Mitte

Altes Varieté wiederentdeckt

Fast acht Jahrzehnte verfiel ein früheres Theater mit Ballsaal in einem Hinterhof in Mitte. Jetzt erhält es eine neue Nutzung

Am Anfang der Geschichte stehen vorsichtige Schritte durch ein unvermutet offen stehendes Tor und einen düsteren Hof voller Gerümpel, bis vor das verlassene, völlig verwahrloste Hinterhaus. Am Arm eine missgelaunte Neunjährige, die sich eigentlich im Stadtbad Mitte gleich nebenan austoben möchte. Man könnte auch sagen, am Anfang stehen 80 Jahre Verfall und Vergessen, die die geheimnisvolle Aura des Hinterhofbaus doch nicht restlos aufzehrten. Oder, noch ein Vierteljahrhundert früher, Glanz und Glamour eines Varieté-Theaters, vergnügungshungrige Damen mit Bubikopf und Federboa sowie ihre Begleitung im Gehrock auf der Theaterempore, das Geräusch tanzender Schritte bei Bällen im Festsaal.

Vergnügungsstätte der 20er-Jahre

Nichts von all dem ahnte Dirk Moritz, als er an jenem kalten Novemberabend im Jahr 2008 auf dem Weg zum Schwimmen mit seiner Tochter, einer plötzlichen Eingebung folgend, durch den Torbogen der Gartenstraße 6 in Mitte schritt. Irgendetwas an diesem offensichtlich in Dornröschenschlaf gefallenen Gemäuer im Schatten eines typischen Jahrhundertwende-Wohnhauses aber habe ihn gleich gefangen genommen, sagt der Projektentwickler und Geschäftsführer der Moritz Gruppe. Eineinhalb Jahre durchforstete er Archive und Literatur, sprach mit Historikern und Museumsleuten. Erst eine Suchumfrage nach Hinweisen aus der Bevölkerung brachte die Geschichte der Immobilie ans Licht. Unter Tonnen von Müll und Schutt, wegen des zentimeterdicken Taubendrecks nur als Sondermüll zu entsorgen, brachten die Immobilienentwickler die Relikte einer typischen Vergnügungsstätte aus dem Berlin der 20er-Jahre zum Vorschein.

Vorbei am ehemaligen Empfangs- oder Verwaltungsbereich im Erdgeschoss und an geschnitzten Wandverkleidungen im Treppenhaus geht es in einen Festsaal im ersten Stock. Vergilbte Tapetenfetzen geben den Blick auf die Reste der Wandfresken frei, Stuckelemente säumen die Decke und die teilweise zugemauerten Fensterhöhlungen. Auch im Theatersaal darüber sind nur Teile der Schmuckelemente erhalten, die Bühne wurde zerstört, die Gewölbedecke ist eingestürzt. Die Empore dagegen blieb erhalten. Als "Fritz Schmidt's Restaurant und Festsäle" war das Etablissement von dem gleichnamigen Grundbesitzer 1905 eröffnet worden. Erbaut wurde das Haus von Oscar Garbe, der in Berlin unter anderem die Samariterkirche in Friedrichshain und zahlreiche weitere Gebäude errichtete. Auf dem Gelände nahe der Torstraße hatte zuvor die Maschinenfabrik von Carl Hoppe gestanden, die 1899 komplett abbrannte. 1911 übernahm Oscar Garbe selbst die Immobilie, der es Anfang der 20er-Jahre in tschechische Hand verkaufte. Dort blieb sie, seit 1934 wohl weitgehend aufgegeben und verlassen. Lediglich ein Schlosser ist belegt, der einige Räume in den 50er-Jahren zeitweise als Werkstatt nutzte.

Als Dirk Moritz das jahrzehntelang unentdeckte Kleinod aufspürte, war es längst wieder in seinen Tiefschlaf zurückgefallen. Selbst Vertreter der tschechischen Erbengemeinschaft, an die das in den 1980er-Jahren enteignete Gebäude nach der Wende rückübertragen worden war und von denen sich Moritz inzwischen die Zugriffsrechte sicherte, betraten 2010 erstmals mit dem Berliner Unternehmer ihr Haus. "Dass es so lange unbeachtet blieb, ist besonders bemerkenswert, weil in den 90er-Jahren im Sanierungsgebiet Rosenthaler Vorstadt jeder Hof unter die Lupe genommen wurde", sagt Lutz Mauersberger vom Berlin Mitte Archiv. "Hätte das Gebäude nur 100 Meter weiter jenseits der Grenze des Sanierungsgebietes gestanden, wäre es längst entdeckt worden."

Moritz allerdings freut sich über den unverhofften Schatz. Noch sind die Treppen marode, Geländer fehlen teilweise oder ganz, an den Decken sind rohe Stahlträger zu erkennen. Öffentlich zugänglich ist das ehemalige Varietégebäude dementsprechend nicht. Das aber soll sich ändern: Zum Jahresende sollen Bauarbeiter beginnen, Erhaltenswertes zu sichern und die drei großen Räume mit Hilfe moderner Gestaltungselemente für eine neue Nutzung herzurichten. Das gut elf Quadratmeter große Leinen-Wandgemälde, das eine Loge im Theatersaal schmückt, soll mit universitärer Hilfe saniert werden. Bis zu 1,8 Millionen Euro rechnet Moritz allein für die Sanierung. Für die Raumgestaltung auf 1200 Quadratmetern Nutzfläche will der Projektentwickler Anregungen internationaler Architekten einholen. Unter dem Namen "Secret Garden" könnte eine Mischnutzung aus Kultur und Wohnen entstehen.

Galerie und Wohnen

"Für ein Ballhaus oder Restaurant sehe ich im Hinterhof und mit direkter Nachbarschaft keine Chance auf Genehmigung", sagt Moritz, zu dessen bisherigen Projekten das Wohnensemble "Schokostücke" in Alt-Hohenschönhausen sowie das Umspannwerk in Prenzlauer Berg gehören. "Veranstaltungen aber würden wir gerne sehen." So seien wechselnde Nutzungen wie Ausstellungen verbunden mit temporärem Wohnen denkbar. Ein Pilotprojekt hat die Moritz Gruppe bereits gemeinsam mit der Galerie Neugerriemschneider gestartet. Noch bis zum 13. Oktober zeigt der britische Installationskünstler Mike Nelson sein Werk "Space to Saw" mit Konstruktionen aus Holz im unteren Geschoss sowie im Lichtschacht. Zu besichtigen ist die Ausstellung dienstags bis sonnabends 11 bis 18 Uhr. Theater- und Festsaal bleiben aber verschlossen.