein Bild machen können, die im Alltag nur wenig Kontakt mit den insgesamt 4,3 Millionen Muslimen in Deutschland haben. Der 3. Oktober wurde für diesen Tag gewählt, um die Verbundenheit der Muslime mit Deutschland zu unterstreichen. In diesem Jahr stand der Tag unter dem Motto "Islamische Kunst und Kultur".

"Willkommen in der Türkei"

Kein Zufall also, dass der Vortrag der Besucherführerin in der Moschee viel von den Ornamenten in der Sehitlik-Moschee handelt. Die 32-jährige Deutsch-Türkin kam gleich nach ihrer Geburt mit den Eltern nach Berlin und heißt Fatma. Der Name steht auf einem Schild, ungefähr da, wo das Kopftuch auf die Schultern trifft. Rund 20 Freiwillige haben sich für diesen Tag in der Moschee versammelt. Sie erzählt, wie sie Wirtschaftsingenieurin wurde, dass sie Mutter zweier Kinder sei und dass sie das sehr gern mache: Menschen vom Islam erzählen.

Das Gelände der Moschee wurde schon 1863 als türkischer Diplomatenfriedhof an die Türkei gegeben. Deshalb kann Fatma auch sagen: "Willkommen in der Türkei." Sie erklärt weiter, dass Mekka von hier aus ungefähr in Richtung Rathaus Neukölln liege, dass die Moschee nach typischer osmanischer Architektur gebaut wurde, dass die weltweit 1,5 Milliarden Muslime so wenig homogen seien wie Christen auf der Welt - und was die arabische Kalligrafie an der Decke der Moschee bedeutet: "Gott ist Einer, Ein ewig reiner, er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden, und ihm ebenbürtig ist keiner." Rund 300 Menschen hören ihr zu, als sie das in ein Mikrofon spricht, aus Charlottenburg, aus Kreuzberg und Lichterfelde. Ihre Schuhe stapeln sich am Eingang, es ist ganz klar eines der beliebtesten Ziele an diesem Tag der offenen Moscheen.

Nur zwei Kilometer entfernt steht eine Moschee, die weniger besucht, aber nicht weniger prächtig ist. Die Umar-Ibn-Al-Khattab-Moschee an der Wiener Straße in Kreuzberg ist von außen nicht sofort als solche zu erkennen, zu unscheinbar sind die vier Minarette auf dem Dachrand. Doch rund 50 Menschen stehen auch am frühen Nachmittag in dem zweistöckigen reich verzierten Gebetsraum.

Renate und Hansjörg Winkelmann sind dafür extra aus Karlshorst angereist, weil sie mit der U-Bahn schon so oft daran vorbeigefahren sind. "Wir haben erst gestern Abend den Plan gefasst", sagt die 70-jährige Renate Winkelmann. Die beiden sind begeistert von den reich verzierten Innenwänden der Moschee - und unterhalten sich lange mit den Freiwilligen des Vereins. Gerade Hansjörg Winkelmann beschäftigt sich schon lange mit den Weltreligionen, hatte bisher aber noch wenig Wissen über den Islam. "Ich finde diesen Tag auch eine gute Idee", sagt er, "um Vorurteile von beiden Seiten abzubauen."

Ahmadiyya in Pankow

Genau so sieht das auch der Imam der Khadija-Moschee in Pankow, Abdul Basit Tariq. Der 56-Jährige, der seine Magisterarbeit in Pakistan über Goethe, Schiller und Kleist geschrieben hat, will mit dem schlechten Bild des Islam in der Öffentlichkeit aufräumen. Deshalb hat er zusätzlich zu den Keksen und Kaffee, die alle offenen Moscheen an diesem Tag verschenken, auch große Schaubilder im Gebetsraum auf den grünen Teppich gestellt. Dort werden Begriffe wie "Dschihad" und "Stellung der Frau" erklärt. An der Wand hängt zudem der Spruch: "Liebe für alle, Hass für keinen." Abdul Basit Tariq, der der kleinen islamischen Minderheit der Ahmadiyyah angehört, muss an diesem Tag viele Fragen beantworten, auch zu dem Mohammed-Film, der vor zwei Wochen in die Schlagzeilen geriet. "Dieser Film wurde nur gemacht, um Muslime zu provozieren", sagt er. Dass es zu gewaltsamen Protesten kam, findet er aber auch unangemessen. Er hofft auf eine friedliche Lösung dieses Konflikts.

Mit auf der TOM-Liste steht allerdings auch die "Mevlana Moschee" an der Skalitzer Straße 132 in Kreuzberg. Sie wird der islamischen Bewegung Milli Görüs zugeordnet, die laut Verfassungsschutz westliche Demokratien ablehne. Wer ausgerechnet diese Moschee am Mittwoch betreten will, wird schon am Eingang angesprochen: "Nein, das ist ein Fehler", meint ein Mitglied der Gemeinde, "wir machen dieses Jahr nicht mit beim Tag der offenen Moscheen." Warum, will er nicht sagen und vertröstet auf "nächstes Jahr".

Doch auch hier gilt das generell offene Haus. Wer die Schuhe auszieht, kann sich auf den grünen Paradies-Teppich setzen und zusammen mit rund 90 Männern einem türkischen Imam zuhören, manche beten, manche flüstern miteinander. Es bleibt fremd, ohne Fatma mit ihrem Namensschild, die freundlich lächelnd die Ornamente erklärt oder die Richtung zeigt, in die gebetet wird. Draußen auf der Straße, gleich neben der Moschee, hängt ein Schild, das der Club "Festsaal Kreuzberg" aufgehängt hat. Es weist darauf hin, dass sich hier eine Moschee befindet und doch bitte keine Flaschen abgestellt oder Müll weggeworfen werden sollen. Man bemühe sich um: "gute Nachbarschaft".