Familie

Eine Brücke zwischen den Generationen

In Charlottenburg sind Kita und Pflegeheim für Senioren unter einem Dach vereint

Der kleine David freut sich immer, wenn wieder Donnerstag ist. Dann hofft der Vierjährige auf eine Spritztour durch das Pflegeheim. Als der russische Junge Elisabeth Beck (87) in ihrem Rollstuhl entdeckt, ruft er "Babuschka", so wie er seine eigene Oma nennt, und krabbelt auf ihren Schoß. "Komm, wir gehen spazieren", sagt Frau Beck, und schon geht es los. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Es ist eine ungewöhnliche Freundschaft und ein ungewöhnliches Konzept, das diese Freundschaft überhaupt erst möglich macht.

David besucht die Kita "Cheburaschka" an der Charlottenburger Gervinusstraße. "Cheburaschka" ist der Name eines Trickfilmwesens, das in Russland bei Kindern überaus beliebt ist. In demselben Gebäude befindet sich auch das Pflegeheim Birkholz. Beide haben an gleicher Stelle vor anderthalb Jahren eröffnet.

Das ist kein Zufall, sondern die Idee von Martin-Michael Birkholz, Geschäftsführer mehrerer Seniorenheime. "Er wollte eine Brücke zwischen den Generationen schlagen", sagt Gordon Urban, der im Haus Birkholz für die Koordination der Sozialarbeit und der ehrenamtlichen Aktivitäten zuständig ist. Und zu diesen Aktivitäten gehört es, dass die Kita-Kinder einmal in der Woche in den Gemeinschaftsraum des Seniorenheims kommen.

Gemeinsam basteln und singen

An diesem Donnerstagmorgen sitzen sieben der 127 Bewohner des Heims - Männer kommen nur selten - erwartungsvoll vor ihren Kaffeebechern. Auf dem Tisch vor ihnen liegen Bastelsachen und Kopien mit Liedtexten. Ein Strahlen geht über die runzligen Gesichter, als die Kinder in Zweiergruppen in den Raum kommen. Ein bisschen scheu sind sie zunächst. Doch das legt sich schnell. Die sieben Kinder suchen sich einen Platz zwischen den Frauen, und schon gibt Anke Pesch, die ehrenamtliche Leiterin der Begegnung zwischen Alt und Jung, den Einsatz für das erste Lied: "Backe, backe Kuchen". Keine der Damen muss sich dafür einen Liedzettel greifen - sie alle singen das Lied mit erstaunlicher Textsicherheit mit.

"Wir suchen bewusst Lieder, die die Senioren aus ihrer eigenen Kindheit kennen", sagt Anke Pesch, "die sind ihnen vertraut, und sie knüpfen gern an alte Erinnerungen an. Selbst die Heimbewohner, die an Demenz leiden, die vergessen, was für ein Wochentag heute ist - sie vergessen nicht die Liedtexte ihrer Kindheit, und sie vergessen auch nicht die Namen der Kinder", fügt Frau Pesch noch an.

Was Frau Eisermann gerade vergessen hat, als sie David links und Arian rechts über den Kopf streicht, ist ihr Alter. 60 sagt sie, nach kurzem Zögern. Das ist keine Koketterie, es ist die Erinnerung an die Zeit, als ihre eigenen Enkel so alt waren wie heute ihre beiden Lieblingsjungs aus der Kita. Es ist die Zeit, als Luise Eisermann noch nicht auf Hilfe angewiesen war. Tatsächlich ist Frau Eisermann aber 82 Jahre alt, und ihre Enkel sind längst erwachsen. Die Seniorin lacht, als Arian versucht, ihr auf die sorgfältig gelegten Haare einen Papierhut zu setzen. Und Arian scheint dabei auch seinen Spaß zu haben: "Langweilig finde ich das nicht hier bei meiner neuen Oma, das ist lustig."

Die wöchentlichen Treffen zwischen Heimbewohnern und Kitakindern bringen nicht nur Abwechselung für die Senioren: Für Svetlana Hindersmann, die Leiterin der deutsch-russischen Kita "Cheburaschka", sind sie auch eine wichtige Erfahrung für ihre Zöglinge. Die Kinder lernten den Umgang mit dem Älterwerden ganz selbstverständlich. Voller Poesie sagt die Erzieherin: "Es ist wie ein Ausflug in eine andere Welt, und diese Welt machen wir ein bisschen zu unserer." Die Kinder fragen nicht, wieso Oma Beck im Rollstuhl sitzt oder eine andere Frau ein bisschen mit dem Kopf wackelt. Sie akzeptieren die Heimbewohner so, wie sie sind, und sie unterhalten sich mit ihnen auf ihre eigene Weise. Viele Kinder sprechen wie David fast nur Russisch, die Heimbewohner aber nur Deutsch. Und trotzdem nickt Frau Eisermann, als David ihr etwas zu seinem Papierhut erklärt. Sie versteht ihren jungen Freund. "Auf diese Weise lernen die Kinder auch Flexibilität, sie müssen einen Weg finden, sich den alten Menschen zu vermitteln", sagt Svetlana Hindersmann. Und bei David beobachtet sie, wie leicht es ihm fällt, bei Frau Eisermann oder Frau Beck aus sich herauszukommen. In der Kita sei er anderen Kindern gegenüber meist schüchtern.

Kinder und alte, pflegebedürftige Menschen zusammenzubringen, ist eine Idee, die inzwischen in mehreren Projekten in Deutschland umgesetzt wird. Und sie erscheint fast wie eine Notwendigkeit, denn die Kluft zwischen den Generationen wird immer größer, nicht zuletzt, weil sich Alt und Jung auch in Familien immer weiter voneinander entfernen. Vor diesem Hintergrund wurde auch die Generationenbrücke Deutschland gegründet, eine Initiative, die sich für generationsübergreifende Projekte starkmacht. So hat die John F. Kennedy School in Zehlendorf als erste Berliner Schule eine Kooperation mit einem Seniorenheim beschlossen.

Im Rahmen des Religionsunterrichts besuchen die Schüler der vierten bis sechsten Klassen nun regelmäßig das Zehlendorfer Seniorenheim Arche. "Es geht dabei nicht um Liedchensingen, sondern die Kinder sollen mit den Senioren etwas gemeinsam tun", sagt Reinhard Roth, der deutsche Leiter der Grundschule. Diese gemeinsamen Aktivitäten könnten im musikalischen oder künstlerischen Bereich liegen, und geplant sei außerdem eine generationsübergreifende Bewegungswerkstatt. Die Initiative für das Kooperationsprojekt ging von den Religionslehrern der Schule aus, begleitet wird es außerdem von Sozialpädagogen. Die Termine im Seniorenheim sind zunächst für dieses Schuljahr fester Bestandteil des Stundenplans, aber Roth hofft, dass die Zusammenarbeit auch danach weiterläuft.

In der Kita Cheburashka ist die Begegnung mit den Senioren inzwischen zum Bestandteil des Kitakonzepts geworden. Die Leiterin Svetlana Hindersmann erzählt, dass manche Eltern ihre Kinder inzwischen gerade deshalb zu ihr in die Kita bringen. Den Austausch würde sie am liebsten noch weiter ausbauen. Sie könnte sich gemeinsame Termine bei der Physiotherapeutin vorstellen, und sie würde den festen Stamm der Senioren, die donnerstags dabei sind, gern auch mal in die Kitaräume einladen. Es sind vielleicht 50 Meter, die sie trennen, aber Frau Pesch schüttelt den Kopf. Nein, sie kennt ihre Gruppe, es fällt den alten Menschen schwer, die vertrauten Räume zu verlassen.

Schöner kann es kaum sein

Elisabeth Beck aber lässt sich fast nie die Treffen entgehen. Die 87-Jährige war früher selber einmal Kindergärtnerin. Etwas Schöneres, als mit David im Rollstuhl durch die Gänge des Heims zu kurven, kann sie sich heute nicht vorstellen.