Museen

Kunst durch Kinderaugen

Spezielle Führungen der Staatlichen Museen begeistern auch ganz junge Besucher für Gemälde und Installationen

Die Besucher halten sich nicht lange auf vor dem schwarzen Pferd mit grauem Reiter. Das düstere Bild "Invocazione" von Marino Marini zieht kaum Blicke auf sich. Umso erstaunlicher ist es, dass die fünfjährige Sarah fasziniert davor sitzt und überlegt, wieso der Reiter falsch herum auf dem Pferderücken sitzt. Dass das Mädchen gerade an diesem Bild in der Neuen Nationalgalerie hängengeblieben ist, überrascht ihre Mutter allerdings nicht: "Sarah liebt Pferde" und sie habe auch keine Berührungsängste vor moderner Kunst. Das Lieblingsbuch der Kleinen heißt "Babar entdeckt die Kunst" - da erscheint der Elefant Babar mal als Mona Lisa, mal im Munchschen Schrei verzerrt. Längst hat die Fünfjährige gelernt, dass Kunst die Wirklichkeit nicht eins zu eins abbilden muss.

Marinis Reiter gehört zur Sammlung "Der geteilte Himmel" mit Werken von 1945 bis 1968. Keine leichte Kost für Kinder, sollte man meinen, aber Sarah, Victor, Johannes, Carlotta und Rahel, die an diesem Sonntagmorgen durch die Sammlung laufen, entdecken an jeder Ecke etwas. "Es ist ein Vorurteil, dass Museen eine für Kinder fremde Welt sind", sagt Ines Bellin, Museumspädagogin bei den Staatlichen Museen zu Berlin. Kinder würden oft unterschätzt. Ines Bellin ist immer wieder überrascht, mit welcher Fantasie und mit wie viel Durchhaltevermögen die Kinder auf die Werke zugehen. Die Führungen, die sie für Grundschüler in der Gemäldegalerie anbietet, dauern etwa anderthalb Stunden. Lehrer seien da oft skeptisch, ob die Kinder so lange mitmachen. "Aber das tun sie", sagt Ines Bellin.

Sinnliche Eindrücke

Natürlich kommt es darauf an, wie man Führungen für Kinder gestaltet, betont die Pädagogin, die schon seit 24 Jahren bei den Staatlichen Museen arbeitet. Kinder müssten mit Kunst sinnliche Erfahrungen verbinden. Zum Beispiel hat Ines Bellin zu einem Gemälde, auf dem eine Marktfrau Waren feilbietet, Geschmacksproben gegeben. Danach sollten sie überlegen, wie die von der Marktfrau angebotenen Gewürze und Gemüse schmecken würden. Ein anderes Mal hat Ines Bellin einen Geräuschemacher eingeladen, der Landschaftsbilder mit Blitz, Donner und Gemuhe tonmalerisch umgesetzt hat. Als sogar am Schluss noch ein Schuss knallte, habe das auch die Aufmerksamkeit anderer, erwachsener, Besucher geweckt. "Ich habe nur einmal erlebt, dass sich ein Besucher beschwert hat, weil es ihm zu laut war", erzählt die Museumspädagogin. Dass man sich durch ein Kunstmuseum nur leise und langsam bewegen kann, das sei eben auch so ein Klischee.

Auch die Mutter von Johannes (8) und Victor (5) hat schon oft erlebt, dass die Kinder im Museum ein ganz eigenes Tempo haben. "Kinder können lange vor einem Bild oder einer Skulptur stehenbleiben, die man selbst vielleicht uninteressant findet, und dann laufen sie im Galopp an berühmten Kunstwerken einfach vorbei." Aber sie sieht das mit Gelassenheit: "Es nützt nichts, hier Erwachsenenmaßstäbe anzulegen, dafür entdecken die Kinder ja auch ganz andere Dinge als wir." Johannes ist gerade vor einem Bild stehengeblieben: schwarze Fläche auf rotem Grund. "Ganz klar", sagt der Achtjährige, "das ist ein Falke oder ein anderer Raubvogel, der gleich verbrennt."

Johannes hat auch schon einen klaren Begriff von Kunst: "Das sind Bilder, wo was drauf ist." Wenn ein Mensch nur aus Dreiecken bestehe, gefällt ihm das aber nicht, "das ist dann nicht echt", erklärt er. Für Carlotta (10) ist das größte Kunstwerk die "Mona Lisa" - nicht weil sie so berühmt ist, sondern weil sie den Betrachter anlächelt, "egal von wo man auf das Bild schaut, das finde ich cool". Für die zehnjährige Rahel beginnt Kunst mit der klassischen Frage, was der Künstler der Welt wohl sagen will. Sie steht gerade vor Lee Lozanos "Split", einer goldenen Fläche in drei Teilen. Für Rahel ein Sinnbild für die Spaltung der Welt.

Am liebsten würde sie das Bild anfassen, damit sie sieht, wie sich die verschiedenen Strukturen auf dem Bild anfühlen, "aber das darf man natürlich nicht". Schon die kleinen Kinder hätten viel Verständnis dafür, dass man die Skulpturen und Bilder nicht berühren darf, hat Ines Bellin beobachtet: "Sie wissen, dass die Werke eine Kostbarkeit sind." Sie würden nicht häufiger einen Alarm auslösen als die Erwachsenen.

Sie rät Eltern, ihre Kinder ruhig früh ins Museum mitzunehmen, um ihr Interesse zu wecken. Eigentlich sei dabei auch jede Ausstellung geeignet, solange man altersentsprechend die Dinge erklärt. Viel schwieriger ist es hingegen, Jugendliche für Kunst zu begeistern. "In der Pubertät sind andere Themen wichtig", erklärt Ines Bellin, und außerdem sei der Druck in der Schule zu groß. Auch die Eltern würden oft nicht akzeptieren, wenn ein Lehrer für einen Tag mit seinen Schülern ins Museum geht, statt mit ihnen Latein und Mathematik zu pauken. Um Jugendliche trotzdem ins Museum zu holen, hat zum Beispiel der Hamburger Bahnhof in diesem Jahr einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Unter dem Motto "Wünsch dir was" konnten Jugendliche Aktionen im Museum entwickeln. Das Siegerprojekt wird im September vorgestellt.

Abschreckende Kenner

Und noch etwas sei wichtig, damit Kinder und Jugendliche gern ins Museum gehen, erklärt die Mutter von Johannes und Victor: "Kunstbesucher sind oft viel zu abgehoben, das ist abschreckend." Sie erinnert sich daran, wie sie selbst als Jugendliche eine Ausstellung zum "Blauen Reiter" besucht hat. Vor einem Bild mit blauem Pferd von Franz Marc standen zwei Frauen. Und dann habe die eine mit bedeutungsschwerer Stimme zur anderen gesagt: "Das Blau ist das Gelb", erzählt sie. "So etwas ist doch absurd."