Nachfolge

Eine Lobbyistin für Berlin

Cornelia Yzer übernimmt das Amt der Wirtschaftssenatorin

Ihr Profil beim Online-Berufsnetzwerk Xing klingt wie eigens getextet für eine Bewerbung als Chefin der Berliner Wirtschaftsverwaltung. "Ich biete ausgewiesene Führungskraft mit langjähriger Erfahrung in der Leitung eines Wirtschaftsverbandes, in der Bundesregierung und in Industrieunternehmen", schreibt Cornelia Yzer in ihrem Profil. Hinzu komme langjährige Erfahrung als Mitglied in Beiräten und Aufsichtsräten. Auch sei sie eine "erfahrene Mittlerin" zwischen Industrie und Politik.

CDU-Mitglied seit Jugendjahren, Rechtsanwältin, ehemalige Bundestagsabgeordnete, ehemalige parlamentarische Staatssekretärin unter der damaligen Familienministerin Angela Merkel im Kabinett Kohl, ehemalige Pharmalobbyistin als Geschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller - Cornelia Yzers Biografie ist merklich umfangreicher als die ihrer Vorgänger in den vergangenen Jahren. Als sie sich am Mittwochvormittag um 11:32 Uhr im nüchternen Konferenzraum der CDU-Geschäftsstelle am Wittenbergplatz das erste Mal als designierte Wirtschaftssenatorin der Öffentlichkeit zeigt, fängt sie aber erst einmal bei den Basisdaten an: "Cornelia Yzer, 51 Jahre alt, zu Hause in Berlin seit dem Jahr 2000."

Ganz kurzfristig war zu der Pressekonferenz Mittwochfrüh eingeladen worden. Am Abend zuvor war ebenso kurzfristig eine Einladung an das CDU-Präsidium zu einer außerordentlichen Sitzung erfolgt. Ab zehn Uhr saßen die Präsidiumsmitglieder beisammen, um Cornelia Yzer kennen zu lernen. Die wenigsten von ihnen waren zuvor eingeweiht gewesen, mit wem Landeschef Frank Henkel in den Tagen zuvor Gespräche über die Übernahme der Berliner Wirtschaftsverwaltung geführt hatte.

Er habe nach einer "kompetenten und erfahrenen Persönlichkeit gesucht", die sich in Politik wie auch in Wirtschaft auskenne "und diesem für die Hauptstadt so wichtigen Amt gewachsen" sei, sagt Henkel am Mittwochvormittag , als er am Tag nach der Entlassung der parteilosen Sybille von Obernitz aus dem Amt der Wirtschaftssenatorin ihre Nachfolgerin präsentiert. Eine Frau habe es möglichst auch sein sollen, sagt Henkel weiter, außerdem habe er die Nachfolge möglichst zügig regeln wollen. Henkel ist sichtlich zufrieden, als er feststellt: "Frau Yzer erfüllt genau das Anforderungsprofil, auf das ich mich festgelegt hatte."

Sie wolle Berlins Wirtschaftsenatorin sein, weil die Hauptstadt ein Standort mit Potenzial sei, sagt Yzer. Sie kann diesen Klischeesatz dann aber einige Minuten lang auch mit Inhalt füllen. Sie sehe die Stärke Berlins vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationswirtschaft, weil die Stadt eine Starke Gründerszene habe. Beim vielbeschworenen "Schaufenster Elektromobilität" dürfe es nicht bleiben, "statt vor der Scheibe des Schaufensters zu stehen, muss diese Industrie greifbar werden". Den Masterplan Industrie wolle sie als erstes prüfen und schauen, was nur Plan und was schon in der Umsetzung sei. "Ein hinterer Platz im Wirtschaftsranking ist für Berlin unangemessen."

Besonders betont Yzer dabei, dass sie einen Dialog mit allen Beteiligten führen möchte. Sie weiß genau, dass ihrer Vorgängerin ein Mangel daran zum Vorwurf gemacht wurde. Eine Senatorin könne nicht allein Entscheidungen fällen, die Arbeitsplätze und Investitionen in die Stadt brächten, sagt Yzer nun, dafür brauche es viel Kommunikation. Auch mit den Mitarbeitern der Senatsverwaltung wolle sie intensiv das Gespräch suchen. "Eines habe ich gelernt in meiner Zeit im Ministerium: In der Verwaltung steckt viel Know-how."

Auch die Gesundheitswirtschaft zählt Yzer zu den Feldern, auf denen sie Berlins Potenzial sieht. "Dieser Bereich war mir über viele Jahre sehr nahe." Besonders will sie sich nun dafür einsetzen, dass das vom Bund finanzierte Max-Delbrück-Centrum (MDC), dessen Kuratoriumsvorsitzende sie war, mit der Berliner Charité zusammengehe. Auch Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sagte am Mittwoch, Yzer bringe die richtige Erfahrung und bundespolitische Kontakte mit, damit die Medizinwirtschaft und insbesondere die Vernetzung von MDC und Charité "politischen Rückenwind" bekomme.

Aber natürlich ist die Gesundheitswirtschaft Yzer nicht nur nahe, weil sie in einem entsprechenden Kuratorium gesessen hat. 15 Jahre lang war Yzer die Chefin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller. Schon einmal nach ihrem Jurastudium in Bochum und Münster hatte Yzer für die Pharmaindustrie gearbeitet, Anfang der 90er-Jahre bei der Bayer AG in Leverkusen. Dann wechselte sie in die Politik. Von 1990 bis 1998 ist sie Mitglied im Bundestag, erst als Abgeordnete, dann wird sie Parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für Frauen und Jugend. Die damalige Ministerin hieß Angela Merkel. Ab 1994 macht sie den gleichen Job unter Bildungsminister Jürgen Rüttgers. Dann wechselt sie 1997 überraschend die Seiten.

Kaum war am Mittwochmorgen bekannt geworden, dass Yzer das Ressort in Berlin übernimmt, machte es in den sozialen Medien im Internet schnell die Runde, dass die neue Senatorin lange Jahre Lobbyistin der Pharmaindustrie mit einem knallharten Ruf gewesen ist - bis 2011 ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin offenbar ebenso überraschend endete wie sie angefangen hatte. Angeblich war die Branche unzufrieden, weil Yzer bestimmte Arzneigesetze nicht hatte verhindern können - eine Vermutung, die Yzer als "abwegig" bezeichnet. Sie habe die Position freiwillig aufgegeben und seither als Rechtsanwältin gearbeitet.

"Natürlich war ich auch Lobbyistin", sagt Yzer am Mittwoch auf die Frage, ob ihr erneuter Wechsel in die Politik nach Jahren der Tätigkeit für den Arzneimittelhersteller-Verband zum Problem werden könnte. Seitenwechsel würden in Deutschland immer kritisch gesehen, dabei könne man davon doch profitieren. Sie stehe immer absolut loyal zu ihrer jeweiligen Aufgabe und werde nun als Senatorin wiederum Lobbyisten begegnen. Aber eine "klare und transparente Interessenvertretung" halte sie für "absolut zulässig". Sie wolle sich mit "Engagement und Redlichkeit" jeden Tag neu beweisen und so ihren Kritikern begegnen, sagt Yzer.

"Für mich ist das überhaupt nicht problematisch", sagt Henkel und lobt erneut Yzers viele Erfahrungen mit Politik und Wirtschaft. "Ich bin froh, eine Lobbyistin für Berlin gefunden zu haben."

Auch von der Wirtschaft kam am Mittwoch Lob. Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck, bezeichnete die Personalentscheidung als "gute Wahl". Und der Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Eric Schweitzer, ergänzte: "Wir freuen uns sehr, mit Frau Yzer als neuer Wirtschaftssenatorin zusammenzuarbeiten." Vereidigt werden soll die alleinerziehende Mutter, die gern in Ausstellungen geht, aber "ansonsten langweilig" sei, weil sie immer viel gearbeitet habe, in der Parlamentssitzung in vierzehn Tagen.

Zuvor will Cornelia Yzer noch einige berufliche Dinge regeln, und die CDU will ihre Personalentscheidung auf einem kleinen Landesparteitag "auf breite Schultern" stellen, wie Frank Henkel sagt. Außerdem will Yzer noch Mitglied der Berliner CDU werden. Bisher habe sie immer ihrem sauerländischen Heimatverband die Treue gehalten. Nun wolle sie in Berlin eine neue politische Heimat finden.