Interview mit Jürgen Schupp

"Ich habe keinen Anlass zu Pessimismus"

DIW-Experte und Soziologe Schupp über die Glücksstudie und die Berliner

Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist Soziologe und Experte für Umfrageforschung. Er weiß, was die Menschen in Berlin glücklich macht. Mit ihm sprach Katja Heise.

Berliner Morgenpost:

Ist der Rentner in Zehlendorf mit dem Hipster in Friedrichshain überhaupt vergleichbar? Wie sinnvoll ist so ein Ranking im stark von verschiedenen Menschen durchmischten Berlin?

Jürgen Schupp:

Solche Ranking-Hitlisten alleine stellen in der Tat nur einen saldierenden Bruchteil einer Vielzahl unterschiedlicher Bewertungen dar. Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben - wichtiger als der Mittelwert ist es, mehr über die Verteilung in der Bevölkerung zu wissen. Also, ob die Zufriedenheit der Rentner gestiegen ist und die Jugendlichen immer unzufriedener werden. Der Mittelwert sehr heterogener Regionen ist deshalb in der Tat wenig aussagekräftig.

Der typische Berliner ist häufig unzufrieden. Ist schlechte Laune vielleicht auch eine Sache der Gewohnheit oder eine Frage der Mentalität?

Sie spielen auf die unterschiedlichen Persönlichkeitseigenschaften und Charaktere von Menschen an. Diese spielen in der Tat eine wichtige Rolle. Aber wichtiger sind die Freizeitaktivitäten von Menschen - der Griesgram in seiner Laube beim Skatspiel mit Freunden kann ein sehr glücklicher und zufriedener Mensch sein.

Als großes Berliner Problem nennen die Hauptstädter das schlechte Haushaltseinkommen - macht Geld also doch glücklich?

Es gibt diesen positiven Zusammenhang - aber erst große individuelle Einkommenssprünge vermögen das subjektive Glücksgefühl auch nachhaltig zu steigern. Umgekehrt zeigen wissenschaftliche Analysen unserer repräsentativen Langzeitstudie am DIW Berlin, dass es in der Regel nicht das fehlende Einkommen, sondern der fehlende Arbeitsplatz ist, der Menschen weniger glücklich werden lässt.

Die Berliner interessieren sich stark für Politik, vertrauen ihren Mitmenschen aber unterdurchschnittlich - was ist da los?

Berlin ist Hauptstadt - würden sich die Berlinerinnen und Berliner nicht für Politik interessieren, sollte man ins Grübeln kommen. Bei der Frage zum Vertrauen hängt es stark davon ab, wem man Vertrauen schenken soll. Denken Sie an die Bankenkrise - zu viel Vertrauen kann bisweilen auch in eine Krise führen.

Wagen Sie doch bitte eine Prognose: Werden die Berliner noch einmal richtig glücklich?

Da habe ich keinen Anlass zu Pessimismus. Zwar ist der Individualismus in Berlin vielleicht ausgeprägter als in traditionellen ländlichen Regionen, aber in der Regel treffen wir in Berlin auch auf eine außergewöhnlich hohe Toleranz. Dass nämlich jeder nach seiner Facon selig werden möge.

Sie leben in Berlin - sind Sie glücklich?

Ja, ich zähle mich derzeit zu der Gruppe der glücklicheren Menschen. Glücklich machen mich das grüne und seenreiche Umland von Berlin und das Superangebot an Kultur und Freizeitaktivitäten in der Stadt, was ich alles zusammen mit meinem Freunden und dem Familienkreis teilen kann.