Achim Achilles

Der Kampf mit dem Krampf

Achim Achilles alias Hajo Schumacher ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer

Im Herbst verhalten sich Frauen noch wunderlicher als sonst. Als sei eine Eiszeit im Anmarsch und das Leben bald zu Ende, wickelt sich Mona ab Mitte September in mindestens sechs Lagen aus Wolle ein, würde am liebsten Ravioli-Vorräte anlegen und mich schon mal den Weihnachtskarton aus dem Keller holen lassen, um uns angesichts des nahen Endes innerlich mit heiligem Klimbim und äußerlich mit Kerzenlicht zu wärmen.

Mona fürchtet, was die nächsten Monate kommt - Schmerzen. Halsschmerzen, Frostbeulen-Schmerzen, Steißschmerzen vom Sturz aufs Eis, Gänsefett-Verdauungs-Schmerzen und Fingerverbrennungs-Schmerzen, weil wir den Weihnachtsbaum immer noch nicht elektrifiziert haben.

Wir Männer von der Ausdauerbaustelle können mit diesem Emo-Schnickschnack wenig anfangen. Wir fürchten Schmerzen nicht; für uns sind Schmerzen ständige Begleiter.

Neulich nachts ging es wieder los. Es regte sich was. Nein, nicht das erotische Verlangen. Das haben sich Ausdauersportler in ultralangen Trainingseinheiten längst aberzogen.

Nein, es regte sich weiter unten, dieses elende Ziepen, das sich immer in die Wade schleicht, sobald es wärmer wird. Gegenmaßnahme: einfach an was anderes denken. Gar nicht so leicht morgens um zwei Uhr. Worüber grübeln? Über geschwänzte Laufeinheiten? Besser über ein Stück Käse. Oder Bier. Das Ziepen wird stärker.

Ein Machtspiel - ich gegen das Ziepen in meiner Wade. Es hält mich gefangen. Ich weiß genau: Ein paar Milliampere Muskelspannung mehr, und das Ziepen wird zum Killerkrampf. Und ich rolle wieder jaulend durchs Schlafzimmer. Jajaja, ich weiß: Magnesium. Habe ich längst genommen, großzügig überdosiert. Noch eine Portion, und ich verstaube innerlich. Ich trage genug Magnesiumpulver in mir, um Abdrücke meiner Eingeweide zu nehmen. Seit Jahren ärgere ich mich mit diesen elenden Krämpfen herum.

Vor zwei Jahren bin ich auf den letzten Metern des Triathlons verreckt und stand wohl eine halbe Stunde wie ein krummer Pfosten an der Strecke, zum Gaudium meiner geschätzten Sportsfreunde.

Meister Yoda, mein neuer Trainer, versteht wenigstens was vom komplexen Innenleben des Durchschnittsmuskels. Salz, sagt Yoda. Aha. Der Freizeitsportler als Frühstücksei. Ich hätte gern was Komplizierteres, wenn's geht. Yoda setzt sein Volkshochschulgesicht auf und erklärt: Es ist wie bei Jim Knopf und dem Magnetberg: Ohne das Salzkristall fehlt die Verbindung, und der Strom fällt aus.

Einziges Problem: Wie kriegt man größere Mengen Salz in den Körper? Ein halber Teelöffel muss es schon sein. Und dann, oh Wunder: Der Krampf verschwindet tatsächlich. Man muss offenbar einen Gegenreiz setzen, am besten einen Gegenwürgereiz. Denn die krampflösende Menge Salz entspricht etwa zwölf Tequila, was eine nette Therapie bedeutet, aber das Morgen-Training unmöglich macht.

36 Eier als Unterlage sind auch etwas viel. Gestern habe ich das Salz in ein Glas Orangensaft gekippt und in einem Schwung kehlab gestürzt. Ganz wichtig: nicht hinschmecken. Und hoffen, dass die Eisenpillen den Verdauungstrakt zuverlässig vernageln.

Dummerweise habe ich gestern Abend vergessen, mir die zusätzliche Ration Notsalz ans Bett zu stellen. Und jetzt bin ich gefangen. Bewege ich mich Richtung Küche, geht der Krampf unweigerlich los. Bleibe ich liegen, geht der Krampf auch los. Wecke ich Mona, geht der Krampf erst recht los. Vorsichtig lecke ich an meinem Unterarm. Schmeckt auch salzig. In zwei Stunden dürfte ich die therapeutisch notwendige Dosis aufgenommen haben. Am Ende geht es eben immer um Ausdauer.

Am 16. Oktober erscheint Hajo Schumachers neues Buch "Bewegt Euch! Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles", Ludwig Buchverlag, 19,99 Euro