Meine Woche

Verbale Inkontinenz

Christine Richter über die vielen neuen Bücher, die in diesem Herbst erscheinen, deren Nutzwert allerdings sehr gering ist

Ich lese gern und viel. Zeitungen, jeden Tag, jede Menge, Nachrichtenmagazine selbstverständlich. Aber auch Bücher. Wenn mein Leben anstrengend ist, greife ich zu den besonders kitschigen Liebesromanen und blutrünstigen Krimis, im Urlaub lese ich dann gerne Biografien und die ein oder andere Streitschrift. In diesem Herbst jedoch meinen es die Verlage nicht gut mit mir.

Das begann mit der Biografie von Bettina Wulff. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, aber ich mochte unser Bundespräsidentenpaar. Endlich mal ein jüngerer Bundespräsident, der auch Ideen für das Land hatte. Eine junge, moderne Frau, die was hermachte bei ihren Auftritten an der Seite des Bundespräsidenten oder beim Treffen mit Michelle Obama. Eine Patchworkfamilie im Schloss Bellevue, welches Land kann das schon bieten?

Nun, das politische Ende von Christian Wulff kam schnell und war unrühmlich, ein bisschen leid taten sie mir auch. Doch nach dem Erscheinen von Bettina Wulffs Buch, nach diesem schlichten Schildern dessen, was war, nach Sätzen wie "Jetzt geht es um mich und meine Söhne", nach der öffentlichen Zurschaustellung ihres Ehemanns und ihrer Eheprobleme mag ich nicht mehr. Mir graust vor so viel verbaler Inkontinenz.

Auf Bettina Wulff folgte Heinz Buschkowsky, der Neuköllner Bezirksbürgermeister von der SPD, mit seinem Werk "Neuköln ist überall". Buschkowsky schreibt über Migranten, Familien, die versagen, unerzogene Kinder und Jugendliche, fehlgeschlagene Integration und, und, und. Bei all diesen vielen Klagen über Neukölln und seine Probleme frage ich mich immer wieder: Ist nicht Buschkowsky seit mehr als einem Jahrzehnt Bezirksbürgermeister? Gehört nicht er der Partei an, die seit 2001 den Regierenden Bürgermeister und den Finanzsenator und den Bildungssenator stellt? Wer, wenn nicht er, kann Änderungen einleiten und durchsetzen? Und als ob all dies nicht frustrierend genug wäre, folgte in dieser Woche mit Vorabdruck in der "Bild"-Zeitung die ehemalige Lehrerin und Ehefrau von Thilo Sarrazin, Ursula Sarrazin.

Der Titel allein sagt schon alles: "Hexenjagd". Darin schildert Frau Sarrazin auf 288 Seiten ihren Schuldienst in Berlin, ihre Erlebnisse mit Kindern, Lehrern, Eltern und Schulbehörde. Da finden sich so Sätze wie: "Darum finde ich es unpassend, ein Kind mit dem Wunsch ,Viel Spaß' in die Schule zu schicken." Was bin ich froh, dass ich keine Lehrerinnen wie Frau Sarrazin hatte, sondern solche, die uns gerne unterrichteten, die wollten, dass wir gut gelaunt zum Unterricht kamen. Die uns Kinder und Jugendliche mochten.

Die vielen neuen Bücher zum Herbst sollen, wenn die Pläne der Verlage aufgehen, Ende Dezember unter dem Weihnachtsbaum liegen. Wenn Sie Ihre Freunde und Verwandten nicht verärgern wollen, überlegen Sie genau, welches Buch Sie kaufen. Ich habe meine Familie schon vorgewarnt.

Christine Richter leitet gemeinsam mit Gilbert Schomaker die Lokalredaktion. Am nächsten Sonntag schreibt Gilbert Schomaker über seine Woche in Berlin.