Bandidos

Von Kamerad zu Kronzeuge

Heute beginnt der Prozess gegen vier Bandidos. Erstmals will einer der Angeklagten gegen die anderen Rocker aussagen

Bei der Bekämpfung der Rockerkriminalität in Berlin stehen Polizei und Justiz vor einem entscheidenden Durchbruch. Am heutigen Dienstag beginnt am Landgericht Moabit der Prozess gegen vier Mitglieder der Rockergruppe Bandidos. Erstmals kann die Berliner Staatsanwaltschaft dabei einen Kronzeugen aufbieten, der mit auf der Anklagebank sitzt. Es ist ein ehemaliger Bandido, der umfassend gegen seine alten Freunde und "Brüder" aussagen will - ein Novum, von dem sich die Berliner Ermittler im Bereich Organisierte Kriminalität (OK) weitere Erfolge und ein Signal an andere Mitglieder der Rockerszene versprechen.

Die Ausgangslage in dem mit Spannung erwarteten Prozess ist brisant. Schauplatz ist der Hochsicherheitssaal 700. Ausgestattet mit schusssicherem Glas, Sicherheitsschleusen und separaten, gesondert kontrollierten Eingängen. Hier werden Roman L. (24), Florian F. (30), Konstantin S. (25) und Benno Sch. (22) auf der Anklagebank sitzen. Die Männer sind Mitglieder eines Unterstützerklubs der Bandidos. Auch der Kronzeuge gehörte der Gruppe an, bevor er die Seiten wechselte.

Wer von den vier Angeklagten der Kronzeuge ist, wird von der Staatsanwaltschaft geheim gehalten. Auch die alten Kameraden des Aussteigers wissen es möglicherweise noch nicht. Die Angeklagten haben sich - gezwungenermaßen - lange nicht gesehen. Sie sitzen, streng voneinander getrennt, in Untersuchungshaft. Auch über die Schutzmaßnahmen für den Aussteiger schweigt die Staatsanwaltschaft - aus nachvollziehbaren Gründen. Dass der Kronzeuge mit allen verfügbaren Mitteln vor Racheakten geschützt wird, gilt als sicher. Der Kronzeuge hat ein Gesetz der Rocker gebrochen: In der Szene gilt es als "todeswürdiges" Vergehen, seine Kameraden zu verraten - und dieser Begriff wird unter Rockern durchaus wörtlich genommen.

Fast alles hängt vom Aussteiger ab

Unabhängig davon, dass der Mann möglicherweise in Lebensgefahr schwebt, haben die Behörden noch einen weiteren Grund, für seine Sicherheit zu sorgen. Der Aussteiger ist für die Ermittlungen überaus wertvoll. Zwei Prozesse sind in dem Verfahrenskomplex gegen die vier Angeklagten geplant. Neben dem am Dienstag beginnenden Prozess steht noch eine weitere Hauptverhandlung, die Ende Oktober beginnen soll. "In beiden Verfahren beruht die Anklage zu großen Teilen auf den Aussagen des Aussteigers", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Am heutigen Dienstag geht es zunächst um schwere Brandstiftung. Die Angeklagten sollen bereits am 14. Januar 2010 in Marzahn einen Pkw angezündet haben, um einem Mitglied der Hells Angels einen Denkzettel zu verpassen. Das Fahrzeug war auf den Namen des Vaters des verfeindeten Hells-Angels-Mitglieds zugelassen.

Im zweiten Prozess Ende Oktober wird noch ein fünfter Angeklagter hinzukommen. Dabei geht es unter anderem um Raub und gefährliche Körperverletzung. Einige der Angeklagten sollen der Gruppe "La Onda" angehören, einem besonders berüchtigten Unterstützerklub der Bandidos. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen eine brutale Messerattacke gegen einen Hells Angel sowie einen nicht minder brutalen Überfall auf zwei Frauen in deren Wohnungen vor. Auch diese Taten liegen bereits einige Zeit zurück. Nun werden sie möglicherweise mithilfe des Kronzeugen aufgeklärt.

Rocker, die mit der Polizei reden oder gar vor Gericht aussagen, das hat es in Berlin bislang noch nicht gegeben. Der strikte Ehrenkodex funktioniert oder funktionierte bislang gut, wie sich in vielen Verhandlungen vor Gericht zeigte. Unter großen Mühen trugen Ermittler Beweise zusammen, um dann oft in den Hauptverhandlungen zu erleben, wie Zeugen und selbst Opfer einen plötzlich auftretenden Gedächtnisverlust erlitten. Folgerichtig endeten die meisten Verfahren mit Freisprüchen.

Das, so hoffen die Ermittler der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamtes (LKA), könnte sich jetzt ändern. Experten wie Bernd Finger, Leiter der OK-Abteilung des LKA, sehen durchaus Anlass für diese Hoffnung. "Seit der jüngsten Zuspitzung der Gewalt und dem starken polizeilichen Druck erklären uns zunehmend Rocker: 'Ich will raus, ich habe Angst'", sagt Finger.

Jeder, der den Ausstieg wage und mit den Behörden kooperiere, könne ein Entgegenkommen der Justiz erwarten, versicherte der OK-Leiter, etwa in Form von Strafmilderungen. Zudem werde man selbstverständlich für die Sicherheit der Aussteiger sorgen.