Schenkladen

Wenn das Bezahlen mal nicht erwünscht ist

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In vier Umsonstläden gibt es Dinge kostenlos

Das Herzstück des kleinen, rot gestrichenen Ladens in Friedrichshain ist der hinterste Raum: Links ein prall gefüllter Schuhschrank, daneben volle Kleiderstangen; in den Regalen an der Wand und auf einer Galerie liegen Bücher, Elektrogeräte und Geschirr. Es sieht ein bisschen aus wie in einem Secondhand-Laden, weil viele Dinge gebraucht sind. Doch es gibt einen großen Unterschied: Hier im "Schenkladen Systemfehler" in der Jessnerstraße 41 kann jeder etwas abgeben oder mitnehmen ohne zu bezahlen. Alles ist gratis.

Solche Umsonstläden, die in der Regel von Ehrenamtlichen organisiert werden, liegen im Trend: Vor 13 Jahren wurde der deutschlandweit erste in Hamburg eröffnet - mittlerweile gibt es rund 60 in der gesamten Republik, in Großstädten wie im ländlichen Raum gleichermaßen. Robert Podzuweit, einer der Freiwilligen im Berliner "Schenkladen", berichtet: "Die Zahl der Umsonstläden hat zugenommen. Ich war anfangs in einem in Mitte. Das war damals der einzige in der Stadt. Mittlerweile gibt es vier und es erkundigen sich oft Leute, die auch einen eröffnen wollen."

Jeder ist willkommen

Der erste Umsonstladen in Deutschland wurde im März 1999 von Hilmar Kunath in Hamburg-Altona gegründet - als Projekt der Nachbarschafts- und Selbsthilfe. Der 62 Jahre alte Gymnasiallehrer erklärt das Konzept folgendermaßen: "Alles auf dieser Erde ist käuflich. Die Menschen regulieren ihre Wirtschaftsweise über den Markt. Wir wollten verdeutlichen, dass man Wirtschaften ansatzweise im Alltag wieder in die eigenen Hände nehmen kann". Etwa zeitgleich zur Entstehung des Ladens in Hamburg habe es mit den "Weggeefwinkels" auch eine Parallelentwicklung in den Niederlanden gegeben.

Ob nun im Nachbarstaat oder in Deutschland - das System der Umsonstläden ist einfach: Wer Dinge zu Hause hat, die nicht mehr benötigt werden, kann diese in den Läden abgeben. Und jeder, der will, kann sich etwas mitnehmen. Es gibt kein Tauschprinzip, Nehmen und Geben sind nicht aneinander gekoppelt, erklärt der 43-jährige Podzuweit.

Angenommen wird in der Regel alles, was eine Person allein tragen kann. In erster Linie finden sich Kleidung, Bücher und andere Gebrauchsgegenstände in den Regalen des "Schenkladens". "Selten werden auch Notebooks oder DVD-Player gebracht", sagt Podzuweit.

Die Bandbreite der Besucher in Umsonstläden reicht vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Professor. Damit niemand den Laden leerräumt und die Dinge anschließend auf dem Flohmarkt verhökert, wurde von jedem Laden individuell eine Obergrenze festgelegt. "Bei und dürfen in der Regel fünf Dinge mitgenommen werden. Aber wenn wir sehen, dass jemand es wirklich braucht, machen wir eine Ausnahme", berichtet Podzuweit. Manchmal gebe es nämlich auch Gegenstände, bei denen die Fünf-Teile-Regel nutzlos wäre - etwa bei Essservices. "Wir können ja schlecht sagen, dass der Nutzer nur zwei Teller, zwei Schüsseln und eine Tasse mitnehmen darf. Das wäre sinnlos."

Auf Spenden angewiesen

Der "Schenkladen" ist - wie einige andere Umsonstläden auch - Teil eines Gesamtprojektes. Die vorderen Räume - wo sich auch eine Theke, Tische und Stühle befinden - werden für Veranstaltungen wie Lesekreise und Theaterproben genutzt. Zudem finden regelmäßig Zeichenkurse und ein Café statt. Das Projekt "Systemfehler" wurde vor rund fünf Jahren von zwei Studenten initiiert. "Sie wollten einen Ort haben, den man kulturell nutzen kann, der aber auch dazu dienen kann, sich selber zu organisieren. Die Menschen sollen hier das machen können, was sie wollen", erklärt Podzuweit. Es gebe drei Gründe, einen Umsonstladen zu gründen, sagt Podzuweit: zum einen die soziale Motivation, Menschen ohne Geld Dinge zu geben, die sie benötigen; zum anderen die ökologische Motivation, Brauchbares weiterzuverwenden statt wegzuwerfen und drittens die politische Motivation, eine andere Form von Wirtschaften zu betreiben.