Interview mit Stefan Barthel

"Vorsicht vor einfachen Rezepten"

Der Sektenbeauftragte des Senats warnt vor dubiosen Gruppierungen

Bundesweit finden Kleingurus und Psychogruppen immer mehr Anhänger. Über die Gründe dafür sprach Helga Labenski mit Stefan Barthel von der Sektenleitstelle des Berliner Senats.

Berliner Morgenpost

Selbsthilfevereine und Kirchen warnen davor, dass bundesweit kleine Sekten und Splittergruppen Zulauf haben. Gilt das auch für Berlin?

Stefan Barthel

Ja, das beobachten wir hier auch. Es ist ein Phänomen der letzten vier, fünf Jahre, dass sich besonders der Lebenshilfemarkt stark zersplittert.

Was sind das für Gruppen?

Es gibt hier sehr viele Kleingruppen aus dem Bereich Esoterik und des alternativen Gesundheitswesens, bei denen die Grenze zum Fanatismus fließend überschritten wird. Aber auch Evangelikale, die durch fundamentalistische Ideen auffallen und Gruppen, die mit religiösen Versatzstücken arbeiten. Ihre Führer arbeiten oft im eher privaten Rahmen, scharen 20 bis 50 Personen um sich.

Bedeutet das, dass die großen Organisationen jetzt schwerer Anhänger finden?

Die großen Sekten wie zum Beispiel Bhagwan verlieren an Bedeutung. Scientology hat nach Angaben des Verfassungsschutzes die Zahl seiner Mitarbeiter in der Zentrale an der Otto-Suhr-Allee fast halbiert. Dort arbeiten jetzt nur noch 100 Leute. Es liegt auch daran, dass es eine Tendenz in der Gesellschaft gibt, weg von großen Organisationen hin zu Gruppen im kleinen persönlichen Rahmen.

Wissen Sie, wie viele solcher Kleingruppen aktiv sind?

Dafür ist zu viel Bewegung im Markt. Gruppen kommen hinzu, andere lösen sich auf. Vielleicht nur so viel: Im vergangenen Jahr erreichten uns 800 Beratungsanfragen zu 256 verschiedenen Anbietern.

Können Sie Beispiele für solche neuen Gruppen nennen?

Nein, solange sie strafrechtlich nicht in Erscheinung treten, kann ich sie namentlich nicht nennen.

Worin sehen Sie die Gefahren?

Von den Anführern solcher Kleingruppen geht nach wie vor eine große Aggressivität aus. Sie bringen andere in seelische Abhängigkeiten und nutzen sie nicht selten auch finanziell aus. Oft brechen ihre Anhänger dann die sozialen Kontakte zu ihrem gewohnten Umfeld ab.

Woran erkennt man Scharlatane?

Wir haben Leitfäden entwickelt, die auch auf der Internetseite der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft nachzulesen sind. Zum Beispiel ist Vorsicht geboten, wenn für Probleme besonders einfache Rezepte angeboten werden. Wunderheiler zum Beispiel, die schulmedizinische Behandlungen verbieten, überhaupt Anbieter, die sich im Besitz der einzigen Wahrheit sehen, sollten skeptisch machen. Ein typischer Fall war vor einigen Jahren der Hermsdorfer Psychotherapeut, der bei einer so genannten Seelenreinigung mehrere Patienten mit einem Drogencocktail vergiftet hat.

Wer fällt auf solche Leute herein?

Solche Gruppen stillen eine Grundsehnsucht nach Gewissheit und Gemeinschaft in der Bevölkerung. Besonders in persönlichen Krisen wie Krankheit oder Trennung suchen Menschen Rückhalt. Es sind oft Leute, die nicht so kritisch sind und ein bisschen autoritätsgläubig. Dazu kommt eine große Portion Naivität.

Was tun sie, damit solche Sekten und Scharlatane keinen weiteren Zulauf haben?

Wir setzen vor allem auf Aufklärung. Wir gehen an die Schulen, halten Vorträge, verteilen Broschüren, Checklisten und Flyer, verschicken regelmäßig Newsletter. Im Verbund Berlin gegen Sekten sind die Bezirke und Senatsverwaltungen vertreten und sichern einen guten Informationsfluss. In den Schulen informieren übrigens auch die Ethiklehrer über die Gefahren durch religiöse Eiferer.