Interview

"Die Flugzeuge kommen im Minutentakt"

Immer mehr Anwohner protestieren gegen den zunehmenden Fluglärm rund um Tegel

Die Anwohner in den Einflugschneisen rund um den Flughafen Tegel haben die Tage rückwärts gezählt bis zur geplanten Eröffnung des BER am 3. Juni. Endlich Ruhe - das war ihre große Hoffnung, ihr großes Ziel. Doch seit der geplatzten Eröffnung hat sich ihre Lage noch verschärft. Sie müssen erheblich mehr Fluglärm ertragen als vorher. Die Protestaktionen im Norden nehmen zu. Aus diesem Grund wird es am Montag, 1. Oktober, 19.30 Uhr, eine Debatte zum Thema "Fluglärm und Nachtflugverbot" im Kulturhaus Spandau, Mauerstraße 6, geben. Auf dem Podium sitzt unter anderen Reinhardt Wilk, Betroffener und Sprecher der Bürgerinitiative "Gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen". Mit ihm sprach Katrin Lange.

Berliner Morgenpost

Herr Wilk, nachdem bekannt wurde, dass sich die Eröffnung des BER verschiebt, haben Sie vermutet, dass es der schlimmste und lauteste Sommer wird, den Sie je hatten. Traf es zu?

Reinhardt Wilk

So wie ich es erwartet habe, ist es gekommen. Gerade tagsüber starten und landen die Flugzeuge oft im Minutentakt. Die Flugfrequenz hat sich erheblich erhöht.

Sie wohnen in der Einflugschneise, wie hoch sind die Maschinen in der Spandauer Siedlung rund um den Zirpenweg?

Wenn sie landen zwischen 300 und 600 Meter und wenn sie starten etwa 1000 Meter hoch. Wir hören die Maschinen von weiten ankommen und hören ihnen hinterher. Oft ist die eine noch nicht verklungen, da kommt die nächste. In dieser Häufigkeit haben wir das vorher nie erlebt.

Können Sie sich noch im Garten aufhalten?

Wenn wir draußen sitzen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Gespräche verstummen, sobald der Flieger über uns ist oder wir brüllen uns an. Ich habe den Fluglärm gemessen. Um sechs Uhr morgens schnellt der Lärmpegel bis etwa 75 Dezibel und bleibt da bis auf kurze Unterbrechungen bis 22 oder 23 Uhr und länger.

Wie ist derzeit die Stimmung unter den Anwohnern?

Die Leute sind sauer und sprechen uns an. Ein Kern der Bürgerinitiative ist noch aktiv. Sie bitten uns, etwas zu unternehmen.

Sehen Sie eine Chance?

Wir müssen es vernünftig und nüchtern sehen. Es gibt keine echte Möglichkeit, gegen die Flüge tagsüber vorzugehen. Viele Fluggesellschaften hatten mit dem BER neue Ziele ins Programm genommen, die sie nun über Tegel abwickeln müssen.

Und die Nachtflüge?

Auch die haben enorm zugenommen. Im Juli 2011 gab es 170 Flüge in der Zeit von 22 bis 5 Uhr. Im Juli 2012 waren es in derselben Zeit 230. Doch es ist schwierig, etwas dagegen zu tun, der Senat hat den Airlines zugestanden, in begründeten Einzelfällen bis 0 Uhr zu fliegen.

Die wohl keine Einzelfälle mehr sind?

Diesen Eindruck haben wir auch. Dazu kommen noch die acht Flüge der Post, die bereits nach Schönefeld ausgelagert waren und nun wieder in Tegel abgefertigt werden. Die starten ein Uhr nachts.

Die Initiative "Bürgerinnen und Bürger gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen" wurde 1988 gegründet. Mit welchen Ziel?

Neben dem schon damals vorhandenen Fluglärm waren vor allem Sicherheitsaspekte ausschlaggebend. In Tegel gibt es das Problem, dass es keine Notlandeflächen gibt. Es ist ein riesiges Glück, dass es nie zum Ernstfall gekommen ist.

Jetzt wird Tegel geschlossen. Ist das auch Ihr Erfolg?

Ob wir tatsächlich etwas bewirkt haben, wissen wir nicht. Aber mit Sicherheit haben wir durch die Einsprüche beim Senat das Bewusstsein geschärft, wie problematisch Tegel ist.

Die Bürgerinitiative hat sich nach dem Schließungsbeschluss von Tegel nie aufgelöst, haben Sie mit der Zunahme des Fluglärms ein neues Thema?

Wir haben bereits mit den Bürgerinitiativen aus dem Süden gegen den Fluglärm protestiert. Außerdem haben wir einen Brief an die Senatsverwaltung geschickt, in dem wir gegen die Nachtflüge protestieren. Ich befürchte aber, dass das Aufbegehren nicht von Erfolg gekrönt sein wird.

Eine Anwohnerin hat Klage erhoben und fordert Lärmschutzmaßnahmen und eine Entschädigung. Geben Sie ihr eine Chance?

Ich kann die Verzweiflung der Frau durchaus verstehen. Manche Gegenden, wie die Hohenzollernkanal-Siedlung, werden in einer Höhe von 60 bis 80 Metern überflogen. Das ist absoluter Terror. Nur bis über die Klage entschieden ist, ist vermutlich der BER eröffnet.

Glauben Sie an die Eröffnung des Schönefelder Flughafens im Oktober 2013?

Ich glaube gar nichts mehr. Die Enttäuschung, dass der Umzug nach Schönefeld am 3. Juni nicht geklappt hat, war so groß, das ich jetzt erst einmal abwarte. Es tauchen permanent neue Horrormeldungen rund um den BER auf. Schönefeld war von Anfang an eine Fehlplanung.

Der Standort oder der Flughafen?

Zunächst der Standort. Sperenberg mit seinen bereits vorhandenen Landebahnen wäre die bessere Wahl gewesen. Das hatten auch Gutachten ergeben. Aber dann ging es mit dem Namen BBI weiter, der schon für einen indischen Flughafen vergeben war. Es folgte der Ärger mit dem Ankauf der Flächen und am Ende mit den chaotischen Beschleunigungsmaßnahmen, um doch noch am 3. Juni an den Start gehen zu können.

Was erwarten Sie vom nächsten Sommer?

Es wird wieder richtig laut werden.