Serie: Mein Projekt für Berlin

Der Vorleser

Der Ingenieur Martin Scharfe liebt Literatur. Er will mit dem Internet-Fernsehen "Volkslesen.tv" andere für Bücher begeistern

Die Idee ist so spontan wie folgerichtig. Im Jahr 2007 hat Martin Scharfe einen Assistentenjob an der Kunsthochschule in Zürich. Er soll ein Symposium organisieren zum Thema "Lebensräume sind Krisenräume". So richtig zufrieden ist der studierte Ingenieur gerade auch nicht mit seinem Leben. Es passt also. Um Kosten zu sparen, geht er immer zu Eva - einer guten Freundin, die ein Restaurant in Zürich betreibt - zum Essen. Als sie ihn bittet, eine Lesung in ihrem Lokal zu machen, "konnte ich nicht Nein sagen", erzählt der heute 43-Jährige. Der Abend wird ein Erfolg und ein Wendepunkt in seinem Leben.

Weil das Restaurant "Das weiße Schloss" heißt, wählt der junge Mann Franz Kafkas Roman "Das Schloss" aus. Ein Pianist begleitet die Lesung. Martin Scharfe hat das Gefühl, die Leute gut zu unterhalten. Ihr Spaß ist sein Spaß. Irgendwie, so bleibt an diesem Abend in seinem Kopf hängen, sollte es in dieser Richtung weitergehen. Vorlesen, andere für Bücher begeistern, dem Klang der Worte lauschen. Sein erster Gedanke ist, ein Video seiner Lesung auf YouTube einzustellen. Doch Kafka und YouTube - so richtig passt das in seinen Augen nicht.

Zurück in Berlin, erzählt er seinen Freunden bei einer Weihnachtsfeier in Prenzlauer Berg von seiner Idee. Er fragt sie, ob sie etwas vorlesen würden, vor laufender Kamera, nur zwei, drei Minuten aus einem Buch ihrer Wahl. Sie wollen und holen Lenin, das Alte Testament und Goethe aus dem Bücherschrank. Der erste Schritt ist gemacht. Die Idee des "Volkslesens" habe in diesem Moment Gestalt angenommen, sagt der gebürtige Dessauer.

Drei Monate bastelt Martin Scharfe an einer Website. 20 Lesungen hat er mit den Freunden aufgenommen. Die stellt er unter dem Namen "Volkslesen.tv" ins Netz. Es ist der Anfang einer Bibliothek und eines Panoptikums des lesenden Volkes - ein Internetfernsehen für Menschen, die Bücher lieben.

Mittlerweile stellen 800 Vorleser auf der Seite ihre Bücher vor. Da ist die Insolvenzsachbearbeiterin, die Vampirgeschichten ausgewählt hat, weil ihr Beruf so trocken und sachlich ist und sie deshalb etwas Fantasievolles in der Freizeit braucht. Ein Rechtsanwalt liest Captain-Blaubär-Geschichten und ein junges Mädchen aus den Briefen ihres Opas aus dem Krieg. Eine Hebamme begeistert sich für den "Herrn der Ringe", und ein Obdachloser trägt eine Reportage über sich selbst vor mit dem Titel "Lieber zu Grunde gehen, als zu Kreuze kriechen". Die vielleicht außergewöhnlichste Lektüre auf einem "Literaturportal" hat ein Betonfacharbeiter zu bieten: Er stellt ein Sachbuch vor und klärt darüber auf, was man alles mit Beton machen kann.

Astrid Lindgren ist die Favoritin

Die Favoriten-Liste auf dem Internetportal führt die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren an, gefolgt von Franz Kafka und Robert Walser. Im Falle von Robert Walser konnte selbst Martin Scharfe noch eine Neuentdeckung machen. Dessen Roman "Geschwister Tanner" gehöre gerade zu seinen Lieblingsbüchern, erzählt er. Aber auch Goethe und Fallada sind beliebte Autoren.

Nur etwa 20 Prozent der Leute wählen Werke aus dem Literaturkanon. Auch Bestseller kämen selten vor, sagt Martin Scharfe. Im Gegenteil: Das Spektrum sei so breit, dass sich aus der Summe der Vorleser ein Zeit- und Gesellschaftsbild ableiten ließe. Aus diesem Grund könnten die Beiträge auch als ein Spiegel unserer kulturellen Identität angesehen werden. Das Portal ist als Langzeitprojekt angelegt. In 30 Jahren soll es Aufschluss darüber geben, was die Leute interessiert hat, wie sie aussahen, was ihnen wichtig war.

Jeden Sonntag stellt Martin Scharfe, der immer noch im Prenzlauer Berg wohnt, wenn er nicht gerade für sein Projekt unterwegs ist, wieder vier neue Vorleser ins Netz. Dabei sucht er sich immer Menschen aus einer Berufsgruppe aus oder die abseits des Berufs etwas gemeinsam haben. Taxifahrer, Rhönradturnerinnen, Blinde und Hellseher, Politiker und Obdachlose, Molekulargenetiker und Lehrer sind bereits dabei. Wichtig ist ihm, die Menschen an den Orten lesen zu lassen, wo sie auch arbeiten oder sich aufhalten. Also einen Feuerwehrmann auf der Drehleiter oder einen Fußballer auf dem Sportplatz. Scharfe findet die Leute über Institute, Vereine oder Bundestagsbüros. "Es gibt überall Leser, die bereit sind vorzulesen", so seine Erfahrung. Eine weitere: "Der Bundestagsabgeordnete liest nicht unbedingt besser als der Obdachlose."

Als einen "Aufklärer" will sich Martin Scharfe nicht bezeichnen. Das wäre zu dick aufgetragen, gibt er sich bescheiden. Sein Ziel sei eine "Liebeserklärung an die Schriftstellerei" mit einem gewissen Nutzwert. Wer gerade nicht weiß, was er lesen soll, kann sich auf dem Portal inspirieren lassen. Hilfreich sei dabei, so Scharfe, wenn man sich zum Beispiel mit dem Vorleser identifizieren könne, ihn sympathisch finde. Das würde auch die Entscheidung für ein Buch beeinflussen.

Preisgekrönte Idee

Seine Idee ist mittlerweile nicht nur preisgekrönt. So wurde er zum Beispiel mit dem Alternativen Medienpreis und als Ort im Land der Ideen ausgezeichnet sowie für den bekannten Grimme-Preis nominiert. Die Idee hat auch Martin Scharfe auf den richtigen Weg gebracht. Er hat zwei Jahre Schiffbau in Rostock studiert, danach Verkehrsplanung an der Technischen Universität in Berlin. Drei Jahre lang arbeitet er in einem Ingenieurbüro in Berlin, als ihm eines Tages in der Firma eine Frau am Fahrstuhl sagt: "Sie sehen aber schlecht aus." Er hat gut geschlafen, nicht gefeiert und sieht keinen Grund dafür, einen schlechten Eindruck zu machen. Da weiß er, dass er etwas in seinem Leben ändern muss. "Glücklich sehen nur die Menschen aus, die das Richtige für sich gefunden haben", sagt der 43-Jährige.

Seit 2008 stellt er die Beiträge ins Netz. Nach drei Jahren in Berlin hat er jetzt seinen Aktionsradius erweitert. Gerade ist er wieder in der Schweiz und sucht dort Vorleser. Sein Projekt ist mittlerweile so bekannt, dass er in anderen Städten mit offenen Armen empfangen wird und sie auch bereit sind, es aus dem Etat der Kulturförderung zu unterstützen.

Daran sieht Martin Scharfe, dass der Weg richtig ist. Er habe jetzt endlich etwas gefunden, was ihn zufrieden mache, sagt er. Und er sei nicht mehr so kulturpessimistisch. Er habe schon befürchtet, dass das Lesen aussterbe oder nur noch in heimlichen Zirkeln stattfinde. Jetzt weiß er: "Egal, wo man hinkommt, es gibt immer Leute, die etwas Schönes zu lesen haben." Er streicht seine Haare nach hinten und wirkt sehr zufrieden.