Herzzentrum

Heilung von oben in Weiß und Blau

Ein innovatives Beleuchtungskonzept soll die Genesung nach Herztransplantationen deutlich verbessern

Wenn Thomas Höhn Besucher durch den Nordwestflügel des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) führt, ist dem Verwaltungsdirektor ein gewisser Stolz anzumerken. Fortschrittlichste Medizintechnik, frisch gestrichene Wände, freundliche lichte Einzelzimmer. Was die 750 Quadratmeter große Etage in der chirurgischen Klinik der Charité außerdem zur "modernsten Transplantationsstation in Deutschland nach derzeitigem Stand" (Höhn) macht, ist auf den ersten Blick aber gar nicht zu erkennen: Mit neuartigem Beleuchtungskonzept holt das Herzzentrum den natürlichen Rhythmus der Sonne in die Krankenzimmer und ans Patientenbett - und will so den Heilungsprozess erleichtern und beschleunigen.

Zehn Monate lang wurde die Station H3 auf dem Campus Virchow-Klinikum in Wedding zuvor saniert und umgebaut. 1988 war der Spezialbereich eingerichtet worden. Fast ein Vierteljahrhundert und rund 2300 Transplantationen später sei ein Umbau auch aus Sicht der Patientenfreundlichkeit notwendig geworden, sagt der ärztliche Direktor des Herzzentrums, Professor Roland Hetzer. Zwischen drei Wochen und mehreren Monaten liegen die Patienten nach dem Eingriff in den durchgehend ausgelasteten zwölf Krankenzimmern. "Tatsächlich ist die Station für viele zu einer Art Zuhause geworden", sagt Hetzer. Regelmäßig kommen die Transplantierten zu Nachsorge und Kontrolle. Auch bei neu aufgetretenen Erkrankungen, die mit der Herz- oder Lungentransplantation nicht in Zusammenhang stehen, suchen die Betroffenen noch Jahrzehnte später das DHZB auf, "weil wir wissen, was ihre speziellen Bedürfnisse sind", so Hetzer.

Morgengrauen und Abendlicht

Monika Hoffmann war noch Schülerin, als sie zum ersten Mal das Herzzentrum betrat. Eine Herzklappe musste 1998 durch ein menschliches Organ ersetzt werden, 2003 folgte die Implantation einer Prothese. Schon 2008 war ihre körperliche Belastbarkeit erneut so niedrig, dass sie provisorisch ein Kunstherz erhielt, ehe vor zwei Jahren ein Spenderherz transplantiert wurde. Als die 33-Jährige jetzt für eine nachsorgende Biopsie wieder ein Zimmer auf der Transplantationsstation bezog, gehörte sie zu den Ersten, die die Ergebnisse des Umbaus genießen durften. Hell fällt das Licht durch die vergrößerten Fenster. Dazu kommt künstliches Licht aus einem in die Decke eingelassenen Modul über ihrem Bett.

Automatisch schaltet sich die Anlage gegen sechs Uhr früh ein. Entsprechend dem Morgengrauen wird zunächst ein dezentes, kühleres Leuchten erzeugt, das sich langsam intensiviert und so das Aufwachen begleitet. Bis zum Mittag ist die höchste Lichtstärke erreicht, die Helligkeit stimuliert die Aktivität. "Ab 800 Lux wird Licht biologisch wirksam, wir gehen hier bis 1000 Lux", sagt Günter Hohensee von der Firma Philips, die die Technik installierte. Im Laufe des Nachmittags verringert sich die Leuchtintensität wieder, dafür wird das Licht wärmer, wie es auch der Sonnenstrahlung entspricht. Unterstützt wird diese Simulation des Sonnenlaufs durch ein farbiges Lichtelement gegenüber dem Bett. Per Fernsteuerung können die Patienten zwischen blauem oder gelborangem Licht sowie Zwischentönen wählen und so zum Beispiel künstliche Sonnenuntergangsstimmung produzieren. Sehr angenehm sei das gewesen, findet Monika Hoffmann. "Ich habe alle Farben durchprobiert und fand sie alle gut", sagt sie.

Blau hatte es der Zehlendorferin besonders angetan, eine Reminiszenz an den Himmel draußen. "Im Vergleich zu früher wirkt das Zimmer ganz anders, man fühlt sich nicht mehr so eingesperrt", lobt die junge Frau. Was Patienten als rein atmosphärisches Detail erscheinen mag, davon versprechen sich die Ärzte tatsächlich einen die Heilung unterstützenden Einfluss. "Wir wissen, welche Wirkung die Manipulation der Umgebung auf den Menschen hat. Licht ist da sehr wichtig, vor allem für Schwerkranke oder Frischoperierte", sagt Hetzer. Sowohl Lichtintensität als auch Lichtfarbe beeinflussen die innere Uhr. Die Produktion von Hormonen wie Melatonin oder Cortisol, verantwortlich für Entspannung beziehungsweise Aktivierung des Organismus, hängt unter anderem von diesen Faktoren ab. Eine kürzere Einschlafzeit, längere Schlafdauer und weniger Anzeichen von Depressionen zeigten Patienten im Rahmen einer Feldstudie. An 200 Kranken hatte das Maastricht University Medical Center das sogenannte HealWell-Beleuchtungskonzept getestet. Dabei wurde auch festgestellt, dass gerade weibliche Patienten empfänglich für den Einfluss der Lichtfarbe sind. "Frauen finden gelboranges Licht zusätzlich zum Weißlicht entspannend", sagt Günter Hohensee.

Pilotanlage in Wedding

Im DHZB wurde die innovative Beleuchtungstechnik nun zum ersten Mal installiert. "Im November wurde das Konzept auf der Messe vorgestellt, und wir haben mitten im Umbau die Lichtplanung umgeschmissen", sagt DHZB-Fachbereichsleiter Bau und Technik Christian Ozminski. In einem Musterzimmer habe er das System selbst getestet: "Sehr angenehm", so Ozminskis Fazit. 150.000 Euro zusätzlich ließ sich die Charité die Neuerung kosten. Dafür wurden auch Arzt- und Schwesternzimmer sowie die Flure auf der Transplantationsstation eingebunden.

Insgesamt investierte die Universitätsklinik 5,6 Millionen Euro in die Umbaumaßnahme. Modernisiert wurden auch die Warmwasserversorgung und deren Hygienestandard. 1500 Meter Edelstahlrohr für Trinkwasser wurden verlegt. Klimatechnik für jedes Zimmer, drucktechnisch isoliert vom Flur, sorgt dafür, dass Patienten individuell ihre Raumtemperatur wählen können. "Sämtliche Mittel für den Umbau haben wir selbst erwirtschaftet", sagt Verwaltungsdirektor Höhn. Durch den Verzicht auf Fördermittel sei auch das Land entlastet worden.