Keine Abschiebung

Neue Chance in Weißensee

Ein junger Georgier sollte abgeschoben werden. Berliner setzten sich für ihn ein. Nun darf er bleiben

Tamaz hatte sich schon darauf eingestellt: Am morgigen Dienstag sollte er Deutschland verlassen. An diesem Tag sollte er sich mit gepacktem Koffer bereithalten, nach dem Abschied von seinen kranken Eltern, die in Hohenschönhausen leben. Er sollte zurück nach Georgien. Das verlangte die Ausländerbehörde, die den 25 Jahre alten Kurden nicht mehr in Berlin duldete. Doch Tamaz Cherkeziani hatte Freunde, Menschen aus Weißensee, die sich für ihn einsetzten. Und die Behörde hatte ein Einsehen. Tamaz darf vorerst in Berlin bleiben. Er erhält eine Aufenthaltserlaubnis zwischen einem und drei Jahren. Die Situation des Georgiers werde als Härtefall anerkannt, so die Senatsinnenverwaltung. Tamaz' Geschichte ist auch eine Geschichte von Berlinern, die anderen Menschen eine Chance geben wollen.

Unterdrückt wegen des Glaubens

Cherkeziani gehört den Yeziden an, einer alten Religionsgemeinschaft. Sie habe ihren Ursprung im alten Mesopotamien, sei aber heute in vielen Ländern verboten, vor allem in der arabischen Welt, erzählt der Kurde. Der Pfau sei ihr heilig. "Von Moslems werden wir als Teufelsanbeter bezeichnet." Yeziden gebe es in Russland, im Irak, in Syrien und in der Türkei.

"In Georgien war es schwer für uns", erzählt er. "Wir haben dort keine Rechte. Wir dürfen nicht unsere Meinung sagen." Die Familie habe Ärger mit den Behörden gehabt. "Wir durften vieles nicht tun, wegen unseres Glaubens." Der Vater sei verprügelt und am Kopf verletzt worden, erzählt Tamaz. Die Zähne habe man ihm ausgeschlagen, und er, der Sohn, habe den Vater nach Hause gebracht. Die Polizei habe nicht geholfen, sondern der Familie klar gemacht, dass sie unerwünscht sei. Als seine Mutter vor sechs Jahren schwer krank wurde, entschlossen sich die Eltern, nach Deutschland zu gehen. Denn nur eine Herzoperation konnte ihr noch helfen, die - nach Auskunft des Arztes - in Georgien nicht fachgerecht hätte durchgeführt werden können. Tamaz folgte den Eltern ein halbes Jahr später. Die Familie kam mit falscher Identität.

Die Eltern hätten alles verkauft, um einen Schlepper zu bezahlen, sagt der junge Mann, auch die Eheringe. "Er hatte ein Büro. Deshalb dachten wir, es sei legal", sagt er. "Heute weiß ich, dass es das nicht war. Wir entschuldigen uns dafür, dass wir diesen Fehler gemacht haben. Aber es ging um das Leben meiner Mutter. Ich denke, jeder hätte in dieser Situation so gehandelt." Chinar Cherkeziani sei zwei Tage nach der Ankunft operiert worden, erzählt ihr Sohn. Dadurch habe sie überlebt. Sie ist jetzt 59 Jahre alt und hat unterdessen eine zweite Operation hinter sich.

Über das vorläufige Bleiberecht des Georgiers freuen sich viele Anwohner in Weißensee, die ihn aus dem Strandbad kennen. Dort absolvierte er von März bis August 2012 ein Praktikum, stand in der Küche und am Grill. "Seine Geschichte hat uns sehr berührt", sagt Peter Dommaschk von der Bürgerinitiative Familienkiez. "Er ist ein freundlicher junger Mann, der sehr gut Deutsch spricht, beliebt ist und als zuverlässig gilt." Viele Weißenseer, so sagt Peter Dommaschk, hätten sich an die Bürgerinitiative gewandt, weil sie ihm helfen wollen.

Briefe an den Innensenator

Für Tamaz Cherkeziani hat sich auch Oliver Schulz eingesetzt, Regisseur und Betreiber des Strandbads Weißensee. Er hatte an Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) geschrieben und die Lage seines Praktikanten geschildert. Cherkeziani sei einer der zuverlässigsten, ehrlichsten und fleißigsten Mitarbeiter, so Oliver Schulz. Er werde wegen seiner Hilfsbereitschaft und Loyalität von Kollegen und Gästen des Strandbads sehr geschätzt. Der Strandbad-Betreiber würde den jungen Mann auch mit einem festen Arbeitvertrag einstellen, wenn er eine Arbeitserlaubnis bekommt. Engagiert haben sich auch die Fußballer vom SV Traktor Boxhagen. Dort spielte Cherkeziani in den vergangenen zwei Jahren im Freizeitbereich. Er sei ein hervorragender, fairer Sportler, sagt Trainer Stephan Trosiner. Tamaz Cherkeziani hat in Berlin den Schulabschluss der 9. Klasse gemacht.

Er könnte eine Ausbildung zum Koch machen, in einer Gaststätte in Friedrichshain. In seiner Heimat, sagt Cherkeziani, würde er keine Chance bekommen. Er müsste Gewalt und Benachteiligung befürchten. "In Deutschland kann ich so sein wie andere Menschen", sagt er. Deshalb waren die vergangenen Wochen schwer für den 25-Jährigen, mit der Aussicht, nach Georgien abgeschoben zu werden, und seine Eltern in Berlin zurückzulassen. Er ist ihr einziger Sohn. Umso größer ist die Freude der Familie, zusammen in Deutschland bleiben zu dürfen. Auch wenn noch ungewiss ist, für wie lange. Im Sommer 2011 drohte schon einmal die Abschiebung. Mit Hilfe eines Anwalts konnte sie verhindert werden.

Peter Dommaschk von der Bürgerinitiative in Weißensee ist zufrieden. "Es ist ermutigend", sagt er. "Es zeigt, dass es sich lohnt, sich zu engagieren." Manchmal stehe man vor der Bürokratie wie vor einer unüberwindlichen Wand. "Wenn dann etwas Positives entschieden wird, ist man überrascht und erfreut."

Tamaz Cherkeziani sagt, er habe nicht mehr an eine Lösung geglaubt. "Es ist super." Es sei zwar noch nicht die endgültige Rettung. Aber nun könne er immerhin eine Ausbildung machen. Damit will er beginnen, wenn er sein Papier von der Ausländerbehörde hat. "Ich möchte allen danken, die sich für mich eingesetzt haben", sagt Cherkeziani. Viele Menschen würden abgeschoben, die niemanden kennen, der ihnen zur Seite steht. "Das ist doch Integration", meint der Georgier. "Wenn man sich einbringt, dann findet man auch Freunde."